Lateinamerika
Skandal um «Luftimpfungen» in Brasilien: Senioren bekommen oft gar kein Vakzin gespritzt

In Brasilien werden immer mehr Fälle bekannt. Auch in anderen Staaten Lateinamerikas fliegen Betrügereien aller Arten auf.

Klaus Ehringfeld aus Mexiko-Stadt
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Oftmals ohne echtes Vakzin: «Drive-by-Impfung» in Brasilien.

Oftmals ohne echtes Vakzin: «Drive-by-Impfung» in Brasilien.

Bild: Imago (Rio de Janeiro, 13.2.2021)

Es sind beängstigende Szenen, die sich in Brasilien in den vergangenen Tagen abgespielt haben. Ein Seniorenpaar oder ein Rentner, begleitet von einem Kind oder Enkel, fahren im Auto beim Impfzentrum vor. Auf dem Beifahrersitz rollen ein alter Mann oder eine betagte Frau den Ärmel hoch, und eine Impfhelferin im Schutzanzug drückt dem Patienten routiniert eine Spritze vorgeblich mit dem Coronavakzin in den Oberarm. Es wirkt professionell und routiniert – und ist doch oftmals ein Betrug, der in dem von Covid-19 so stark gebeutelten südamerikanischen Land immer mehr um sich greift.

Denn vielfach sind diese Impfungen wahrhafte Luftnummern, das heisst Impfungen, in denen gar kein Schutzpräparat injiziert wird. Die Krankenschwester oder der Impfhelfer haben entweder gar kein Vakzin in der Spritze aufgezogen – oder sie verimpfen den Inhalt der Spritze gar nicht unter die Haut, sondern lassen ihn im Kolben. Mutmasslich wollten die Impfhelfer das Vakzin für sich oder Angehörige nutzen oder es auf dem Schwarzmarkt verkaufen, vermuten die Behörden.

Den Betrug per Handy aufgezeichnet

Diese Art von «Drive-by-Impfung» in mobilen Impfzentren, bei welcher der Patient gar nicht aus dem Auto aussteigt, sind in Brasilien sehr verbreitet. Aufgefallen sind diese Betrügereien jetzt mehrfach, nachdem die Patienten zuhause noch mal in Ruhe die Handyvideos der angeblichen Immunisierung angeschaut und dabei festgestellt haben, dass sie um ihre Schutzimpfung betrogen wurden.

Besonders dramatisch ist ein Fall aus Petrópolis in der Nähe von Rio de Janeiro. Eine Greisin von 94 Jahren dachte, sie sei gerade gegen Covid-19 geschützt worden, aber ihre Spritze war leer. Auf dem Video, das ihre Kinder machten, sieht man, dass die Helferin Probleme mit der Schutzkappe der Spritze vorgibt und diese dann gegen eine neue austauscht. Diese andere Spritze aber enthält gar kein Vakzin und wurde der alten Frau dann also «leer» gesetzt.

Die Impfhelferin sah nicht, dass ihr Betrug gefilmt wurde, da sie sich nicht so weit ins Auto beugte, um den filmenden Fahrer sehen zu können. Die Täterin verteidigte sich mit dem Argument, sie sei wegen des Dauerstresses der Akkord-Impfungen übermüdet gewesen und habe einen Fehler gemacht. Sie habe aber nicht vorgehabt, das Vakzin zu unterschlagen. Ihr drohen laut Staatsanwaltschaft dennoch nun bis zu vier Jahre Gefängnis.

Präsident Bolsonaro hat Impfungen lange bekämpft

Brasilianische Medien nennen diese Betrügereien «Wind-Impfungen», und sie sind eindeutig und vielfach belegt aus den Bundesstaaten Rio de Janeiro, São Paulo, Goiás, Alagoas und dem besonders dramatisch unter Corona leidenden Staat Amazonas mit seiner Hauptstadt Manaus. Überall dort wurden nachweislich öfters Scheinimpfungen verabreicht. Mittlerweile empfehlen die Behörden sogar ausdrücklich, dass die Angehörigen das Verabreichen des Impfstoffs dokumentieren und bei Zweifeln sofort zum Zentrum zurückkehren und Anzeige erstatten sollen.

Sperrte sich lange Zeit gegen Impfungen und verzögerte dadurch die Kampagne: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro.

Sperrte sich lange Zeit gegen Impfungen und verzögerte dadurch die Kampagne: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro.

Joedson Alves / EPA

Der Skandal trifft ein Land, das erstens wie kaum ein anderes unter Covid-19 leidet und wo die Immunisierung zudem erst spät (17. Januar) und sehr holperig angelaufen ist, weil der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro nichts von Impfungen hält und sie lange auf allen politischen und administrativen Ebenen bekämpft hat. Bis heute haben nach internationalen Erhebungen erst 3,3 Prozent der 211 Millionen Brasilianer ihre erste Dosis erhalten.

Zudem kommen die Impfstoffe nur sehr langsam und in geringer Zahl ins Land, weil die Regierung sehr spät Verträge mit den Pharmaherstellern abgeschlossen hat. Grosse Städte wie Rio de Janeiro oder Salvador de Bahía mussten ihre Impfkampagnen zeitweise ganz einstellen. Das grösste Land Lateinamerikas hat laut Johns-Hopkins-Universität mit über 254000 Toten die zweitmeisten Opfer nach den USA zu beklagen und verzeichnet mit 10,5 Millionen die drittmeisten Infizierten nach den USA und Indien.

Andere Impfskandale haben in den vergangenen Wochen auch Peru, Ecuador und Argentinien erschüttert. In Peru mussten die Aussen- und die Gesundheitsministerin zurücktreten, weil sie sich vorzeitig impfen liessen. In Ecuador stolperte der Gesundheitsminister über Vetternwirtschaft beim Immunisieren. Auch in Argentinien hatte der Ressortchef politischen Freunden ermöglicht, sich ausser der Reihe vorschnell impfen zu lassen.

Einzig im kleinen Chile läuft alles nahezu vorbildhaft. Dort sind die Impfungen weitgehend skandalfrei, bestens organisiert und auch Vakzine sind genügend vorhanden. In dem kleinen Land ist bald ein Fünftel der 19 Millionen Menschen immunisiert. Chile könnte das erste Schwellenland sein, das Herdenimmunität erlangt.