Myanmars Albtraum wird verlängert: Die Rohingya könnten davon profitieren, sagt ein Schweizer Entwicklungshelfer

Die Junta will die Macht sechs Monate nach dem Putsch nicht wieder hergeben. Die ethnischen Minderheiten im Land aber hat der brutal durchgesetzte Ausnahmezustand geeint wie nie zuvor.

Samuel Schumacher
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Die Demonstranten in Rangun haben ihr Ziel nicht erreicht. Die Generäle geben die Macht vorläufig nicht mehr her.

Die Demonstranten in Rangun haben ihr Ziel nicht erreicht. Die Generäle geben die Macht vorläufig nicht mehr her.

Bild: Yan Naing/Getty

Reden will in Rangun gerade niemand. «Zu gefährlich» sei die Situation noch immer, sagen die angefragten Gesprächspartner in der burmesischen Metropole. Da wolle man lieber nicht auffallen. Und gefährlich bleibt es im 54-Millionen-Land auch sechs Monate nach dem Militärputsch am 1. Februar. Gestern verkündete Min Aung Hlaing, der Chef der Militär-Junta und selbst ernannte Ministerpräsident, dass der Ausnahmezustand bis im August 2023 verlängert werde. Bis dahin würden er und seine Generäle das Land regieren.

Das wäre eigentlich die Aufgabe der demokratisch gewählten Aung San Suu Kyi. Sie hatte das Land seit 2016 als Regierungschefin angeführt und gewann die Wahlen im vergangenen Jahr deutlich. Doch Myanmars Generäle, die bis 2011 fast 50 Jahre lang an den Machthebeln der Republik sassen, hatten genug vom demokratischen Kurs der Friedensnobelpreisträgerin.

Aung San Suu Kyi, 76, hatte ihr Land auf einen demokratischen Weg lenken wollen.

Aung San Suu Kyi, 76, hatte ihr Land auf einen demokratischen Weg lenken wollen.

AP

Sie setzten Suu Kyi unter Hausarrest und deckten sie mit allerlei Vorwürfen ein. Sie soll nicht nur die Wahlen gefälscht, sondern auch illegal Walkie-Talkies ins Land eingeführt haben.

Keine Impfung aus Protest gegen die Regierung

Im burmesischen Hinterland toben derweil die Kämpfe zwischen Suu Kyis Anhängern und der Armee. Mehr als 900 Menschen wurden seit dem Putsch umgebracht. Es gibt Videos und Berichte von verstümmelten Leichen in geplünderten Dörfern, die gefesselt im Busch liegen; von eingekesselten Demonstranten in Provinzstädtchen, die sich vor den Scharfschützen der Armee wegducken – und von völlig überforderten Spitälern, in denen Covid-Patienten ohne Sauerstoff vor sich hinsiechen.

Knappes Gut: In Myanmars Spitälern geht allmählich der Sauerstoff aus.

Knappes Gut: In Myanmars Spitälern geht allmählich der Sauerstoff aus.

AP

Die UNO schätzt, dass drei Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind und dass bald mehr als die Hälfte aller Burmesen unter die Armutsgrenze rutscht. Die «Regierung der Nationalen Einheit», bestehend aus ins Exil geflüchteten Volksvertretern, kann wenig gegen die Junta unternehmen.

Das Land sei in einer gefährlichen Patt-Situation, sagt Peter Schmidt, der die vergangenen viereinhalb Jahre als Programmdirektor der Entwicklungsorganisation Helvetas in Myanmar gelebt hat. Die Junta habe die militärische Übermacht, doch die pro-demokratische Protestbewegung sei nicht bereit, von ihrer Position abzurücken. «Myanmar hat keine Erfahrung damit, Kompromisse zu schliessen. Eine Lösung liegt in weiter Ferne», erklärt Schmidt.

Beim Gespräch in Zürich kurz nach seiner Rückkehr aus Rangun wirkt er wenig zuversichtlich. Der Widerstand gegen die Junta bleibe auch sechs Monate nach dem Putsch radikal. «Eltern schicken ihre Kinder aus Angst vor Gehirnwäsche nicht mehr in die Schule. Und neun von zehn meiner Mitarbeiter erklärten mir, sie liessen sich nicht vom Regierungsprogramm gegen Covid impfen.»

Touristen könnten helfen, doch sie bleiben fern

Einen kleinen Lichtblick bietet die Situation für die ethnischen Minderheiten im Vielvölkerstaat Myanmar. «Der Putsch hat unter ihnen eine Einigkeit geschaffen, die vorher nicht möglich gewesen wäre», erzählt Peter Schmidt. Eine Mehrheit der ethnischen Milizen hätte sich auf die Seite der Demokratie-Bewegung gestellt. Und für die brutal unterdrückte Minderheit der Rohingya im Norden des Landes biete die Situation einen Hoffnungsschimmer.

«Beide Konfliktparteien sind nach dem Putsch zumindest in ihrer Rhetorik moderater geworden gegenüber den Rohingya, weil sie sich um ihre internationale Wahrnehmung sorgen.»

Gelöst aber sei das Rohingya-Problem noch lange nicht. Der Aufforderung an die hunderttausenden Vertriebenen, aus den Flüchtlingslagern in Bangladesch in ihre oft komplett zerstörten Dörfer zurückzukehren, leiste kaum jemand Folge.

Peter Schmidt, Ex-Landesdirektor der Helvetas in Myanmar.

Peter Schmidt, Ex-Landesdirektor der Helvetas in Myanmar.

Helvetas

Die Arbeit der Helvetas, sagt Peter Schmidt, sei durch die Pandemie und den Putsch natürlich nicht einfacher geworden, aber nach wie vor möglich. «Internationale Hilfsorganisationen sind bislang kaum aktiv verfolgt worden.»

Definitiv vorbei aber sei der burmesische Tourismus-Boom, der nach der Öffnung 2012 eingesetzt hatte. Nach der Rohingya-Krise seien zuerst die westlichen Touristen weggeblieben, nach Ausbruch der Pandemie dann auch die chinesischen Gruppenreisen.

Wann das Land wieder zur Ruhe kommt, wagt Schmidt nicht zu prophezeien. Dass die Junta ihr Versprechen ausgerechnet diesmal hält und in zwei Jahren faire Wahlen abhalten lässt, daran glaubt aber kaum ein Beobachter. Myanmars Albtraum wurde gestern wohl nicht zum letzten Mal verlängert.

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