Trotz Sieg in letzter Hochburg: IS-Kämpfer bleiben eine Gefahr

Nach der militärischen Zerschlagung des IS-Kalifats fordern die syrischen Kurden die Rückführung von ausländischen Dschihadisten.

Michael Wrase, Limassol
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Die zerstörte Stadt Baghouz war die letzte Hochburg des IS. (Chris McGrath/Getty Images, 24. März 2019)

Die zerstörte Stadt Baghouz war die letzte Hochburg des IS. (Chris McGrath/Getty Images, 24. März 2019)

Weil die Regie des Weissen Hauses es so wollte, musste die Siegesfeier bereits vor der Einnahme des mutmasslich letzten Schlupfwinkels des sogenannten Islamischen Staates (IS) am Ufer des Euphrats stattfinden. US-Präsident Donald Trump hatte vorschnell reagiert und den Triumph über die Terrormiliz am Freitagabend verkündet. Die schweren Kämpfe in der IS-Bastion Baghouz waren zu diesem Zeitpunkt noch im Gange. Im Laufe des Samstags, als die internationale Presse das von schaurig entstellten Leichen übersäte Schlachtfeld inspizieren wollte, musste der Besuch aus Sicherheitsgründen überstürzt abgebrochen werden: Die letzten Kämpfer des IS wollten sich noch immer nicht ergeben.

Der verzweifelte Widerstand der fanatisierten Dschihadisten ändert aber nichts an der Tatsache, dass das im Juli 2014 in der grossen Moschee von Mosul proklamierte Kalifat militärisch zerschlagen worden ist. Der von der «New York Times» einmal als «teuflisch effizient» beschriebene Terrorstaat war damals so gross wie Grossbritannien, reichte von den Toren Bagdads bis in die Vororte von Aleppo, und hatte mehr als acht Millionen Einwohner.

IS bestreitet Niederlage

«Die 100-prozentige territoriale Niederlage», so die überwiegend kurdischen Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) in ihrem Sieges-Tweet, bedeutet jedoch nicht, dass der IS nun in der Versenkung verschwinden wird. Gebetsmühlenartig wies der Aussenbeauftragte der SDF, Adel Karim Umar, am Wochenende immer wieder daraufhin, dass «wir den Terror noch längst nicht besiegt haben». Die Terrormiliz, warnte er, könnte in neuer Form wiederauferstehen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Donald Trump bekräftigten daher ihre Bereitschaft, den Kampf gegen die Terrorgruppen fortzusetzen.

Verloren, hatte IS-Sprecher Abu Hassan al-Muhajir bereits am vergangenen Mittwoch verkündet, habe man «nur nach westlichen Massstäben». Diese besässen für wirklich gläubige Muslime aber keine Gültigkeit.

Wer sich davon überzeugen möchte, dass der harte Kern des IS ideologisch noch immer ungebrochen ist, sollte das von der SDF errichtete Internierungslager ­Al-Hol besuchen. In dem im kurdischen Nordosten errichteten Camp wurden 66 000 Zivilisten untergebracht, die in den letzten Wochen aus Baghouz evakuiert wurden. Die Hälfte hat sich mit hasserfüllten Sprechchören als IS-Sympathisanten zu erkennen gegeben. Es gebe «Tausende» von gefangen genommenen Kämpfern und deren Kinder und Frauen aus 54 Ländern, sagte Abdel Karim Omar nach der siegreichen Schlacht von Baghouz. Diese seien eine «ernste Last und Gefahr» für die syrischen Kurden, weshalb sie von ihren Heimatländern zurückgeholt werden müssten. Der Aussenbeauftragte der «SDF» verlangte «eine Koordinierung zwischen uns und der internationalen Staatengemeinschaft, um sich dieser Gefahr zu stellen». Schliesslich seien einige tausend Kinder von IS-Kämpfern mit der IS-Ideologie erzogen worden. «Wenn diese Kinder nicht umerzogen werden und in ihre Ursprungsgesellschaft integriert werden, sind sie die Terroristen von morgen».

Gefangenenlager als Terrorzelle

Die Einschätzung des SDF-Offiziellen wird von fast allen westlichen Geheimdiensten geteilt. Die Bereitschaft zur Rückführung von IS-Aktivisten ist gering, obwohl die syrischen Kurden mit deren Unterbringung und Betreuung überfordert sind. Die Gefahr sei deshalb gross, dass das völlig überfüllte Lager zu einer «Brutstätte neuen Terrors» werden könnte, warnen internationale Hilfsorganisationen. Die nach fast sieben Wochen verlustreicher Kämpfe erfolgte Eroberung der letzten IS-Bastion am Euphrat könnte sich dann als ein Pyrrhussieg erweisen.

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