Kinder sind die ersten Opfer der Mafia

In der gefährlichsten Mafia-Organisation des Landes, der ’Ndrangheta in Kalabrien, begehen schon Minderjährige schwerste Verbrechen. Roberto Di Bella, Jugendrichter in Reggio Calabria, nimmt den Clans ihre Kinder weg – zu deren eigenem Schutz.

Interview: Dominik Straub
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«Es lebe der Frieden, nein zur Mafia»: Ein Kind demonstriert gegen das organisierte Verbrechen. (Bild: Imago (Locri, 21. März 2017))

«Es lebe der Frieden, nein zur Mafia»: Ein Kind demonstriert gegen das organisierte Verbrechen. (Bild: Imago (Locri, 21. März 2017))

In der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta werden schon Kinder Teil der Verbrecherorganisation. Roberto Di Bella, Präsident des Jugendgerichts von Reggio Calabria, hat 2012 ein Programm ins Leben gerufen, das ermöglicht, Kinder aus ’Ndrangheta-Clans ihren Familien zu entziehen und so zu schützen.

Seit dem Start des Programms hat der 54-Jährige rund fünfzig solcher Verfügungen erlassen, von denen knapp siebzig Kinder und Jugendliche betroffen waren. Die Minderjährigen kommen in ein Schutzprogramm, das dem Zeugenschutzprogramm für Mafia-Aussteiger entspricht: Sie erhalten einen neuen Pass und werden an einen geheimen Ort gebracht, meist in Norditalien.

Roberto Di Bella (Bild: Domink Straub)

Roberto Di Bella (Bild: Domink Straub)

Roberto Di Bella, Sie sind seit 25 Jahren Jugendrichter in Kalabrien und urteilen über 14- bis 18-jährige Kinder und Jugendliche. Welche Art von Delikten begehen die minderjährigen Mafiosi, die vor Ihnen auf der Anklagebank sitzen?

Ich erlebe das ganze Repertoire schwerster Gewalttaten: Erpressung, Drogenhandel, Raub, Entführungen. Vor mir müssen sich aber auch Kinder verantworten, die Morde begangen hatten, auch an Polizeibeamten. Wir erleben auch immer wieder Kinder, die als Täter in Familienfehden in Erscheinung treten, oft als Auftragskiller.

Kinder als Berufskiller?

In den 90er-Jahren stand ein Jugendlicher vor mir, der sechs Auftragsmorde verübt hatte. Vor seiner Verhaftung stand er während Jahren auf der Liste der gefährlichsten Verbrecher des Landes.

Was waren die schlimmsten Taten, über die Sie urteilen mussten?

Der grösste Horror sind die «ragazzi», die ihre eigenen Mütter töten, weil diese nicht auf die Rückkehr ihrer im Zuchthaus sitzenden Ehemänner warten mochten und eine aussereheliche Beziehung eingegangen waren. Darauf steht laut dem verlogenen Ehrenkodex der Clans die Todesstrafe.

Ist es wahr, dass die Minderjährigen von ihren mafiösen Verwandten trainiert werden, um der Begehung derart brutaler Gewalttaten psychisch überhaupt standzuhalten?

Das ist in der Tat so. Wir haben Aussagen und Abhörprotokolle, die das belegen. Zum Teil müssen die Kinder in ’Ndrangheta-Familien Haustiere quälen und töten, um sich das Mitleid abzugewöhnen. Und wir wissen auch, dass viele Kinder schon im Alter von zehn Jahren Schiessunterricht erhalten.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Sohn eines Bosses ebenfalls zum Kriminellen wird?

Extrem hoch. Unsere Erfahrung zeigt uns das. Ich sehe mich nicht selten in der Situation, dass ich heute die Kinder von Personen verurteilen muss, die in den 90er-Jahren als jugendliche Angeklagte vor mir gesessen waren.

Sie sprechen von einer «Kultur der ’Ndrangheta». Wie muss man sich das Klima dort vorstellen?

Die Clans sind geschlossene Gesellschaften mit ihren eigenen Regeln, Gesetzen und Ritualen. Den Kindern wird nicht erlaubt, mit Personen ausserhalb der Familien Beziehungen einzugehen. Die Familie ist das Dogma, die alleinige In­stanz. Nichts darf nach draussen dringen. Die Kinder der ’Ndrangheta atmen von Geburt an ein mafiöses Klima; diese Kultur entwickelt und verfestigt sich in den Heranwachsenden im Laufe der Jahre.

Wie reagieren die Kinder auf diese Indoktrinierung?

Die Macht der Clans übt zunächst eine grosse Faszination auf die Jugendlichen aus. Der Sohn eines Mafia-Bosses wird von allen gegrüsst, auch von Erwachsenen und Rentnern. Er geht in die Bar und ist derjenige, der nie bezahlen muss – einzig wegen seines Nachnamens. Und im Unterschied zu den meisten anderen Jugendlichen Kalabriens verfügt der Sohn eines Bosses über sehr viel Geld.

Was zeichnet die «Kultur der ’Ndrangheta» sonst noch aus?

Die Jugendlichen haben ein völlig gestörtes Verhältnis gegenüber den staatlichen Institutionen. Für die Kinder der Mafia sind Polizisten Feinde: Das sind diejenigen, die in der Nacht gekommen sind und den Vater abgeführt haben. Carabinieri haben uns von Zwölfjährigen berichtet, die vor ihnen auf den Boden spucken. Und es gibt Mafia-Kinder, die sich das Bild eines Carabiniere unter den Fuss tätowieren lassen, damit sie den verhassten Beamten symbolisch bei jedem Schritt in den Boden treten. Die Kinder lernen, dass es ausserhalb der Familie einen Staat gibt, dem man nichts schuldig ist, der einem feindlich gesinnt ist und dessen Regeln man nicht einhalten muss.

Dennoch sagen Sie: Die ersten Opfer der ’Ndrangheta sind die Kinder.

Ja, denn hinter dem zur Schau gestellten Familienstolz der Söhne verbirgt sich eine traurige Realität. Die psychologischen Gutachten, die wir über die jugendlichen Mafiosi einholen, sind verheerend. Die Diagnosen sind vergleichbar mit jenen von Kindern mit Kriegstraumen. Sie leiden unter schweren Angstzuständen und Albträumen; sie sorgen sich permanent um sich und ihre Familienangehörigen. Kinder, die einen Auftragsmord begangen haben, leben in der permanenten Angst, aus Rache von einem anderen Killer getötet zu werden.

Grauenvoll.

Im Grunde wird ihnen die Jugend gestohlen. Und oft sind die Kinder allein: Der Vater, mit dem man reden möchte, sitzt seit Jahren im Gefängnis, ist auf der Flucht oder wurde getötet. Die übrige Familie ignoriert das Leiden dieser «ragazzi» in der Regel vollständig.

Wann ordnen Sie die Unterbringung ausserhalb des Clans an?

Zum Beispiel wenn das Verhalten der Eltern Anlass zur Befürchtung gibt, dass eine normale Entwicklung des Minderjährigen nicht möglich ist. Oder wenn gerade eine Familienfehde im Gang ist und sich die Jugendlichen deshalb in Lebensgefahr befinden. Wir schreiten aber auch ein, wenn wir sehen, dass ein Minderjähriger gerade dabei ist, zum Sprung in die schwere Kriminalität anzusetzen.

Müssen die Eltern der ausserfamiliären Unterbringung zustimmen, damit Sie einschreiten können?

Nein, das geht ohne das Einverständnis der Familie. In einer späteren Phase versuchen wir, zusammen mit Psychologen, der Pflegefamilie und mit den Anti-Mafia-Vereinen, auch die Eltern miteinzubeziehen. In 95 Prozent der Fälle sind unsere Ansprechpartner die Mütter.

Und wie reagieren diese?

Zuerst stösst das Wegnehmen der Kinder natürlich auf Widerstand. Aber nach einer gewissen Zeit wird den meisten Frauen bewusst, dass unsere Anordnung nicht der Bestrafung der Kinder dient, sondern ihrem Schutz. Dann wird der neue erzieherische Ansatz akzeptiert. Und nicht wenige Mütter folgen ihren Kindern in das Schutzprogramm, verlassen die Familie also ebenfalls.

Wenden sich die Mütter auch von sich aus an Sie?

In den ersten Jahren des Programms haben wir die Entfernung der Kinder von uns aus angeordnet. Doch unsere Massnahme hat sich herumgesprochen, und nun kommen Mütter oft von sich aus zu uns. Bei nicht wenigen von ihnen handelt es sich um «weisse Witwen», also um Ehefrauen, deren Gatten zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurden und in Isolationshaft sitzen. Diese 30- bis 40-jährigen «weissen Witwen» sind faktisch in ihrer Familie eingesperrt. In den patriarchalisch geprägten Clans kann eine solche Frau nicht daran denken, sich ein neues Leben und einen neuen Partner zu suchen, es wäre lebensgefährlich.

Wie können die Jugendlichen in ein neues Leben in der Legalität geführt werden?

Wichtig ist, dass sie eine andere Kultur, eine andere Lebensweise kennen lernen, ausserhalb der organisierten Kriminalität. Dank dem Programm leben sie für mehrere Jahre fern von ihrem Clan und kommen in Kontakt mit normalen Familien und normalen Gleichaltrigen. Hier lernen sie eine neue, andere Welt kennen. Eine Welt, in der Gewalt und Mord nicht die normalen Mittel sind, Kontroversen auszutragen.

Irgendwann sind die Kinder der ’Ndrangheta wieder auf sich selber gestellt. Kommt es vor, dass sie zu ihrem Clan zurückkehren?

Bis jetzt hatte kein einziger wieder Probleme wegen der Mafia. Diese «ragazzi» werden wie neu geboren: Sie gewinnen ihre Freiheit zurück. Sie können Freundschaften schliessen, mit wem sie wollen, sie können ein eigenes, selbstverantwortliches Leben führen. Wenn die Jungen ihr eigenes Potenzial entdecken und sich der leidvollen Situation bewusst werden, in der sie gelebt hatten, dann wollen sie nicht mehr zurück in die organisierte Kriminalität.

Für die Väter sind Sie derjenige, der ihnen Kinder und Frau wegnimmt.

Es ist klar, dass die Väter dies nicht akzeptieren. Ich erhalte aber auch Briefe von Bossen, die in Isolationshaft sitzen und die sich positiv zur Entfernung ihres Sohnes aus dem Clan-Umfeld äussern. Einer schrieb: «Dottore, ich bin Ihnen dankbar für das, was Sie für meinen Sohn tun, gehen Sie weiter Ihren Weg. Wenn ich ebenfalls diese Möglichkeit gehabt hätte, dann würde ich mich heute vielleicht an einem anderen Ort befinden.»

Das macht Hoffnung. Glauben Sie, dass es eines Tages möglich sein wird, die ’Ndrangheta ganz zu besiegen?

Absolut. Der Staat wird das schaffen. In Kalabrien ist schon einiges in Bewegung gekommen, nachdem jahrelang wenig unternommen worden war. Es gibt viele Vereine und Bürgerinitiativen, die sich gegen die Kultur der Mafia auflehnen, und auch die Kirche hat sich bezüglich ihres früher problematischen Verhältnisses zur ’Ndrangheta stark verbessert.