Wochenkommentar

Darum prüfe gut, bevor man sich in ein fremdes Bett legt

Die abtretende FDP-Ständerätin Christine Egerszegi empfiehlt SP-Amtskollegin Pascale Bruderer zur Wahl. Das ist vielleicht weniger schlimm, als es auf den ersten Blick aussieht. Viel dümmer ist eine andere Listenverbindung im Aargau.

Eines muss man der Aargauer FDP-Führung lassen: Sie hat bewundernswert gelassen reagiert auf die ungewöhnliche Wahlempfehlung ihrer Ständerätin Christine Egerszegi. Denn diese macht sich stark für die Wiederwahl von SP-Ständerätin Pascale Bruderer, also für die politische Konkurrenz. Sie zeigt sich mit Foto auf deren Homepage und lässt sich so zitieren: «Auch künftig braucht es im Ständerat ein starkes Team für den Aargau.» Das sorgte national für Schlagzeilen und in Internet-Foren für heisse Debatten.  

Parteispitze entrüstet: FDP-Egerszegi unterstützt SP-Bruderer

Parteispitze entrüstet: FDP-Egerszegi unterstützt SP-Bruderer

Die beiden Aargauer Ständerätinnen sind ein eingeschworenes Team, sie verstehen sich menschlich ausgezeichnet und vertreten in vielen Fragen dieselbe Position. So gesehen ist die Unterstützung nachvollziehbar. Weitaus pikanter ist die Tatsache, dass Egerszegi kein Wort über den eigenen Ständeratskandidaten verliert, den Nationalrat und FDP-Präsidenten Philipp Müller. Selbst auf Nachfrage reicht sie kein Votum der Unterstützung nach. Sie sagt bloss und im Widerspruch zu ihrem Auftritt bei Bruderer: «In den Wahlkampf 2015 mische ich mich nirgendwo aktiv ein. Ich freue mich, dass ich das von aussen sehen kann.»

Man stelle sich vor, was in der SVP los wäre, wenn zum Beispiel Maximilian Reimann für Pascale Bruderer werben würde, nicht aber für SVP-Kandidat Hansjörg Knecht. Oder welcher Aufschrei durch die SP hallte, würde Cédric Wermuth CVP-Frau Ruth Humbel portieren, nicht aber Bruderer. Beide Szenarien sind völlig undenkbar. Egerszegis Unabhängigkeit erstaunt da weniger. Sie handelt immer so, wie sie es für richtig hält – unabhängig davon, wer was von ihr erwartet. Gibt es Ärger, pflegt sie dieses chinesische Sprichwort zu rezitieren: «Wer sich nach allen Seiten verneigt, stösst mit dem Hintern überall an.»

Politiker verdanken ihre Karriere der Partei

Nun wünscht man sich mehr Politiker, die selber denken, und weniger solche, die bloss ihrer Partei nachplappern. Gleichzeitig irritiert es, wenn Amtsträger sich plötzlich so aufführen, als sei ihre Karriere gottgegeben, wenn sie also mit den Jahren vergessen, dass ihr Aufstieg ohne Partei nie möglich gewesen wäre. Da darf man in entscheidenden Fragen Loyalität erwarten, losgelöst von persönlichen Querelen. Dass Egerszegi und Müller in unterschiedlichen Spektren des Freisinns politisieren, ist bekannt. Gerade in diesem Wahlkampf jedoch geht es für die Freisinnigen um viel: Können sie Egerszegis frei werdenden Sitz halten – oder verlieren sie ihn an SVP oder CVP? Das Rennen ist völlig offen.

Ob Egerszegis Engagement für Bruderer dem Freisinn schadet, ist allerdings eine andere Frage. Man kann es auch so sehen: Rechtsbürgerliche Kreise innerhalb der FDP werfen ihrer eigenen Ständerätin dauernd vor, sie sei nach links abgedriftet (obwohl es eher so ist, dass sich der einst breite Freisinn auf einen rechtsbürgerlichen Kern eingeengt hat). In diesen Kreisen hilft es Müller vielleicht sogar mehr, wenn Egerszegi ihn explizit nicht unterstützt.

Die Bankrotterklärung von BDP und Grünliberalen

Eindeutig eine riesengrosse Dummheit ist hingegen eine andere Art der Zusammenarbeit, die im Aargau für Erstaunen sorgt: BDP und Grünliberale sind mit EVP, Sozial-Liberaler Bewegung und sogar Ecopop eine Listenverbindung eingegangen – also mit jener Bewegung, die 2012 mit ihrer extremen Volksinitiative bekannt wurde. Im Aargau sagten damals 70,6 Prozent Nein zu rigoroser Beschränkung der Zuwanderung und staatlich verordneter Familienplanung. Grünliberale und BDP bekämpften Ecopop damals vehement.

2011 traten BDP und Grünliberale als «neue Mitte» an, als unverbrauchte Kräfte mit liberaler Ausrichtung, als Alternative zu FDP, CVP und SVP. So eroberten sie je einen Nationalratssitz. Wenn diese ehemals erfrischenden Kräfte sich jetzt mit Moralparteien und wirtschaftsfeindlichen Kreisen zusammenschliessen, dann ist das eine Bankrotterklärung. Besonders absurd: Nicht mal aus mathematischen Überlegungen macht die Listenverbindung für BDP und Grünliberale Sinn; einen zweiten Sitz holen sie ohnehin nicht.

Die Wählerinnen und Wähler erwarten von den Parteien eine Haltung. Wer jedoch mit dem politischen Gegner ins Bett steigt, zeigt nicht Haltung, sondern entlarvt sich als Opportunist. Deshalb könnte es gut sein, dass BDP und Grünliberale mit ihrem unüberlegten Akt der traditionellen Mittepartei FDP und ihrem Spitzenkandidaten Philipp Müller mehr Schub verleihen, als Christine Egerszegi das je vermocht hätte.

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