Jüdische Gewalt
«Mit den Arabern reden wir nicht über Politik»

Der Mord an dem palästinensischen Kleinkind Ali Dawabscheh macht viele israelische Siedler im Westjordanland sprachlos. Aber Solidarität mit den Opfern?

Susanne Knaul, Kochav Haschachar
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Die Siedlung Kochav Haschachar im Westjordanland.

Die Siedlung Kochav Haschachar im Westjordanland.

AFP/Getty Images

Der 64-jährige Avi ist deutlich übergewichtig, er trägt einen weissem Bart und Kipa. «Hier hat König David seine Kindheit verbracht», erklärt der fromme Mann, warum er in einer Siedlung lebt. Vor 25 Jahren zog er nach Kochav Haschachar, «Stern der Dämmerung», nordöstlich von Ramallah. «Diese Gegend hat tiefe biblische Bedeutung.» Keine zehn Kilometer von Kochav Haschachar entfernt liegt das palästinensische Dorf Duma, in dem Ende letzter Woche der 18 Monate alte Ali Dawabscheh lebendig verbrannte. Alle bisherigen Indizien deuten auf einen jüdischen Täter.

«Was dort passierte, ist eine Katastrophe», findet Avi und gibt damit die Stimmung in Kochav Haschachar wieder. «Dies ist ein friedliches Dorf.» Rund 400 Familien, die ohne Ausnahme dem national-religiösen Lager angehören, leben in der 1979 gegründeten Siedlung. Man isst koscher, lässt am Schabbat das Auto stehen und wählt im Allgemeinen «Das jüdische Haus», Israels Siedlerpartei. Die Leute diskutieren darüber, ob es schon in den Kindergärten eine Geschlechtertrennung geben soll oder erst in der Schule. Ausserdem halten manche die vom staatlichen Oberrabbiner festgelegten Koschheitsregeln für nicht streng genug. «Jeder muss seinen eigenen Dialog mit Gott führen», kommentiert Avi gelassen.

«Sie kommen, um zu arbeiten»

Die Siedlung liegt gut eine halbe Stunde Autofahrt von der nächsten israelischen Stadt entfernt. Arbeitsstellen sind knapp, und auch für Avi, der gelernter Ingenieur ist, gibt es keine feste Stelle. Mit der Aufsicht über den Bau neuer Häuser in der Siedlung verdient sich der Frührentner ein Taschengeld. Das Bauunternehmen gehört einem Drusen aus Israel, der palästinensische Arbeiter beschäftigt – auch aus Duma. Kochav Haschachar schickte nach dem Anschlag eine Delegation in das palästinensische Dorf zur Solidaritäts- und Beileidsbekundung. Avi war nicht dabei. Auch angerufen hat er nicht. Die Kommunikation sei so schwierig, redet er sich heraus. «Die Araber sprechen kaum Hebräisch.» Sie kommen, um zu arbeiten, wollen ihre Familien ernähren, «über Politik reden wir nicht».

Die Siedlung ist umzäunt, Besuchern öffnet ein Wachmann an der Einfahrt per Knopfdruck ein eisernes Tor. Beides gilt auch dem Schutz vor Beduinen, die «andauernd klauen und in unsere Häuser einbrechen». Mit den «Arabern aus der Umgebung» habe man keine Probleme, meint Avi, «die Terroristen kommen nicht von hier». Er persönlich habe nichts gegen «die Araber». Mit dem Begriff «Palästinenser» tut er sich schwer. «Sie sollen ruhig bleiben. Hier ist genug Platz für alle.» Auch Kochav Haschachar hat Terror erlebt. «Schuli ist bei einem Anschlag getötet worden und Esthi», denkt er laut nach beim Versuch, sich zu erinnern, «und erst vor vier Wochen der Sohn meines besten Freundes».

«Terroristische Hippies»

«Die Aktionen sind oft spontane Reaktionen», erklärt Dr. Schlomo Fischer, Soziologe an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Experte für jüdischen Extremismus. Fischer vergleicht das Phänomen der frommen Radikalen, deren Gewaltakte immer grausamere Ausmasse annehmen, mit der europäischen Protestbewegung der 60er-Jahre. Ein Bild, das auch auf die äusserliche Erscheinung der Leute gut passt, die – abgesehen von der übergrossen Kipa und ihrer Schläfenlocken – wie Hippies herumlaufen.

Aussteiger ohne Orientierung

Die Täter kommen aus einem streng definierten ideologischen Umfeld. In Israel geht es um «junge Leute, Anfang 20, manche noch jünger, die einem romantischen religiösen Nationalismus folgen». Das Profil, das Fischer von den «jüdischen Terroristen» zeichnet, wie sie neuerdings im offiziellen Wortlaut heissen, ist das von Aussteigern. «Wir haben es mit Leuten zu tun, die sich weder im orthodoxen noch im weltlichen Leben zurechtfinden, die antiklerikal sind und gegen den Staat.» Ihre «Netzwerke» entstehen über Kontakte aus Siedlungen oder aus der Schule.

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