Gastkommentar

Chlapf a Grind

Das Coronavirus hat unserer Gesellschaft eine Lektion erteilt.

Das Coronavirus hat unserer Gesellschaft eine Lektion erteilt.

Komiker Peach Weber über eine Erziehungsmethode der Vergangenheit und ihre allfällige Aktualität.

Sie können sich freuen, in dieser Kolumne wird das Wort "Corona" nicht vorkommen. Upps, schon passiert, exgüsi. Eigentlich will ich ja über die Methode "Chlapf a Grind" schreiben. Dieses pädagogische Erziehungsprinzip aus früheren Tagen ist natürlich heute zu Recht verpönt und verboten. Zur Erinnerung: Noch vor wenigen Jahrzehnten war es gang und gäbe in Schule und Familie einem frechen oder widerborstigen Zögling mit einer Ohrfeige zu zeigen, wo der Bartli den Most holt, sprich, ihn auf den richtigen Weg zu katapultieren.

Argument: Es gibt Kinder, die verstehen keine andere Sprache. Was für ein Unsinn!

Nicht selten bekam ein Söhnlein, das frisch geohrfeigt von der Schule kam, vom Vater stante pede auch noch eine "Flättere", mit der Begründung: Der Lehrer wird schon recht haben. Heute würde so ein Fall bis vor die Menschenrechtskommission gezogen.

Die Chlapf-Methode wurde auch präventiv eingesetzt, entstand nämlich durch Übermut in der Klasse oder in einer Kinderschar ein heilloses Durcheinander und Geschrei, hat ein handfester Erziehungsberechtigter dem grössten Übeltäter eine pädagogische Gesichtsmassage kredenzt und blitzartig war Ruhe im Karton.

Dieses Bild kam mir in den Sinn in den ersten Tagen. Also nicht in den ersten Tagen, als wir noch glaubten, das hätte mit uns allen nix zu tun und wir könnten einfach durch den Verzicht von Fledermaus-Leckereien die Sache auf China beschränken. Nein, ich rede von den ersten Tagen, als wir uns im Hausarrest befanden und viele sich fragten: "Zu Hause bleiben, wie geht das?"

Seit Jahren war es für uns selbstverständlich geworden, hunderte von Events zu besuchen, jede Woche einen dreckbilligen Städteflug zu machen oder mit einer Kreuzfahrt die Zeit totzuschlagen. Und nun das? Da kommt ein unsichtbares Lööli-Virus und zwingt die Regierungen, den Notstand auszurufen. Und sogar die grössten Regierungs-Knallchargen mussten ihren kleinen Fortpflanzungsstummel einziehen und klein beigeben.

Und gerade darum kann ich eine kleine Bewunderung für das Virus nicht verhehlen. Dieser kleine Schurke hat uns völlig auf dem linken Fuss erwischt. Zuerst spürte man in der Bevölkerung eine Art Schockstarre, eben "Ruhe im Karton".

Seien wir ehrlich, wir waren doch auch wie eine übermütige Kinderschar auf einer jahrzehntelangen Schulreise, die immer mehr und mehr überbordete, da niemand Einhalt gebot. Und jetzt plötzlich dieser "Chlapf a Grind", und alles ist zuerst mal ruhig. Damit Sie mich richtig verstehen, ich singe hier nicht das hohe Lied dieser Methode, aber wir haben diese Klatsche nun mal bekommen, können auch nicht mit einem Anwalt dagegen vorgehen, sitzen nun einfach in unseren Wohnungen und verstehen vielleicht zum ersten Mal den Begriff: Zurückgeworfen sein auf sich selber.

Ich bin überzeugt, die Welt wird nachher, wenn alles endlich vorbei ist, keine völlig andere sein. Es wird eine Mischung werden aus "Das müssen wir verändern" und "Weiter so und jetzt erst recht". Vielleicht könnte diese seltene Erfahrung, die wir jetzt machen, eine gute Übung sein dafür, nicht zu warten, bis die Umweltproblematik auch so akut wird wie jetzt dieser üble Winzling. Oder schauen wir weiter zu, bis plötzlich das Wasser fehlt, die Luft nicht mehr brauchbar oder alles verdorrt ist? Wir könnten ja aus dieser Erfahrung lernen, was alles möglich ist, wenn es plötzlich um Leben und Tod geht.

Ich habe aber schon ganz am Anfang gesagt: Diese Zeit wird die guten Menschen noch besser machen, und die Trottel werden noch dümmer werden. Werden wir im etwas vergessenen Problem nun endlich reagieren, oder braucht es da auch einen "Chlapf "?

Bei Kindern und Schülern bin ich davon absolut überzeugt, dass eine Ohrfeige ein Armutszeugnis ist, bei der Menschheit als solcher bin ich mir da nicht so sicher.

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