Waffenlieferung
Jetzt auch Panzer und schweres Gerät: Westen will Ukraine aufrüsten, bevor Putin zum grossen Sturm ansetzt

Die Nato erwartet einen russischen Grossangriff in der Ost- und Südukraine schon sehr bald. Um diesen zurückzuschlagen soll Kiew jetzt auch schwere Waffen erhalten.

Remo Hess, Brüssel
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Solche T-72 Panzer schickt Tschechien gemäss Medienberichten in die Ukraine (Bild: T-72 der ungarischen Armee)

Solche T-72 Panzer schickt Tschechien gemäss Medienberichten in die Ukraine (Bild: T-72 der ungarischen Armee)

Keystone

Die russischen Streitkräfte haben zwar grosse Verluste erlitten und mussten nach einem wochenlangen Zermürbungskrieg aus dem Umland von Kiew und dem Norden der Ukraine abziehen. Aber geschlagen sind sie deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Die Nato rechnet damit, dass sich die Russen über Belarus zurückziehen, ihre Verbände neu gruppieren, aufmunitionieren und dann direkt in die Ost- und Südukraine für eine neue Grossoffensive verschieben.

«Sie werden versuchen, den ganzen Donbass einzunehmen und eine Landbrücke zur besetzten Krim zu schlagen», sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel am Rande eines Nato-Aussenministertreffens. Damit würde der Krieg in eine «neue Phase» eintreten. Es gebe jetzt ein Zeitfenster von wenigen Wochen, um der Ukraine die notwendigen Mittel zur Verteidigung zur Verfügung zu stellen.

Allgemein rechnet Stoltenberg nicht damit, dass der Krieg so schnell vorbei sein wird. Es gebe keine Anzeichen, dass Putin von seinem Ziel abrücke, die ganze Ukraine zu kontrollieren. Es sei deshalb möglich, dass der Krieg noch «viele Monate oder sogar Jahre» andauern könnte, so der Norweger.

Viele Soldaten und Material: Der Krieg dürfte konventioneller werden

Tatsächlich dürfte der Krieg mit der russischen Konzentration auf die Ost- und Südukraine seinen Charakter verändern. Der Grund: Im Donbass sind starke Teile der ukrainischen Armee stationiert. Russland dürfte versuchen, diese Truppen in einer gross angelegten Offensive einzukesseln und abzuschneiden.

Im Gegensatz zur Situation rund um Kiew, wo die Ukrainer mit dem Angriff auf kleine, teils isolierte russische Einheiten und überdehnte Versorgungslinien grosse Erfolge erzielen konnte, könnte es nun zu einem eher herkömmlichen Bewegungskrieg mit einer hohen Zahl an Soldaten und Fahrzeugen kommen.

Um sich hier zu behaupten und die russische Offensive zurückschlagen zu können, braucht die Ukraine andere Mittel, als die vom Westen bis jetzt bereitgestellten Defensivwaffen wie Panzerfäuste und schultergestützte Flugabwehrraketen. Konkret: Die Ukraine braucht schwere Waffen, also Panzer, Artillerie und gepanzerte Fahrzeuge sowie Radarsysteme. Und sie braucht Benzin, Munition und viele weitere Betriebsmittel für diese Art von Krieg. «Man kann keine Gegenoffensive starten mit einer Panzerfaust», fasst es der ukrainische Botschafter in Deutschland Andij Melnyk in einem Interview zusammen.

Tschechien liefert Panzer. Deutschland bald auch?

Dass die Nato-Alliierten der ukrainischen Forderungen nachkommen und jetzt auch schwere, zur Gegenoffensive taugliche Waffen liefern werden, räumt Stoltenberg ein. Ins Detail gehen, wer genau was liefert, will er aber nicht, sondern sagt nur, dass man «signifikante» Unterstützung auch im Bereich schwerer Waffensysteme leiste.

Stoltenberg: «Es ist besser, wenn die Alliierten ihre Unterstützung liefern, als dass sie als öffentlich darüber reden». Dies auch aus der Befürchtung, Russland könnte Vergeltungsaktionen gegen Nato-Mitglieder durchführen und die Verteidigungsallianz als solches in den Krieg hineinziehen.

Bekannt ist, dass Tschechien der Ukraine jetzt T-72 Kampfpanzer aus sowjetischer Zeit und BMP-1 Schützenpanzer aus Bestand der DDR-Volksarmee liefern will. Wie viele ist unklar. Ein Bericht des tschechischen Fernsehens zeigte zu Wochenbeginn aber mehrere, auf einen Güterzug verladene und zum Abtransport bereite T-72. Zuletzt hatte Tschechien rund 90 solche Panzer eingelagert. Die deutsche Bundesregierung hat als ehemaliger Eigentümer die Lieferung von insgesamt 58 Schützenpanzern aus tschechischem Bestand bewilligt.

Auf der Wunschliste: Deutscher Schützenpanzer vom Typ Marder bei einer Übung in Litauen (Archiv)

Auf der Wunschliste: Deutscher Schützenpanzer vom Typ Marder bei einer Übung in Litauen (Archiv)

Keystone

Gerade von Deutschland fordert die Ukraine aber mehr Unterstützung. Auf einer kürzlich ans Verteidigungsministerium überlieferten Liste steht zu oberst der Wunsch nach 100 Schützenpanzern des Typs «Marder». Solche wurden von der Bundeswehr kürzlich ausgemustert, bei der Rüstungsfirma Rheinmetall parkiert und würden von der Ukraine gerne übernommen werden.

Der Kiewer Bürgermeister und ehemalige Boxweltmeister Vitali Klitschko soll die Bitte bei einem Besuch in Berlin vergangene Woche nochmals unterstrichen haben. Bis jetzt habe das Verteidigungsministerium jedoch keine definitive Antwort auf die Anfrage gegeben, berichten deutsche Medien.

Dass der Entscheid positiv ausfallen oder Deutschland zumindest andere schwere Waffen liefern könnte, deutete Aussenministerin Annalena Baerbock am Montag an: Man prüfe eine Lieferung von Waffensystemen, «die wir bisher nicht geliefert haben», so Baerbock. Zudem werde geschaut, «ob technische Probleme, die bei der Lieferung und Nutzung» deutscher Waffen aufgetreten seien, nicht doch lösbar seien.

Selenski: «Russland verwendet Hunger als Waffe»

Unterdessen gehen auch nach dem Bekanntwerden der Kriegsgräueln in Butscha mit mehreren hundert toten Zivilisten die Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland über ein Ende der Kampfhandlungen weiter. Laut dem Kreml-Pressesprecher Dmitri Peskow würden diese aber «viel zähflüssiger» vorangehen. Er warf der ukrainischen Seite erneut vor, die Bilder in Butscha «inszeniert» zu haben, was Satellitenaufnahmen mittlerweile widerlegen.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski seinerseits beschuldigte Russland, Hunger gezielt als Kriegswaffe einzusetzen. Russlands Armee zerstöre die Lebensgrundlage der Menschen und blockiere die Häfen des Landes. Das Ziel sei, «Hunger als Waffe gegen uns, gegen einfache Menschen als Instrument der Unterdrückung einzusetzen», so Selenski in einer Ansprache an das irische Parlament.