Rassismus-Vorwurf
Boris Palmer ist das «Enfant terrible» der deutschen Grünen – jetzt könnte er einen Schritt zu weit gegangen sein

Der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer provoziert auf Facebook und sagt danach: Alles Ironie! Die Ökopartei will ihn jetzt endgültig loswerden. Doch sie kann eigentlich nur verlieren.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Bringt seine Partei einmal mehr in die Bredouille: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer.

Bringt seine Partei einmal mehr in die Bredouille: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer.

Ronald Wittek/Keystone

Seit 2007 ist Boris Palmer Oberbürgermeister der 90'000 Einwohner zählenden Stadt Tübingen, einer Universitätsstadt etwa 40 Kilometer südwestlich von Stuttgart gelegen. Oberbürgermeister von mittelgrossen deutschen Städten sind kaum über ihre Region hinaus bekannt. Boris Palmer hingegen kennt das ganze Land.

Allerdings löst das bei den Grünen, die je nach Umfrageinstitut aktuell die politische Nummer eins im Land sind und beste Chancen haben, im Herbst mit Annalena Baerbock die erste grüne Bundeskanzlerin zu stellen, alles andere als Begeisterung aus: Denn Palmer kennt man landesweit, weil der 48-jährige gerne und in regelmässigen Abständen provoziert - und das komplett an der grünen Parteilinie vorbei.

Mal mault er über rücksichtslose Velofahrer in seiner Stadt, die er anhand ihrer Erscheinung als Asylsuchende klassifiziert. Eine Werbung der deutschen Bahn mit Protagonisten unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe kommentierte er hämisch. Und zu Beginn der Coronapandemie meinte er in einem Interview: «Ich sag Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.»

Baerbock will Palmer ausschliessen

Palmer ist für die Grünen so etwas wie der Thilo Sarrazin («Deutschland schafft sich ab») für die SPD oder Sahra Wagenknecht für die Linkspartei, die in ihrem neuesten Buch «Die Selbstgerechten» die «Lifestyle-Linken» geisselt, für die das Gender-Sternchen wichtiger sei als die Anhebung des Mindestlohns für Geringverdiener. Im Gegensatz zu Wagenknechts intellektueller Herangehensweise an die heissen Eisen hievt Palmer seine Themen, die er vor allem an die eigene Partei mit ihren moralisch-pädagogischen Vorstellungen adressiert, eher mit der Holzhammer-Methode auf die Agenda. Die Grünen wollen den Tübinger seit Jahren loswerden.

An diesem Wochenende sah sich nun die grüne Hoffnungsträgerin Annalena Baerbock dazu genötigt, sich zu Palmer zu äussern. Man prüfe ein Parteiausschlussverfahren, kündigte die 40-Jährige via Twitter an. Die mögliche nächste Kanzlerin wollte nach Palmers jüngstem Tabubruch keineswegs als zögerlich dastehen.

Was war los? Palmer verwendete in einem Facebook-Post das «N»-Wort und das «S»-Wort für das männliche Geschlechtsorgan. Palmer betonte, er habe zitiert. Er wollte mit missglückter Ironie auf die Absurdität von Vorwürfen reagieren, die auf den deutschen Ex-Fussballnationalspieler Dennis Aogo in der vorigen Woche eingeprasselt waren. Aogo ist dunkelhäutig, ihm wird unterstellt, eine Frau auf Mallorca in sexuell anzüglicher Weise belästigt zu haben - in dem der Ex-Kicker auch auf sein bestes Stück angespielt habe.

«Der Aogo ist ein schlimmer Rassist»

«Der Aogo ist ein schlimmer Rassist. Hat Frauen seinen Negerschwanz angeboten», schrieb Palmer – wohlwissend, dass er damit die Aufmerksamkeit erhält, die er so liebt. Ein inszenierter Tabubruch, mit dem Palmer aber auch das eigene parteipolitische Umfeld, in dem sich die Grünen bewegen, auf die Schippe zu nehmen versuchte. Palmer nervt sich offenkundig an der Cancel Culture und an der politischen Korrektheit – für die auch seine Partei steht – die nach Ansicht des Grünen die freie Meinungsäusserung einschränke.

In gewisser Weise hat Palmer mit seinem Facebook-Post jene Empörung bekommen, die er wohl bewusst provoziert hat. Allerdings stellt sich schon die Frage, was Palmer mit seinen vulgären Äusserungen wirklich bezwecken wollte: Eine Debatte über die grüne Identitätspolitik lässt sich durch solche Posts kaum anschieben. So bleibt der Verdacht, dass es dem 48-Jährigen vor allem um etwas ging: Sich selbst ins Rampenlicht zu stellen.

Für die Grünen kommt Palmers verbaler Fehltritt zu Unzeiten. Die Ökopartei ist im Umfragehoch und muss sich nun mit der Causa Palmer herumschlagen. Ein Parteiaustrittsverfahren dauert Monate, bis zu den Bundestagswahlen wird die Affäre also immer mal wieder zur Sprache kommen.

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