US-Wahlen
Trumps Büro-Fliege schaut zurück und freut sich auf Biden – aus einem ganz bestimmten Grund

Am Dienstag hat Donald Trump seinen letzten vollen Arbeitstag als US-Präsident. Ob er seinem Nachfolger Joe Biden auch einen Streich spielt wie einst Bill Clinton bei George W. Bush?

Samuel Schumacher
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Diese Räumlichkeiten muss Donald Trump bald seinem Nachfolger Joe Biden übergeben: Das Oval Office.

Diese Räumlichkeiten muss Donald Trump bald seinem Nachfolger Joe Biden übergeben: Das Oval Office.

CH Media

Hier drüben an der Wand hocke ich, gleich oberhalb der Churchill-Büste. Wahnsinn, was seit Donalds Einzug hier bei uns im mächtigsten Büro der Welt alles passiert ist. Aus nächster Nähe habe ich es mitverfolgt. War ja immer hier im Oval Office, ausser dieses eine Mal im Wahlkampf, als ich mit Mike Pence zur Vizepräsidentschaftsdebatte ins Fernsehstudio mitflog und mich in sein schlohweisses Haar setzte. Sie erinnern sich vielleicht.

Bei uns im Oval Office war Mike zuletzt nicht mehr oft. Er hat sich mit dem Chef zerstritten, nachdem der draussen vor den kugelsicheren Fenstern am Dreikönigstag eine Brandrede hielt und seine Anhänger gegen das Kapitol hetzte. Das ging dem Vize zu weit.

Bild aus besseren Tagen, als Mike Pence im Oval Office noch ein willkommener Gast war.

Bild aus besseren Tagen, als Mike Pence im Oval Office noch ein willkommener Gast war.

Keystone

Dabei war der Start vor vier Jahren doch so gediegen. Das «Oval» wurde nach Obamas Abgang für 3,4 Millionen Dollar restauriert, Trump hängte goldene Vorhänge und Bilder von Abe Lincoln und George Washington auf. Nur die Früchteschale, die hier zur Freude von uns Büro-Fliegen immer rumstand, die liess er entfernen. Dafür stellte der neue Chef eine Vitrine an die Wand mit einem Brief, den er 1987 von Präsident Richard Nixon erhielt. Mit dem will Trump jetzt aber auch nix mehr zu tun haben, obwohl die Parallelen zwischen den beiden ja durchaus gegeben sind. Nur, dass Nixon seine politischen Vergehen (Stichwort: Watergate-Skandal) einsah und freiwillig abtrat, während Trump noch immer behauptet, er habe die Wahlen gewonnen.

Morgen muss er trotzdem gehen. Die Zügelautos stehen schon in der Einfahrt. Und Trump wird noch vor dem Mittag in seiner «Mar a Lago»-Residenz in Florida landen. Als erster Präsident seit 1869 bleibt er der Amtsübergabe-Zeremonie fern.

Beim ersten Besuch im Oval Office eine Woche nach seiner Wahl wirkte Trump noch etwas hölzern.

Beim ersten Besuch im Oval Office eine Woche nach seiner Wahl wirkte Trump noch etwas hölzern.

Keystone

Gerüchte machen die Runde, dass er an seinem letzten Arbeitstag mehr als 100 Personen begnadigen will – vielleicht sogar sich selber. Einen Brief an seinen Nachfolger in die Schreibtischschublade legen, wie es Tradition wäre, das macht er aber nicht. Vielleicht aber setzt er sich noch einmal kurz an den «Resolute Desk» und denkt an die speziellen Oval-Office-Momente zurück.

Da war der wirre Besuch des Rappers Kanye West, der ihm erzählte, sein «Make America Great Again»-Hut habe ihm «magische Kräfte» verliehen. Oder da war jener Sommertag 2019, als er den ukrainischen Präsidenten anrief und ihm drohte, er werde die Militärhilfe stoppen, wenn die Ukraine keine Ermittlung gegen Biden einleite. Das Telefonat hat ihn dann fast sein Amt gekostet.

Der Boss schien oft nicht zu realisieren, dass jeweils ganz viele Berater mithörten, wenn er zum Hörer griff und rumtelefonierte. Da war etwa der Anruf bei den Wahlverantwortlichen in Georgia, denen er drohte, rechtlich gegen sie vorzugehen, wenn sie ihm nicht sofort 11780 Wählerstimmen aus dem Hut zaubern. Und da war der Anruf bei Mike Pence vergangene Woche, in dem er seinem treuen Vize sagte: «Du kannst wählen, ob du als Patriot oder als Pussy in die Geschichte eingehen wirst.» Pence hat seine Wahl getroffen.

Natürlich gabs auch feierliche Momente. Etwa, als Ueli Maurer 2019 vorbeischaute. Er war der erste Schweizer Bundespräsident, der das Oval Office besuchte. Die beiden verstanden sich prächtig. Besser jedenfalls, als die «CNN»-Moderatorin danach Maurers Englisch-Versuche verstanden hat. In Trumps Gästebuch schrieb Maurer «Together ahead». Den Rüstungskonzern Ruag hats gefreut.

Im Mai 2019 war Bundespräsident Ueli Maurer im Oval Office zu Besuch.

Im Mai 2019 war Bundespräsident Ueli Maurer im Oval Office zu Besuch.

HO

Zuletzt aber war Donald nur noch selten hier. Dem Frust über seine Niederlage gegen Joe Biden hat er auf dem Golfplatz Luft gemacht. An 150 Tagen seiner Präsidentschaft ging er golfen. Kostete die Steuerzahler 144 Millionen Dollar. Teurer Spass.

Nun gut. In ein paar Stunden werden die Zügelmänner hier aufkreuzen und die Churchill-Büste wegräumen. Und vielleicht wird Trumps Team den Biden-Leuten ja auch einen Streich spielen. Clintons Leute entfernten einst alle «W»-Tasten von den Tastaturen der Computer, bevor George W. Bush hier eingezogen ist. Aber zum Spassen ist hier eigentlich keinem mehr zumute, seit Trump vor zwei Wochen einen ganz anderen Streich zu spielen versucht hat.

Ob ich ihn als Büro-Buddy vermissen werde? Vielleicht ein bisschen. Aber die Vorfreude auf den Neuen macht das alles wett. Der soll ein ganz Anständiger sein. Und eine Früchteschale lässt er sicher auch wieder aufstellen.