Kommentar
Friedensnobelpreis: Zum Glück hat Greta Thunberg nicht gewonnen

Kaum jemand kennt die diesjährigen Preisträger Maria Ressa und Dmitri Muratow. Genau deshalb sind sie die richtige Wahl.

Samuel Schumacher
Samuel Schumacher
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Sie war eine der Favoritinnen in den Wettbüros: Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Sie war eine der Favoritinnen in den Wettbüros: Klimaaktivistin Greta Thunberg.

EPA

«Schatz, ich habe gerade den Friedensnobelpreis erhalten», sagte US-Präsident Barack Obama im Herbst 2009 eines Abends zu seiner Frau. «Wirklich? Wofür denn?», fragte Michelle. «Weiss ich auch nicht», antwortete Obama. Das Nobelpreis-Komitee begründete seinen Entscheid damit, dass der erst schwarze Präsident der USA die Völkerverständigung in «aussergewöhnlicher Weise» gefördert habe.

Drei Jahre später erhielt die EU den Preis (für ihren Einsatz für Menschenrechte), 2019 der äthiopische Präsident Abiy Ahmed (für seine Annäherung an Eritrea), der jüngst wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen seiner Truppen im Tigray-Konflikt in Kritik geriet. Kurz: Die Entscheidungen der Damen und Herren in Oslo sind nicht immer nachvollziehbar.

Auch dieses Jahr nicht. Kaum jemand ausserhalb von Russland oder den Philippinen hat vor dem Entscheid je von der philippinischen Reportern Maria Ressa oder dem russischen Journalisten Dmitri Muratow gehört. Manch einer mag sich gefragt haben, was die beiden Unbekannten denn schon geleistet haben können. Die Wettbüros rechneten mit der Aktivistin Greta Thunberg oder dem russischen Oppositionellen Alexej Nawalny.

Bislang weitgehend unbekannt: Die Reporterin Maria Ressa und der Journalist Dmitri Muratow.

Bislang weitgehend unbekannt: Die Reporterin Maria Ressa und der Journalist Dmitri Muratow.

EPA

Was der diesjährige Entscheid deutlich unterstreicht, ist eine Tatsache, die in unserer von Promi-Kult und Aufmerksamkeits-Hascherei geprägten Zeit oft vergessen geht: Die wahren Heldinnen und Helden wirken oft im Stillen, unbemerkt von der geschäftigen Welt, abseits der vermeintlichen Hauptbühnen, auf denen unser wohlsituiertes Leben spielt.

Sowohl Maria Ressa als auch Dmitri Muratow sind unglaublich mutige Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens gegen Regime anschreiben, die sie jederzeit ausknipsen und vergessen machen könnten. Die Verkündung dürfte den beiden den Rücken in ihrem wichtigen Kampf stärken.

Kailash Satyarthi, der indische Anti-Kinderskalven-Aktivist und Friedensnobelpreisträger 2014, hat mir bei einem Interview in seinem Garten in Rajasthan einst gesagt, der Preis habe ihn im Nu vom No-Name zum gern gesehenen Gast auf der ganzen Welt gemacht. Sein Kampf sei plötzlich wahrgenommen worden. Es ist Dmitri Muratow und Maria Ressa zu wünschen, dass ihnen dasselbe widerfährt.

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