Iran
Niederlage für die Hardliner: «Protest-App» Telegram ist wieder erlaubt

Der Messenger-Dienst Telegram ist im Iran seit Sonntag wieder vollständig erlaubt. Das ist ein wichtiger Punktsieg für Präsident Rohani.

Michael Wrase, Limassol
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Nach einer mehrtägigen Sperre ist die Messenger-App Telegram im Iran wieder zugänglich. (Archiv)

Nach einer mehrtägigen Sperre ist die Messenger-App Telegram im Iran wieder zugänglich. (Archiv)

KEYSTONE/EPA/SASCHA STEINBACH

Als einen «terroristischen Kanal» hatten iranische Hardliner den zu Beginn der Proteste von den Demonstranten genutzten Messenger-Dienst «Telegram» bezeichnet und sich nach dessen Sperrung für die vollständige Blockade der sozialen Medien ausgesprochen. Man könne nicht dulden, dass «Konterrevolutionäre» das Internet für eine vom Ausland gesteuerte Revolte missbrauchen, argumentierten die erzkonservativen Widersacher von Staatspräsident Hassan Rohani.

Der für – iranische Massstäbe – gemässigte Politiker ordnete am Wochenende nun die Freigabe der beliebten Messaging-App an – und ging noch einen Schritt weiter: Rohani beschuldigte die Hardliner, die Proteste für eine landesweite Zensurmassnahme missbrauchen zu wollen, was unter seiner Führung nicht infrage käme. Dabei verschwieg er, dass seine Regierung die vorübergehende Sperrung von «Telegram» sehr wohl genehmigt und auch verteidigt hatte.

Vertrauensbildende Massnahme

Politische Beobachter in Teheran interpretieren die Freigabe des populären Messaging-Dienstes als einen Punktsieg für Hassan Rohani im Machtkampf gegen die Hardliner. Ob damit das Vertrauen in seine politisch angeschlagene Regierung wiederhergestellt werden könne, bleibe abzuwarten. Zur Entspannung im Lande trage es allemal bei, wenn mehr als 40 Millionen iranische «Telegram»-User wieder Videos, Textnachrichten und Fotos verschicken könnten. Überdies sei auch die Geschäftswelt auf «Telegram» angewiesen. Eine andauernde Blockade der App hätte zum Verlust von bis zu 100'000 Arbeitsplätzen geführt, verteidigte Rohani die Aufhebung der Sperrung.

«Telegram» ist vor allem deshalb so beliebt, weil sie auch bei der langsamen Internetgeschwindigkeit im Iran relativ gut funktioniert und für die persische Schrift hervorragend geeignet ist. Die App ist kein Produkt der amerikanischen Internetfirmen Facebook oder Google. Sie wurde von den russischen Brüdern Nikolai und Pawel Durow entwickelt. «Telegram» wird daher – neben dem offiziell gesperrten Messenger-Dienst Twitter – auch in iranischen Regierungskreisen genutzt – dies, obwohl Experten die Nachrichtenverschlüsselung für unzureichend halten. Selbst die sogenannten «Geheimchat»-Funktionen von «Telegram» werden als unsicher bezeichnet, könnten vom Geheimdienst wohl entschlüsselt werden.

Empfehlung von Snowden

Der amerikanische Whistleblower Edward Snowden hatte vor diesem Hintergrund der iranischen Protestbewegung geraten, den Messenger-Dienst «Signal» zu verwenden, weil er eine absolut sichere Kommunikation ermögliche. Allerdings ist die Nutzung problematisch, weil die App, wie die meisten amerikanischen Applikationen, wegen der gegen Iran verhängten Sanktionen nur unter grossen Schwierigkeiten verwendet werden kann. Wege zur Kommunikation haben iranische Regimegegner und Kritiker letztendlich immer gefunden. Während der Proteste im Sommer 2009, als bis zu zwei Millionen Menschen gegen Wahlmanipulationen auf die Strassen gegangen waren, funktionierte die Verständigung auch ohne die damals blockierten sozialen Medien, nämlich durch «Mund-zu-Mund-Propaganda».

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