US-Wahlen
Nach den Siegen in Wisconsin und Michigan ist klar: Joe Biden schafft es auch ohne blaue Welle ins Weisse Haus

Der 77-jährige Demokrat steht kurz davor, sein Lebensziel zu erreichen. Sein Gegner Donald Trump schlug sich mit seinen eigenen Waffen.

Samuel Schumacher
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Joe Biden ist so gut wie durch: Im Januar dürfte er ins Weisse Haus einziehen.

Joe Biden ist so gut wie durch: Im Januar dürfte er ins Weisse Haus einziehen.

Keystone

Eine «blaue Welle» des Triumphs prophezeiten die Beobachter dem siegessicheren Joe Biden. Seinem republikanischen Kontrahenten aber sagten sie mit viel Gewissheit den «Knock-out» nach der ersten Runde im Weissen Haus voraus. Doch Donald Trump, der rhetorische Wellenbrecher, stellte sich der vermeintlichen demokratischen Flut kühn in den Weg. Allein im September und Oktober hielt er im ganzen Land 51 mehrstündige Rallyes mit jeweils Zehntausenden Anhängern ab. Da könnten selbst Showgrössen wie Mick Jagger (er ist blosse drei Jahre älter als Trump) kaum mithalten.

Trumps Schlussoffensive zeigte Wirkung. Seine Anhänger strömten am Wahltag in Scharen an die Urnen, um die Tournee des Polit-Superstars um vier weitere Jahre zu verlängern. Die fast zehn Prozentpunkte Vorsprung, die Joe Biden in den letzten nationalen Umfragen auf Donald Trump hatte, schmolzen in der Wahlnacht dahin. Trump fegte wie ein roter Wind durch die vermeintlichen Wackelstaaten im Süden und holte sich nebst seiner Wahlheimat Florida auch die laut den Prognostikern umkämpften Staaten Texas und North Carolina.

Je länger die Nacht dauerte, umso mehr entpuppte sich die vermeintliche blaue Welle als bläulicher Dunst, der gar schwach durch die Lande zog. Biden und Trump: Beide schwiegen stundenlang und liessen den demokratischen Prozess seinen Lauf nehmen. In den frühen Morgenstunden dann sprang der 77-jährige Demokrat auf eine Bühne in seiner Heimatstadt Wilmington und dankte den hupenden Fans für ihre «riesige Geduld». Kurz darauf wagte sich knapp 200 Kilometer südlich auch der amtierende Präsident aus der Deckung und schwang im Weissen Haus eine brandgefährliche Rede. Angespornt durch seine Erfolge in den früh ausgezählten Staaten, verkündete Trump ohne jegliche Datenbasis seinen Wahlsieg: ein abstruser, antidemokratischer Akt, der ihm selbst auf seinem Lieblingssender Fox News augenblicklich Kritik einbrachte.

Ein trauriger Moment: In der Nacht auf Mittwoch behauptet Donald Trump einmal mehr, Biden wolle ihm die Wahl «stehlen».

Ein trauriger Moment: In der Nacht auf Mittwoch behauptet Donald Trump einmal mehr, Biden wolle ihm die Wahl «stehlen».

Keystone

Trumps Forderung, die Auszählung der Stimmen sofort und wenn nötig mit richterlicher Gewalt zu stoppen, markiert einen historischen Tiefpunkt in der modernen amerikanischen Demokratie. Nie hat ein Präsident sein Land näher an den Abgrund der Autokratie geführt als Donald Trump in der Nacht auf Mittwoch. Er bezichtigte seinen Gegner, ihm die Wahl «stehlen» zu wollen. Biden äusserte sich nicht dazu und schaute still zu, wie sich zu den roten Staaten auf der US-Karte immer mehr blaue mischten. Nachdem sich Biden am späten Mittwochabend auch die Staaten Michigan und Wisconsin gesichert hat, gilt es als faktisch sicher, dass er bald als 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird.

Donald Trumps aussergewöhnliche politische Karriere – er wurde ohne jegliche Erfahrung in das mächtigste Amt der Welt gewählt – endet wohl am 20. Januar 2021. Eines aber hat der brillante Showman seinem Land und der ganzen Welt zum Schluss noch einmal eindrücklich gezeigt: Er ist unfassbar – auch für die vermeintlich hochpräzisen Statistiker, die ihm mit den modernsten Methoden ihres Fachs auf die Schliche zu kommen versuchten. Trump hat die Grenzen des scheinbar Möglichen gesprengt. Er hat die Welt verblüfft, seine zahlreichen Anhänger begeistert – und seine Gegner fast ein zweites Mal zum Verstummen gebracht. Dabei war es keine «blaue Welle», die ihn (Stand jetzt) stoppte. Sondern wohl einfach sein allzu eifriges Spiel mit dem Feuer.