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Was, wenn Elon Musk kein Genie ist? Mit seiner Twitter-Kehrtwende sorgt der reichste Mensch der Welt für Verwirrung

Die Börse ist immer noch skeptisch, doch Elon Musk versichert: Nun will er den Kurznachrichtendienst Twitter wirklich übernehmen. Die Milliarden-Posse um die Übernahme zeigt, wie Musk wirklich tickt.

Renzo Ruf, Washington
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Elon Musk, reichster Mensch der Welt, könnte bald auch an der Spitze des Kurznachrichtendienstes Twitter stehen.

Elon Musk, reichster Mensch der Welt, könnte bald auch an der Spitze des Kurznachrichtendienstes Twitter stehen.

Patrick Pleul / AP

Eigentlich hat Elon Musk gerade keine Zeit. Der reichste Mensch der Welt, mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 235 Milliarden Dollar, gibt dieser Tage den Friedensstifter. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter – wo denn sonst? – veröffentlichte der Unternehmer zu Wochenbeginn seine Ideen für einen Plan zur Beendigung des Krieges zwischen der Ukraine und Russland.

Musks Ideen waren zwar unausgereift, um es einmal vorsichtig zu formulieren, und stiessen in Kiew auf ein höchst undiplomatisches, heftiges Echo. Selbst der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski mischte sich in die Debatte ein, und startete eine Twitter-Umfrage zum Thema. Klares Resultat der Erhebung: 79 Prozent der Abstimmenden bevorzugen einen Elon Musk, der die Ukraine unterstützt.

«Käse ist fantastisch»

Aber Musk ist Musk. Wenn er sich einmal in ein Problem verbissen hat, dann lässt er (einige Tage lang) nicht los. Also unterhielt er seine fast 108 Millionen Twitter-Follower mit einem stetigen Strom von virtuellen Gedankenblitzen über Gott, die Welt, den Ukraine-Krieg und andere wichtige Themen («Käse ist fantastisch»).

Irgendwie gelang es Musk gleichzeitig auch noch, sich aus einer unternehmerischen Sackgasse zu befreien, in die er diesen Sommer gefahren war. Kurzerhand legte der Unternehmer am Dienstag nämlich den Streit mit der Twitter-Geschäftsführung bei. Er verkündete, dass er nach einem mehrmonatigen Hin und Her nun doch bereit sei, das Unternehmen zu kaufen, und zwar zum ursprünglich vereinbarten Preis von 54.20 Dollar pro Aktie.

Ein Prozess vor dem Wirtschaftsgericht im US-Bundesstaat Delaware, angestrebt von der Twitter-Führung, die Musk an die gültige Übernahmevereinbarung erinnern wollte, sei damit nicht mehr notwendig, gab er bekannt.

Und natürlich verkündete der Tausendsassa dann auf Twitter, dass diese Ankündigung mitnichten eine Kehrtwende sei, sondern Teil eines Planes. Also schrieb Musk in einer Stellungnahme: Der Kauf von Twitter beschleunige die Entwicklung von X, der Applikation, die alles kann.

Umgehend schossen Spekulationen ins Kraut, wie denn das X-App genau aussehen könnte. Eine Kopie von WeChat vielleicht, der chinesischen Applikation, die nicht nur Online-Angebote wie Facebook oder Snapchat kopiert, sondern auch einen Bezahldienst beinhaltet? Während einer Info-Veranstaltung mit Twitter-Angestellten im Frühsommer soll Musk gesagt haben: «Es gibt ausserhalb von China kein WeChat-Äquivalent. Da besteht eine echte Chance, so etwas zu schaffen.»

Vielleicht riss Musk aber auch bloss einen virtuellen Witz, um von der peinlichen Niederlage im Streit um die Twitter-Übernahme – die ihn ein kleines Vermögen kosten wird – abzulenken. Das ist eine Behauptung, keine Frage. Aber das Hin und Her der vergangenen Monate zeigt, dass Musk oft impulsiv agiert. Und keine Strategie besitzt.

Auch Springer-Chef Mathias Döpfner gibt Ratschläge

Ein Beispiel: Als er sich im Frühsommer plötzlich dazu entschied, die Twitter-Übernahme platzen zu lassen – obwohl er bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages ausdrücklich auf eine «Due Dilligence», eine genaue Prüfung der Geschäftsbücher, verzichtet hatte –, da unterschätzte Musk die juristischen Folgen dieses Schrittes.

Die Twitter-Führung, unterstützt von den Aktionären des Kurznachrichtendienstes, strebte nach seinem ersten Rückzug einen Prozess an. Und im Zuge dieses Verfahrens musste Musk zum Beispiel private SMS und E-Mails publik machen.

Diese Nachrichten, zusammengefasst in einem 151 Seiten langen Dokument, sind höchst aufschlussreich. Sie zeigen, wie Musk tickt und wie er Ideen wälzt, Investoren umwirbt und Geschäfte macht. Da sind Botschaften von Mathias Döpfner zu lesen, dem wichtigsten Medienmanager Deutschlands, von Oracle-Gründer Larry Ellison oder von der Podcast-Legende Joe Rogan.

Zusammengenommen wirken die Botschaften zufällig, als habe Musk eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Und irgendwie wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, als fehle Musk der unternehmerische Unterbau für all die Entscheidungen, die er spontan trifft.

Auf Twitter kommen stürmische Zeiten zu

Und dennoch: Der gebürtige Südafrikaner ist der reichste Mann der Welt. Als Co-Gründer des Online-Bezahldienstes Paypal, des revolutionären Autobauers Tesla und des abgehobenen Raumfahrt-Unternehmers Space-X hat der heute 51-Jährige bewiesen, dass er nicht einfach nur ein Twitter-Phänomen ist. Aber vielleicht fehlen dem Tüftler die Beraterinnen und Berater, die ihn nötigenfalls bremsen, wenn seine Ideen zu abgehoben sind.

Twitter stehen damit stürmische Zeiten bevor, falls es mit der Übernahme des Unternehmens und der Dekotierung von der New Yorker Börse wirklich klappt. Das ist, trotz der Ankündigung Musks, immer noch nicht ganz sicher. Einige Börsianer jedenfalls glauben ihm nicht. So sank der Kurs der Twitter-Aktie am Mittwoch zwischenzeitlich unter 52 Dollar. Sie wissen: Musk ist zu allem fähig.