Ich komme immer gerne zurück von Reisen. Es ist erstaunlich, wie viel sich in Baden verändert, wenn man nur mal eben ein paar Wochen weg war. Da klafft plötzlich ein grosses Loch im Schulhausplatz und der Strassenrand ist übersät mit Wahlplakaten in allen Farben.

Und doch fällt mir eines immer wieder auf: Baden ist noch immer so grau, wie als ich die Stadt verlassen habe. Kein Wunder, hier gibt es schliesslich ein kleines Auto, das in der ganzen Stadt herumfährt und auf dem in kleinen Buchstaben steht «Baden ist: Graffiti-Entfernung». Haben Sie so etwas schon einmal in Berlin gesehen? 

Simon Balissat

Simon Balissat

Oder in London? Während Graffiti in anderen Städten den öffentlichen Raum prägen, werden sie hier verteufelt und sofort beseitigt. Und ich spreche nicht von hässlichen Schmierereien auf Fassaden, sondern von bunten, kreativen Malereien.

Ganz anders sieht es in den Grossstädten dieser Welt aus: triste Hausfassaden werden in Auftragsarbeiten zu riesigen Gemälden. Längst ist nicht mehr von Schmierereien die Rede, sondern von Street Art. Künstler wie der Brite Banksy werden in Galerien gefeiert und ihre Werke zu Rekordpreisen verkauft. In der Schweiz kann man froh sein, wenn die Kinder in einer Schule eine Wand bemalen dürfen oder die Jugendarbeit mit Graffitiworkshops versucht, die Jugend zu erreichen.

Das ist auch kein spezifisches Problem von Baden: Keine Stadt hat den Mumm, grössere Flächen von Street-Art-Künstlern gestalten zu lassen. Wahrscheinlich aus Angst, es würden illegale Schmierereien folgen. Und dies, obwohl es unter Graffitikünstlern als verpönt gilt, andere Werke zu übermalen.

Das Potenzial wäre in Baden nämlich riesig. Nehmen wir etwa die tristen, grauen Stützen der Busrampe beim Badener Hauptbahnhof: Täglich fahren Tausende Pendler mit dem Zug daran vorbei. Würden die Stützen mit einem Kunstwerk versehen, es wäre Gesprächsstoff! Bald schon würde das Kino Sterk seine Fassade auch verschönern wollen und einen Künstler anheuern, weil alle immer bloss die andere Seite der Geleise anstarren. Das wiederum lässt die Raiffeisenbank beim Gstühlcenter nicht auf sich sitzen und übertrumpft mit einem noch bunteren, noch schöneren Graffiti an der Fassade.

Natürlich geht das Spiel so weiter: Das «Piazza» am Theaterplatz springt auch auf den Zug auf, die ABB, die NAB und sogar die UBS setzen statt auf grauen Beton auf bunte Gemälde von internationalen Künstlern. Ehe man sich versieht, gilt Baden als Schweizer Mekka der Street Art! Plötzlich sind die Hotels auch übers Wochenende ausgebucht.

Statt Managern sind es junge Leute und Kunstinteressierte aus aller Welt, welche die Freiluftgalerie Baden besuchen wollen. Neben den bekannten Stadtführungen werden dann Graffiti-Führungen veranstaltet. Und die Geschäfte stellen neben den Mannequins Street Art in die Schaufenster, weil man vom Hype profitieren will. Die Graffiti-Entfernung wäre deswegen nicht überflüssig. Sie wird bloss umfunktioniert. Neu steht auf dem kleinen Auto «Baden ist: Graffitirestauration».