Kommentar
Terrorismus: Macht der Bataclan-Prozess Sinn?

In Paris hat der Prozess gegen die überlebenden Attentäter der Bataclan-Anschläge begonnen. Der Prozess um den schwersten Terrroranschlag, den Frankreich je erlebt hat, wirft die Frage auf, ob solche Monsterveranstaltungen überhaupt sinnvoll sind. Doch was wäre die Alternative? Frankreich will kein «Guantánamo».

Stefan Brändle, aus Paris
Stefan Brändle, aus Paris
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Polizisten sichern das Gerichtsgebäude in Paris.

Polizisten sichern das Gerichtsgebäude in Paris.

Christophe Petit Tesson / EPA

Im Pariser Justizpalast hat sechs Jahre nach den Bataclan-Anschlägen ein Megaprozess begonnen: 20 Angeklagte werden sich acht Monate lang vor 1800 – anwesenden! – Zivilklägern verantworten müssen. Viele Franzosen stellen den Sinn des Unterfangens in Frage: Es fehlten die drei (toten) Haupttäter, ihre Komplizen seien uneinsichtig – und die 130 Todesopfer würden auch nicht mehr zum Leben erweckt. Trotzdem ist die monatelange und zweifellos schmerzvolle Aufarbeitung notwendig und richtig. Allein schon, um klarzumachen, dass unser Rechtssystem nicht mit den gleichen Instinkten der Rache und Gewalt antwortet, sondern nüchtern, überlegt und entschlossen.

Frankreich hat seit dem 13. November 2015 bewiesen, dass es möglich ist, sich von den Attentaten nicht unterkriegen zu lassen. Die Terrorabwehr wurde verstärkt, die Attentatsserie - vom Anschlag gegen die Charlie Hebdo-Redaktion 2015 bis zur Strandpromenade von Nizza - mit einem gewaltigen Ermittlungs- und Überwachungsaufwand gebrochen. Dennoch lassen sich die Franzosen ihren Alltag nicht vergällen. Weiterleben ohne Hysterie und Angst: Die Citoyens machen es sechs Jahre nach dem Bataclan-Horror vor, trotz der anhaltenden Bedrohung, und obwohl seit 2016 viele, aber längst nicht alle Anschläge verhindert werden konnten.

Darin zeigt sich Frankreich stark. Zugleich verdrängt es aber sein grösstes gesellschaftspolitisches Problem: die Banlieue-Zonen, aus denen die meisten Attentäter stammen, und wo einzelne Jugendliche sehr anfällig sind für die Ideologie von Salafisten und IS-Propagandisten. Das ist der schwache Punkt der terrorversehrten Nation. Und ihn behebt keine Gerichtsverhandlung.

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