Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Wie etwa vergangene Woche im Zusammenhang mit schweizerisch-türkischen Schülern. Sie stellten in der Ostschweiz im Heimatkunde-Unterricht die Schlacht von Gallipoli nach, ein Gefecht im Ersten Weltkrieg, bei dem Soldaten des Osmanischen Reichs britische, australische und französische Einheiten zurückschlugen. Das sorgte für heftige Kritik.

Zuvor hatte die Ausstellung «Heimat – eine Grenzerfahrung» – positive – Wellen geschlagen. Mit 90'000 Besuchern in 12 Monaten wurde sie zur erfolgreichsten Ausstellung des Stapferhauses Lenzburg. Sie traf den Nerv der Zeit. Und in Deutschland wurden Heimatministerien Mode.

Deutsches Heimatministerium

Bayern hat seit 2014 ein Ministerium für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat. Nordrhein-Westfalen führte 2017 nach dem Regierungswechsel von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb ein Ministerium für Heimat, Kommunales und Gleichstellung ein. Und im März richtete Horst Seehofer (CSU) auf Bundesebene ein Heimatministerium ein.

Nur: Wie kommt der Begriff Heimat, der noch Ende des letzten Jahrtausends als verstaubt galt, zu einem solch fulminanten Comeback? Eine Erklärung ist zu finden im rasanten Wandel von heute, sei es in der Gesellschaft oder in der Arbeitswelt. Digitalisierung und Globalisierung sorgen für einen grossen Umbruch.

Dieser weckt das Bedürfnis der Menschen, über das Thema Heimat nachzudenken. «Ein Blick in die Kulturgeschichte verrät, dass Menschen immer dann über Heimat reden, wenn sie glauben, so etwas wie Heimat verloren zu haben», schreibt die deutsche «Zeit».

So gesehen sei Sprechen über Heimat ein Symptom: für «kollektive Entwurzelungsgefühle». Diese Entwicklung ist den Politikern in der Schweiz nicht verborgen geblieben. Sie wollen Heimat intensiver bewirtschaften, als sie das – mit Ausnahme der SVP – in den letzten Jahrzehnten taten. Grünen-Präsidentin Regula Rytz sagte auf «Watson»: «Wir müssen der SVP den Begriff Heimat streitig machen.» Sie komme immer dann «extrem gut» an, wenn sie das vor einem konservativen und ländlichen Publikum tue.

Heimat ist Ansichtssache

In der Schweiz stehen sich zwei Grundkonzepte von Heimat gegenüber. Die Linke – und mit ihr die FDP – sieht das Heimat-Fundament der Schweiz in der Aufklärung und im liberalen Bundesstaat von 1848 mit der direkten Demokratie. Grünen-Präsidentin Rytz spricht von Heimat-Werten wie Pioniergeist, Dialogkultur und Ausgleich, die auf diese Zeit zurückgingen und heute typisch grün seien.

Die SP hält im aktuellen Parteiprogramm von 2010 zum Begriff Heimat fest: «Angesichts der Herausforderung offener Grenzen und neuer sozialer Risiken löst sich gleichzeitig das frühere Selbstverständnis einer kompakten, in der Heimat verwurzelten Leitkultur allmählich auf.» Sie werde von einer bunten Vielfalt nebeneinander existierender Kulturen abgelöst.

Für SVP wie CVP steht die christliche Leitkultur im Vordergrund. «Die Heimat-Bewegung ist eine Gegenbewegung zum Multikulti-Trend, bei dem alles toleriert wurde», sagt SVP-Präsident Albert Rösti. CVP-Präsident Gerhard Pfister hielt in der NZZ fest, es sei «sinnvoll, Identitäts- und Herkunftsfragen wieder selbstbewusster ins Feld zu führen».

Im Leitbild 2025 betont die CVP «Schweizer Werte». Die FDP trifft sich im Punkt Sicherheit mit SVP und CVP. «Um das Heimatgefühl von allen aufrechtzuerhalten, ist die Schweiz verpflichtet, ihre Gesetze um- und durchzusetzen», sagte FDP-Präsidentin Petra Gössi in einem NZZ-Gespräch zu Heimat. «Da müssen wir wieder härter werden.»

Bedeutet das Revival des Begriffs Heimat, dass auch die Schweiz ein Heimatministerium braucht, wie es Deutschland geschaffen hat? Eines der Ziele von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ist es, sich als Heimatminister um strukturschwache Regionen zu kümmern. Er will auch dem Gefühl vieler Bürger entgegentreten, die Heimat verloren zu haben.

Das Problem der Sprachen

Probleme, die – abgeschwächt – auch in der Schweiz vorhanden sind. Es deutet einiges darauf hin, dass sich die Wähler auf dem Land zurzeit aus Frust demobilisieren. Dennoch wäre es wenig sinnvoll, ein Schweizer Heimatministerium zu schaffen, um solchen Tendenzen vorzubeugen. Schon allein aus sprachlichen Gründen ist das illusorisch. Heimat heisst auf französisch «patrie» und auf italienisch «patria» – Vaterland, ein aus der Zeit gefallener Begriff. Auch politisch ist ein solches Ministerium nicht realistisch. SVP wie SP winken ab.

Heute müsste man am ehesten Innenminister Alain Berset mit seinem Bundesamt für Kultur als Heimatminister bezeichnen. Hymne, Heimatschutz, lebendige Traditionen, Filme und Design fallen in seinen Bereich. Doch auch Justizministerin Simonetta Sommaruga spielt mit dem Ausländer- und Asylbereich eine wichtige Rolle. Genauso wie Umweltministerin Doris Leuthard. Sie ist für die Raumplanung zuständig.

Das zeigt: Die Schweiz braucht keinen Superminister für Heimat. Es ist Sache aller Bundesräte, Antworten zu geben auf die Ängste der Menschen in einem Moment grosser Umwälzungen.