Versorgungskrise
Auf das Tank-Desaster folgt der Truthahn-Notstand: Grossbritannien kommt nicht zur Ruhe

Boris Johnson macht umstrittene Ferien. Derweil fürchten die Briten um ihr traditionelles Weihnachtsessen.

Sebastian Borger, London
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Johnson wie er leibt und lebt: Am britischen Premier scheint die Versorgungskrise seines Landes fast spurlos vorbeizugehen.

Johnson wie er leibt und lebt: Am britischen Premier scheint die Versorgungskrise seines Landes fast spurlos vorbeizugehen.

AP

Boris Johnson wollte mit seiner Familie entspannte Herbstferien im spanischen Marbella machen. Doch kaum ist der britische Premier in der Villa seines Energieministers Zac Goldsmith angekommen – wer für die Reise und seinen Aufenthalt bezahlt, das wollte Johnson nicht verraten –, da geht das Drama zu Hause schon wieder los.

Schon seinen letzten Urlaub musste Johnson im August nach nur einem Tag abbrechen, weil die Taliban Afghanistan überrannten. Jetzt macht David Frost einen Strich durch die Ferienrechnung des Premiers. Der britische Chefverhandler mit der EU brach einen neuen Streit vom Zaun: Er hat bekannt gegeben, dass sich die Briten bei zukünftigen Streitfällen nichts mehr vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) sagen lassen werden, weil das die britische Souveränität beeinträchtige.

Das ist neuer Sprit auf das lodernde Feuer zwischen den Briten und der EU, die sich wegen der noch immer nicht gänzlich geklärten Nordirland-Frage in den Haaren liegen. Und dann sind da auch noch die innenpolitischen Probleme, die Johnson das Abschalten in Spanien erschweren dürften: Nach einer Reihe anderer Versorgungsmängel hat in den vergangenen zwei Wochen eine Benzinkrise Grossbritannien erschüttert. Opposition und Fachleute machten den harten Brexit der Regierung als eine der Hauptursachen aus.

Der Ansturm auf die Tiefkühltruhen wächst

Premierminister Johnson hingegen lastet die Probleme der heimischen Wirtschaft an: Diese habe sich zu sehr auf billige Arbeitskräfte aus der EU gestützt. Sein Land sei nach einer Phase von «Belastungen und Anstrengungen» auf dem Weg, das «kaputte Wirtschaftsmodell mit niedrigen Löhnen, niedrigem Wachstum und niedriger Produktivität» hinter sich zu lassen.

Wie dem auch sei: Die Lage an den britischen Zapfsäulen hat sich deutlich entspannt, auch wenn gerade im Raum London noch immer nicht alle Tankstellen über ausreichend Benzin für ihre Kunden verfügen. Sorge bereitet den Briten derzeit viel eher der Gedanke an die nahende Weihnachtszeit. Grund dafür: Der Geflügelzüchterverband warnte davor, zu Weihnachten könnten die hochbegehrten Truthähne knapp werden. Prompt meldeten Supermärkte wie Tesco, Aldi und Iceland einen Ansturm auf tiefgefrorene Vögel. Bei Waitrose haben schon jetzt doppelt so viele Kunden eine Lebensmittellieferung für die zweite Dezemberhälfte gebucht wie in normalen Jahren.

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