New York City
Bidens Ex-Konkurrent will Big-Apple-Boss werden – doch sein U-Bahn-Schwindel bringt ihn in Bedrängnis

Als US-Präsidentschaftskandidat versprach Andrew Yang ein bedingungsloses Grundeinkommen. Jetzt will er Amerikas grösste Stadt regieren.

Renzo Ruf aus New York
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Liegt derzeit an vierter Stelle im Rennen um das mächtige Amt: Andrew Yang.

Liegt derzeit an vierter Stelle im Rennen um das mächtige Amt: Andrew Yang.

EPA

Andrew Yang besitzt eine Charaktereigenschaft, um die ihn wohl jeder Politiker beneidet – insbesondere in einem politischen Haifischbecken wie New York, der grössten Stadt Amerikas: Er lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Mag sein, dass seine Konkurrenten den ehemaligen Unternehmer und gescheiterten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten belächeln, weil sie sich Yang nicht als New Yorker Stadtpräsidenten vorstellen können. Mag sein, dass der Kandidat regelmässig in Fettnäpfchen tritt, was in einer Stadt, in der 8,3 Millionen Menschen leben und mehr als 600 Sprachen gesprochen werden, nicht besonders schwierig ist. Yang aber gibt sich unbeirrt. Er glaubt an seine Mission und macht einfach weiter.

Morgen, am 22. Juni, stehen die alles entscheidenden Vorwahlen der demokratischen Kandidaten an. Wer sie gewinnt, kann sich als Nachfolger des amtierenden Bürgermeisters Bill de Blasio feiern lassen. Die Repu­blikaner haben kaum Chancen, das Amt zu erobern.

Andrew Yang, während einer Pressekonferenz im New Yorker Stadtteil Bronx.

Andrew Yang, während einer Pressekonferenz im New Yorker Stadtteil Bronx.

Renzo Ruf

Yang stolpert über den U-Bahn-Schwindel

Andrew Yang, der sich im Rennen um das Weisse Haus 2020 für ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Dollar für alle erwachsenen Amerikaner ausgesprochen hatte, steht derzeit an vierter Stelle der Wählergunst, hinter dem Ex-Polizisten Eric Adams, der Bürgerrechtlerin Maya Wiley und der Recycling-Kommissarin Kathryn Garcia. Niemand bestreitet, dass der Sohn taiwanischer Einwanderer ein Gespür für Selbstvermarktung und knackige Themen besitzt. Er positionierte sich beispielsweise frühzeitig als Unterstützter der Stadtpolizei NYPD, nach einem besorgniserregenden Anstieg von Überfällen und Diebstählen. Auch sprach er aus eigener Erfahrung und emotional über den alltäglichen Rassismus, gegen den Amerikaner mit asiatischen Wurzeln zu kämpfen haben.

Aber selbst seine treusten Anhänger fragen sich manchmal, ob Yang eigentlich weiss, worüber er spricht, wenn er zu New Yorker Themen Stellung beziehen muss. Oft erweckt er den Eindruck, als sei er mit der Stadt, in der er seit zwei Jahrzehnten wohnt, nur oberflächlich vertraut. Dann zum Beispiel, wenn er sagt, er habe die A-Linie der U-Bahn in die Bronx genommen, obwohl diese Züge gar nicht ins Quartier fahren. Jeder echte New Yorker behauptet von sich, er kenne den ikonischen Streckenplan der «Subway» auswendig, obwohl dieser aussieht wie ein komplexes farbiges Spaghetti-Labyrinth.

Yang ist diese Kritik auch schon zu Ohren gekommen. So sah er sich vor einigen Monaten gezwungen, zuzugeben, dass er sich noch nie an einer städtischen Wahl beteiligt habe.

Der Vorteil des Unerfahrenen

Seine Unerfahrenheit in lokalen Angelegenheiten sieht der 46-Jährige aber nicht als Nachteil. Er sei eben ein Aussenseiter, sagt er während einer Pressekonferenz in der Bronx. Dies ermögliche es ihm, einen frischen Blick auf Probleme zu werfen. Auch müsse er keine Rücksicht auf die etablierten Machtzirkel in der Stadt nehmen – eine Anspielung auf den amtierenden Stadtpräsidenten Bill de Blasio, über dessen Rücktritt sich Demokraten und Republikaner gleichermassen freuen. Yang sagt: «Es ist Zeit für einen fundamentalen Wechsel.»

Diesen Wunsch nach «Change» untermauert er diesmal aber nicht mit revolutionären Vorschlägen wie der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle – obwohl er im Rennen ums Weisse Haus doch gerade mit schrägen Ideen und witzigen Slogans für Aufmerksamkeit sorgte. Stattdessen spricht er in New York nun über einen neuen Stadtpark hier oder einen besonders schmackhaften Hotdog dort.

Auf die Frage, ob er sich nicht manchmal schwertue mit der Tatsache, dass er nicht mehr über seine Visionen reden könne, mit denen er das ganze Land verändern wollte, antwortet Yang, ganz der Politiker: Nein, er liebe es, in der Bronx mit «Hunderttausenden von Menschen» über ihre Alltagssorgen zu sprechen.

Ausserdem sehe er nun seine Familie wieder jeden Tag. «Das ist eine massive Verbesserung gegenüber den Vorwahlen 2020», sagt Yang, Vater zweier Söhne, am Rande seines Auftritts in der Bronx zu dieser Zeitung. Dann lacht er sein ansteckendes Lachen.

Und vielleicht macht dies den Charme der Kandidatur von Andrew Yang aus: Er ist ein Politiker, der fast niemandem wehtun will. Sein Hauptziel ist es, der gebeutelten Bevölkerung im Jahr eins nach der Coronapandemie Mut zuzusprechen. Er will eine gute Stimmung verbreiten und dem Rest des Landes sig­nalisieren, dass mit New York City wieder zu rechnen ist – laut, direkt und stets etwas überdreht. Oder, wie es ein Anhänger in der Bronx formuliert: Yang wäre «ein Cheerleader» für eine Stadt, die derzeit vielleicht nichts mehr braucht, als genau das: einen, der sie feiert und anfeuert in dieser schwierigen Zeit.

Stadtpräsidentenwahl in New York City

Wer tritt die Nachfolge von Bill de Blasio an?

Zwei Männer und zwei Frauen können sich noch Hoffnung darauf machen, die Vorwahl der Demokraten um das Stadtpräsidentenamt in New York City (und damit faktisch das Amt selbst, denn Republikaner haben kaum eine Chance) zu gewinnen. Bis aber feststeht, ob Ex-Polizist Eric Adams, Bürgerrechtlerin Maya Wiley, Recycling-Kommissarin Kathryn Garcia oder Ex-Präsidentschaftskandidat Andrew Yang am 1. Januar 2022 New Yorks Bürgermeister wird, könnte es einige Zeit dauern. Dafür verantwortlich ist das Wahlverfahren. Die New Yorker können ihre Präferenz für bis zu fünf Kandidaten abgeben («Ranked Choice»). Das wird denjenigen Bewerber begünstigen, der bei den Anhängern der Konkurrenz am wenigsten verhasst ist. (rr)