Keine Freunde mehr
Saudi-Arabiens Schonfrist ist abgelaufen: Joe Biden will geheimen CIA-Bericht veröffentlichen lassen

Der Bericht soll den Kronprinzen Mohammed bin Salman schwer belasten. «MBS» wird darin mutmasslich direkt für die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi verantwortlich gemacht.

Michael Wrase
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Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman.

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman.

AP

Vier Jahre lang äusserte der damalige US-Präsident Donald Trump praktisch kein kritisches Wort zum saudischen Regime. Selbst, als der Journalist Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul (mutmasslich im Auftrag des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman) ermordet wurde, blieb Trump zurückhaltend. Jetzt aber hat das amerikanische Wegschauen ein Ende gefunden. In einem Telefonat mit dem saudischen König Salman hat US-Präsident Joe Biden betont, dass die Menschenrechte in Zukunft wieder eine zentrale Rolle in der Beziehung der beiden Staaten spielen werden.

Richtig unangenehm wird es für das wahabitische Königshaus aber erst dann, wenn Biden seine Drohung wahr macht und den bislang unter Verschluss gehaltenen CIA-Geheimdienstbericht veröffentlichen will, der Mohammed bin Salman (oder «Mohammed Bone Saw», «Mohammed Knochensäge», als der er in den sozialen Medien verballhornt wird) die direkte Verantwortung für die Ermordung von Khashoggi zuschiebt.

MBS ist in den Augen von Experten der «neue Saddam»

Auch wenn «MBS» in den kommenden Tagen und Wochen erneut bestreiten wird, mit dem entsetzlichen Auftragsmord etwas zu tun zu haben, ist für Joe Biden die Faktenlage klar: In seiner Amtszeit wird er die mit Blut befleckte Hand des 35-jährigen Kronprinzen nicht schütteln.

Bidens Entscheidung dürfte die Atmosphäre zwischen Riad und Washington nachhaltig verschlechtern. MBS, den das US-Magazin «Foreign Policy» bereits als «den nächsten Saddam Hussein» bezeichnet, wird dem amerikanischen Präsidenten niemals verzeihen, dass er ihn vor der ganzen Welt bloss gestellt, ja gedemütigt hat.

Mit der Veröffentlichung des belastenden CIA-Berichtes dürfte der Mordfall Khashoggi für MBS noch nicht erledigt sein. Der saudische Kronprinz müsse jetzt für seine Mordbefehle zur Rechenschaft gezogen werden, fordert etwa der im kanadischen Exil lebende Saudi Khaled Aljabri, dessen Vater in Saudi-Arabien in Gefängnis sitzt. «Nur so können wir sicherstellen, dass sich barbarische Verbrechen wie in Istanbul nicht wiederholen.»

Keine Sanktionen gegen den «Aussätzigen»

Von der saudischen Opposition geforderte «personalisierte Sanktionen» der USA gegen MBS sind nach Ansicht der amerikanischen Saudi-Arabien-Expertin Kirstin Fontenrose allerdings unwahrscheinlich. Die Politikwissenschaftlerin hält es hingegen für möglich, dass die Administration des Demokraten Joe Biden eine Erklärung abgibt, in der sie festhält, mit MBS auch dann nicht zu verhandeln, wenn sein greiser Vater dereinst sterben und MBS selbster zum König von Saudi-Arabien aufsteigen wird.

Aus dem Blickwinkel Bidens wäre ein solcher Schritt nur konsequent. Während seines Wahlkampfes hatte der neue US-Präsident den saudischen Kronprinzen mehrfach als «Aussätzigen», bezeichnet.