Grossbritannien
Schottische Unabhängigkeitsgelüste: Jetzt wird sogar die Queen nervös

Königin Elisabeth II. mahnt die Schotten zum Verbleib in der Union Grossbritanniens. Diese stimmen am Donnerstag über die Unabhängigkeit ab. Egal wie die Abstimmung ausgeht: Die Queen bleibt Staatsoberhaupt der Schotten.

Meike Stolp, London
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Ihr droht übermorgen Donnerstag der Verlust von über fünf MillionenUntertanen: Queen Elizabeth II. keystone

Ihr droht übermorgen Donnerstag der Verlust von über fünf MillionenUntertanen: Queen Elizabeth II. keystone

Die Königin hält sich wie gewohnt zurück. «Ich hoffe, die Leute werden sehr sorgfältig über die Zukunft nachdenken.» Diesen Satz soll Elisabeth II. nach einem Gottesdienst im schottischen Balmoral gesagt haben.

Britische Medien sind überzeugt, dass der Satz mit dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum am 18. September zu tun hat. Wenn das denn stimmt, könnte man den Satz als Mahnung an die Unabhängigkeitsbefürworter lesen, vorsichtig mit der Macht ihrer Stimme umzugehen, wenn sie darüber entscheiden, ob sie die Union Grossbritanniens verlassen oder nicht.

Eine Sache der Schotten

Die englische Königin hatte eine Einmischung bislang immer abgelehnt. Die Queen sei der Meinung, dass die Entscheidung alleine Sachen der Schotten sei, heisst es aus Palastkreisen.

Diese Beobachter sagten auch, dass die Königin lediglich einem Kirchgänger eine «spontane» Antwort gegeben habe, die zufälligerweise von geladenen Journalisten gehört worden war.

Vor wenigen Tagen erst erklärte ein Sprecher des Buckingham Palasts britischen Medien zufolge, dass die Überparteilichkeit ein Prinzip sei, dem die Königin stets gefolgt sei. Konservative und Labour-Politiker hatten gefordert, dass sich die Regentin positionieren solle.

Allerdings wird vermutet, dass Elisabeth II. auf einen Verbleib der Schotten in der Union hofft. Dabei würde ein Austritt Schottlands aus der Union ihren Status als Staatsoberhaupt der Region im Norden nicht gefährden. Sie soll auch nach der möglichen Abspaltung Staatsoberhaupt von Schottland bleiben.

Allerdings wäre sie damit auch seit 1707 die erste Königin einer Union ohne Schottland. Und Elisabeth II. fühlt sich auch persönlich mit Schottland stark verbunden. Sie verbrachte einen grossen Teil ihrer Kindheit in der Region im Norden von England, aus der auch ihre Mutter stammt.

Die Anmerkungen der Königin platzen in die heisse Phase des Unabhängigkeitswahlkampfs. Inzwischen schlagen die Wogen in Schottland immer höher. Am Sonntag haben Unabhängigkeitsbefürworter vor dem Hauptquartier der BBC Schottland in Glasgow demonstriert – wegen angeblich einseitiger Berichterstattung des öffentlichen Senders.

Der zurzeit durch Schottland ziehende Kampagnenchef der Unionisten, der Labour-Politiker Alistair Darling, sagte, er sei schockiert von dem aggressiven Verhalten einiger Nationalisten.

Risiken angeblich unterschätzt

Die Unionisten haben am Montag jedenfalls ein weiteres wirtschaftliches Argument für den Verbleib der Schotten in der Union an die Hand bekommen. Die unabhängige Denkfabrik Centre for Policy Studies veröffentlichte am Montag eine Studie, die den Befürwortern um Schottlands Ersten Minister Alex Salmond vorwirft, dass sie die finanziellen Risiken einer Abspaltung unterschätzt hätten.

Die Denkfabrik geht davon aus, dass Schottland aufgrund fallender Nordseeölerträge, der Abwanderung vieler Firmen aus dem Finanzdienstleistungssektor und der steigenden Kosten von Renten 2015/2016 etwa
14 Milliarden Pfund (17,5 Milliarden Euro/21,2 Milliarden Franken) weniger zur Verfügung hätte als erwartet. Ein Sprecher des schottischen Finanzministers wies die Ergebnisse des Berichts jedoch zurück. Er sei voller «faktischer Fehler», zitieren ihn britische Medien.

97 Prozent der wahlberechtigten 4,2 Millionen Schotten wollen angeblich am Donnerstag an die Urne gehen. Die neuesten Umfragen lassen darauf schliessen, dass sich die Mehrheit der Schotten für die Zugehörigkeit zu Grossbritannien entscheidet. Gemäss einer Umfrage der Zeitung «Observer» gaben 53 Prozent der Befragten an, gegen die Unabhängigkeit stimmen zu wollen. 47 Prozent waren dafür.