Erdbeben
Nepal nach der Katastrophe: Sogar die Hunde sind verstummt

Via Twitter und E-Mail erzählt ein junger Fotograf aus Kathmandu, wie er das Beben und die Zeit seither erlebt.

Samuel Schumacher
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Helfer suchen in den Trümmern in Kathmandu nach Überlebenden
35 Bilder
Dieser Mann in Kathmandu muss aus dem Schutt ausgegraben werden
In Kathmandu werden Verschüttete geborgen
In Kathmandu werden Verschüttete geborgen
Der Erdstoss mit der Stärke 7,8 liess zahlreiche Gebäude wie Kartenhäuser zusammenfallen.
Die Gebäude sind teilweise eingestürzt
Nachbeben erschwerten die Hilfseinsätze und Aufräumarbeiten.
Alle Betten im Krankenhaus sind belegt
Ebenfalls zerstört wurden zahlreiche Weltkulturerbe- und Pilgerstätten.
Die Menschen trauern um verstorbene Angehörige
Sie sind noch einmal davongekommen: Glückliche Momente in den Stunden des Schreckens.
Am Mount Everest wurde durch das Beben eine Lawine ausgelöst.
Blick ins Basiscamp
Schweres Erdbeben in Nepal fordert hunderte Tote

Helfer suchen in den Trümmern in Kathmandu nach Überlebenden

Keystone

Als sich die indische Platte am Samstagmorgen tief unter dem nepalesischen Boden mit einem Ruck rund zwei Meter unter die eurasische Platte schob und die Erde heftig zum Beben brachte, stand Shreyans Tamang in der Küche seines Elternhauses in der Hauptstadt Kathmandu und kochte. «Ich hörte Musik über meine Kopfhörer und habe zuerst gar nichts bemerkt.

Sie machen die Zeitung im Freien und im Bunker

Mit über 100 Mitarbeitern und einer Auflage von 50 000 Exemplaren ist die «Kathmandu Post» die grösste englischsprachige Tageszeitung Nepals. Das sechsstöckige Bürogebäude, in dem die Journalisten normalerweise an sechs Tagen pro Woche arbeiten, wurde beim Erdbeben schwer beschädigt. Trotzdem setzen Chefredaktor Akhilesh Upadhyay und seine Reporter alles daran, dass die «Post» auch in diesen schweren Zeiten erscheinen kann. «Koordination zwischen den Hilfsorganisationen, der Regierung und der Bevölkerung und verlässliche Informationen sind die dringendsten Bedürfnisse, die Nepal jetzt hat», betont Upadhyay. «Journalisten können bei beidem helfen.»

Statt in ihrem Grossraumbüro arbeiten die «Post»-Journalisten momentan in einem einzigen kleinen Bunkerraum oder unter Zeltplanen im Freien. «Wir teilen uns vier Computer und ein paar Laptops. Mehr steht hier nicht zur Verfügung», schreibt Meinungs-Redaktor Pranaya Rana aus dem improvisierten Redaktionsraum. «Wir fühlen uns wie in der Kommandozentrale eines Kriegsgebiets.» Mehrere der «Post»-Journalisten haben beim Beben ihre Häuser verloren. «Wir machen trotzdem weiter, gemeinsam überstehen wir das», twittert Polit-Journalist Dewan Rai. Die Druckerei hat das Beben unbeschadet überstanden. Seit Montag erscheint die «Kathmandu Post» wieder täglich. Zwar sind die Telefonleitungen nach wie vor schwer überlastet. Die Recherche über Twitter, Facebook und über die zahlreichen nepalesischen Blogs funktioniert aber einwandfrei. Die digitale Welt vermochte das Erdbeben nicht zu erschüttern. (Schu)

Dann sah ich, wie meine Mutter zu Boden stürzte und ‹oh Gott, oh Gott› schrie.» Zuerst dachte der junge Fotograf, seine Mutter erleide einen ihrer epileptischen Anfälle. Doch plötzlich warf es ihn selbst zu Boden. «Ich begann zu schreien, packte meine Mutter und stolperte nach draussen auf den Vorplatz. Von dort aus sahen wir, wie die Fenster unseres Hauses zerbarsten und hörten Geschirr auf den Boden fallen.»

Wie alle Bewohner der nepalesischen Hauptstadt ist auch Shreyans an Erdbeben gewohnt. Meist sind sie kurz, kaum wahrnehmbar und schnell wieder vorbei. Doch als die Erde am Samstagmorgen nach einer gefühlten Minute noch immer bebte, bekam es Shreyans mit der Angst zu tun. «Meine Mutter und ich hielten uns fest und weinten. Unser Haus bewegte sich, als ob es auf einer Welle reiten würde. Der Boden fühlte sich flüssig an, so instabil wie tosendes Wasser.»

Noch Stunden nach dem Beben getraute sich Shreyans nicht, das Haus zu betreten. Der Gasherd in der Küche lief noch immer, das Haus hätte jederzeit in Flammen aufgehen können. Doch die Angst vor einem heftigen Nachbeben, das das Haus zum Einsturz hätte bringen können, war zu gross. Noch heute schlafen Shreyans und seine Familie in einem notdürftigen Zelt auf dem Vorplatz und gehen nur ins Haus, wenn es absolut nötig ist. «Wir haben unglaublich Angst, auch wenn wir mehr Glück hatten als viele andere Menschen in Nepal.»

Wasserflasche warnt vor Beben

Nachts erwacht Shreyans beim kleinsten Geräusch und kann danach kaum ein Auge zutun. Die streunenden Hunde, die sonst stets heulend durch die Strassen ziehen, sind verstummt. Nachdem die Sonne untergegangen ist, herrscht eine bedrückende Stille. Und tagsüber hat Shreyans häufig das Gefühl, die Erde bebe wieder, obwohl alles ruhig ist. «Ich habe auf unserem Vorplatz eine Wasserflasche aufgestellt, auf die ich sofort schaue, wenn mich dieses Gefühl packt.

Meist ist der Wasserspiegel dann ruhig und ich weiss, dass mir meine Wahrnehmung wieder einen Streich gespielt hat.» Dieses Gefühl, dieses schwindende Vertrauen in die eigenen Sinne macht ihn fertig. «Ich fühle mich seekrank, habe ständig das Gefühl, ich müsse erbrechen.»

Ich habe Shreyans Tamang 2013 auf einer Velotour durchs Kathmandu-Tal kennen gelernt. Selten bin ich einem so sanften und gutmütigen Menschen begegnet. Als ich ihm damals kurz vor der Stadt Bhaktapur aus einer Unachtsamkeit heraus in sein Hinterrad fuhr und ihn fast zu Fall brachte, hat er sich bei mir dafür entschuldigt, dass er so langsam fahre. Doch das Erdbeben hat diesen sanftmütigen Mann aufgeweckt und zum ruhelosen Kämpfer gemacht.

Seit dem Beben erledigt er die Einkäufe für die ganze Nachbarschaft und kocht, weil sich niemand sonst in die Küche getraut. Er hat mit Freunden eine Fundraiser Page gegründet, um Hilfe für die abgelegenen Bergregionen Lamjung und Ghorka zu organisieren. In den kommenden Tagen will er selber dorthin aufbrechen, um Hand anzulegen.

Und er hat bei der Suche nach Überlebenden unter dem eingestürzten Dharahara-Turm mitgeholfen – dem einstigen, 62 Meter hohen Wahrzeichen der Stadt, das am Samstagmorgen mehr als 60 Menschen unter sich begraben hatte. «Als ich den Trümmerhaufen sah, der sich anstelle des einst so mächtigen Turms vor uns auftürmte, fühlte ich mich, als hätte mir jemand einen Finger amputiert», erzählt Shreyans.

Ausser den eingestürzten Bauwerken gibt es noch etwas ganz anderes, das Shreyans in diesen Tagen Angst macht: die Wasserknappheit. «Den Läden in der Hauptstadt gehen allmählich Wasser und Nahrungsmittel aus. Die Preise sind exorbitant angestiegen. Vor den Shops gibt es riesiges Gedränge und Gekeife.» Als Shreyans in einer Apotheke eine Packung Wasserreinigungstabletten kaufen wollte, gab ihm der Verkäufer bloss ein kleines Fläschchen mit einer verdünnten Flüssigkeit. «Mehr liegt nicht drin, wenns für alle reichen soll. Das wird wirklich knapp!»

Über die Medien werden zwar täglich neue Listen mit Nahrungsmittelverteilstellen publiziert. Skype, Viber und verschiedene Netzwerkanbieter ermöglichen Gratisgespräche, um die Kommunikation in der geschundenen Stadt aufrechtzuerhalten. Über PayPal können gebührenfrei Spenden überwiesen werden. Pfadfinderabteilungen helfen bei den anstrengenden Bergungsaktionen.

Und neun von zehn Polizisten und Armeeangehörigen sind nach Regierungsangaben in Rettungsmissionen im ganzen Land unterwegs. Trotzdem, die schwierige medizinische Versorgungslage, die fehlenden Zelte und Hilfsgüter, die Ungewissheit über das, was noch kommt: «Das alles macht es uns schwer, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen.»

Graffiti für die geschundene Stadt

Doch es gibt etwas, das Shreyans Hoffnung macht. Etwas, das vielleicht belanglos klingen mag: Graffiti. Vor zwei Jahren war Shreyans dabei, als eine Gruppe junger Nepalesen das Projekt «Kolor Kathmandu» ins Leben gerufen hatte. In der ganzen Stadt bemalten sie zusammen mit lokalen Künstlern 75 Mauern mit farbiger, moderner Strassenkunst – eine Mauer für jeden der 75 Bezirke Nepals. Die meisten dieser Mauern stehen noch, soweit Shreyans weiss. Und die wenigen Kunstwerke, die dem Beben zum Opfer gefallen sind, will er gemeinsam mit Freunden in den kommenden Wochen durch neue Malereien an neuen Mauern ersetzen.

Zerstörtes Kulturerbe: Nepal nach dem Erdbeben
12 Bilder
Der Maju-Deval-Tempel auf dem Durbar-Platz vor ... Fotoia
... und nach dem Erdbeben.
Die Syambhunaath-Stupa ist ein Wallfahrtsort für Gläubige
Die Stupa steht noch - das Gebäude daneben wurde komplett zerstört
Eine Nebenbau der Stupa ist zerstört.
Ein Hindufestival in Bhaktapur vor wenigen Tagen
Bhaktapur nach dem Beben
Der Dharahara-Turm stand fast 200 Jahre lang
Der Dharahara-Turm hielt dem Beben nicht Stand
Der Pashupatinath Tempel am Ufer des Bagmati
Nun werden vor den Toren des Tempels die Toten kremiert

Zerstörtes Kulturerbe: Nepal nach dem Erdbeben

key/fotoia

Kathmandu wird auch diese Katastrophe überstehen. Und das neue Kathmandu, das aus den Trümmern entstehen soll, hat an der einen oder anderen Stelle einen künstlerischen Farbklecks verdient, findet Shreyans. Denn Kunst kann helfen zu vergessen, kann helfen zu erinnern, sie kann helfen Hoffnung zu schöpfen, in Zeiten, in denen Hoffnung so knapp ist wie frisches Trinkwasser.