Pandemie
Containerhafen dichtgemacht – wegen einem einzigen Corona-Fall: China lässt sich «Zero-Covid» einiges Kosten

Der bisher grösste Infektionsstrang seit letztem Jahr ist unter Kontrolle. Doch das geht inzwischen mächtig ins Geld.

Fabian Kretschmer, Peking
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Stillgelegt wegen einem Coronafall: Der Hafen von Ningbo.

Stillgelegt wegen einem Coronafall: Der Hafen von Ningbo.

In der Nacht auf Mittwoch fiel der Covid-Test eines Hafenarbeiters in Ningbo überraschend positiv aus. Gesundheitlich bestand für den 34-Jährigen zu keinem Zeitpunkt ernsthafte Gefahr: Der Mann war bereits doppelt mit dem chinesischen Sinovac-Vakzin geimpft und zeigte zudem keinerlei Symptome. Doch für die rigide «Zero Covid»-Strategie der chinesischen Regierung löste er eine existenzielle Krise aus: Noch vor dem Morgengrauen, um 3:30 Ortszeit, schlossen die Behörden den gesamten Meishan-Terminal inklusive angeschlossenem Zolllager auf unbestimmte Zeit.

Chinas Null-Toleranz-Strategie gegenüber dem Virus steht derzeit vor der grössten Belastungsprobe seit letztem Sommer. Doch wie es ausschaut, werden die Behörden den bisher grössten Infektionsstrang der Delta-Variante im Land schon bald eindämmen können: mit strikten Lockdowns, Reisebeschränkungen und einem rigiden Quarantäne-System. Doch ebenso gewiss ist, dass die wirtschaftlichen Kosten massiv sein werden – und mit jedem weiteren Ausbruch werden sie weiter steigen.

Wirtschaftliches Wachstum dank rigidem Vorgehen

Dabei ging Chinas «Zero Covid»-Strategie im letzten Jahr nicht nur epidemiologisch auf, sondern sorgte auch für wirtschaftliches Wachstum von 2,3 Prozent. Als einer der ersten Länder der Welt konnte die Volksrepublik das Virus praktisch vollständig eindämmen: Nur mehr alle paar Wochen tauchte ein lokaler Infektionsstrang auf, der jedoch sofort mit gezielten Lockdowns ausradiert wurde. Dementsprechend liess Peking die Wirtschaft ohne Handbremse wieder hochfahren. Chinas Fabriken produzierten, was der Rest der Welt dringend benötigte: medizinische Geräte und Elektronikwaren fürs Home-Office.

Die Delta-Variante erhöht das Risiko

Angesichts der hochinfektiösen Delta-Variante droht sich das Blatt nun jedoch zu wenden, denn das Risiko für neue Virusausbrüche wird zunehmend grösser. Seit Ende Juli kämpfen Chinas Behörden erstmals seit über einem Jahr wieder gegen einen Infektionscluster an, der weite Teile des Landes erfasst hat. Mehr als die Hälfte aller Provinzen sind betroffen.

Die absolute Zahl an Ansteckungen ist mit etwas mehr als 1300 Fällen immer noch verschwindend gering, doch jeder einzelne von ihnen löst in China unweigerlich einen extrem kostspieligen Lockdown aus: Im Pekinger Bezirk Wangjing siegelten die Behörden aufgrund eines einzigen Infizierten eine gesamte Wohnsiedlung mit 26 Apartmenttürmen ab. Und im Containerhafen von Ningbo – immerhin der weltweit grösste seiner Art – wurde ein ganzer Terminal geschlossen.

Das ökonomisch kostspielige Katz-und-Maus-Spiel gegen das Virus wird auf absehbare Zeit weitergehen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten Häfen, Fabriken und möglicherweise erneut ganze Städte dicht machen müssen.

Chinas Handelsdaten für Juli sind jedoch nach wie vor solide, die Geschwindigkeit des Wachstums ist allerdings bereits deutlich abgekühlt. Und auch der Einkaufsmanagerindex des Wirtschaftsmedium Caixin, der auf einer Umfrage unter Industrievertretern beruht, ist ebenfalls von 51,3 auf 50,3 abgerutscht.

Eine öffentliche Debatte über Chinas epidemiologische Strategie flammt im autoritär regierten Land nur langsam auf. Doch einzelne Wortmeldungen, die dazu aufrufen, mit der Existenz des Virus leben zu lernen, werden meist von den Staatsmedien harsch kritisiert.

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