Interview
Carla Del Ponte hat für die Gerechtigkeit ihr Leben riskiert – und sagt: «Ich hatte nie Angst»

Milošević wollte sie mit Blicken töten, andere mit Sprengstoff. Die ehemalige Chefanklägerin spricht über den syrischen Diktator Assad und die Untätigkeit der UNO.

Philipp Hedemann
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Carla Del Ponte

Carla Del Ponte

Archivbild: Chris Iseli

Frau Del Ponte, in Syrien herrscht seit über zehn Jahren Krieg. Glauben Sie, dass Assad und die anderen Akteure dieses Krieges jemals für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden?

Nein! Denn jedes Mal, wenn die Welt etwas gegen Assad unternehmen möchte, legt Russland im UN-Sicherheitsrat sein Vetorecht ein. Allerdings: Kriegsverbrechen verjähren nicht. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich der politische Wille der Staaten eines Tages ändert und man die Verantwortlichen doch noch zur Rechenschaft ziehen wird. Jedoch nicht in absehbarer Zeit. Es ist auf der ganzen Welt eine schlechte Zeit für Menschenrechte und die internationale Justiz. Leider, leider, leider!

Sie wollten selbst dazu beitragen, dass die Kriegsverbrechen in Syrien nicht ungesühnt bleiben. Doch nach mehr als sechs Jahren sind Sie als Mitglied einer UN-Untersuchungs-Kommission zurückgetreten. Warum?

Weil ich einfach genug hatte! Wir haben uns darum bemüht, dass ein internationaler Gerichtshof für die in Syrien begangenen Kriegsverbrechen gegründet wird. Doch es ist absolut nichts geschehen! Ich wollte mit meiner Mitarbeit in der Kommission der Welt und der UNO nicht länger ein Alibi bieten, nichts für die Aufarbeitung der in Syrien begangenen Verbrechen zu tun.

Die Kriegsverbrecher werden also straffrei davonkommen?

In Deutschland mussten sich unlängst Menschen, die in Syrien Kriegsverbrechen begangen haben, vor Gericht verantworten. Das war fantastisch und sehr bemerkenswert. Nicht viele Staaten ausser Deutschland nehmen diese wichtige Arbeit auf sich. Aber es handelte sich bei den Angeklagten lediglich um relative kleine Nummern. Doch wir müssten die grossen Fische, die Drahtzieher vor Gericht bringen. Dafür wurden internationale Gerichtshöfe gegründet. Aber sie können nur tätig werden, wenn es den entsprechenden internationalen politischen Willen gibt.

In Ihrem neuen Buch «Ich bin keine Heldin. Mein langer Kampf für Gerechtigkeit», stellen Sie fest, dass es um die internationale Justiz derzeit nicht gut bestellt ist. Haben Sie resigniert?

Nein! Aber als Mitglied der Syrien-Kommission hat mich die Gleichgültigkeit der Weltgemeinschaft gegenüber der internationalen Justiz, der Gerechtigkeit und den Menschenrechten zutiefst frustriert. Ich habe damals zwei Mal pro Jahr an den Sitzungen des UN-Menschenrechtsrates teilgenommen. Das war wirklich eine grosse Enttäuschung. Worte, Worte, Worte, aber nichts Konkretes!

Was haben Sie als Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes empfunden, als Sie das erste Mal dem serbischen Präsidenten und gesuchten Kriegsverbrecher Slobodan Milošević gegenübertraten?

Er verhielt sich stolz, überheblich, respektlos und zurückweisend und sagte mir, dass er den Gerichtshof und mich als Chefanklägerin nicht anerkenne. Hätten Blicke töten können, wäre ich gestorben, als er mich im Gerichtssaal anschaute. Zu Beginn der Verhandlungen hat der Vorsitzende Richter ihn immer gefragt hat: «Wie geht es Ihnen, Herr Milošević? Wie fühlen Sie sich? Bekommen Sie genug zu essen? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Zelle?» Das hat mich wütend gemacht! Es hat mich nicht interessiert, wie es Milošević ging. Mich hat interessiert, welche Verbrechen er verübt hat.

Dirk Ryneveld, Carla del Ponte und Geoffrey Nice (v.l.) beim Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic. (13. Februar 2002)

Dirk Ryneveld, Carla del Ponte und Geoffrey Nice (v.l.) beim Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic. (13. Februar 2002)

AP Pool / Keystone

Wie war Milošević als Angeklagter?

Er war schlau und hat sich selber verteidigt, obwohl der Gerichtshof ihm drei Verteidiger gestellt hat. Aber er wollte sich selbst verteidigen, denn nur so konnte er sprechen. Er wollte die ganz grosse Bühne, um seine politischen Botschaften zu verkünden, und die ganze Welt sollte zusehen.

Milošević starb, bevor es zum Urteil kam, in seiner Zelle. Was haben Sie empfunden, als Sie von seinem Tod erfuhren?

Ich war sehr wütend! Die Opfer und Hinterbliebenen würden so nicht mehr erleben, dass Milošević für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen würde. Hinzu kam: Es ärgerte mich, dass er so einen gnädigen, so einen milden Tod geschenkt bekam. Er ist einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Andere Kriegsverbrecher sind nach Ihren Anklagen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Hat Ihnen das persönliche Genugtuung verschafft?

Ja, sicher! Es war der beste Lohn für unsere Arbeit. Manchmal knallten die Champagner-Korken. Aber vor allem habe ich mich für die Opfer gefreut.

Sind Sie eine Rächerin?

Nein. Ich habe nicht Rache genommen, für etwas, was mir selbst angetan wurde. Ich habe im Auftrag der Opfer gehandelt.

Was unterscheidet einen für Kriegsverbrechen angeklagten Präsidenten auf der Anklagebank von einem gewöhnlichen Kriminellen?

Juristisch eigentlich nichts, de facto jedoch sehr viel. Gewöhnliche Kriminelle haben ein, zwei oder drei Menschen getötet, ein italienischer Mafioso hat vielleicht bis zu zehn Menschen auf dem Gewissen. Aber Milošević trug die Verantwortung dafür, dass Tausende gefoltert und getötet wurden. Trotz dieser enormen Schuld treten Kriegsverbrecher – wie Milošević – vor Gericht meist nicht wie zerknirschte Angeklagte, sondern als selbstbewusste Machtmenschen auf.

Kriegsverbrecher zeigen keine Reue?

Von allen Angeklagten des Jugoslawien-Tribunals hat nur einer echte Reue gezeigt. Die anderen sahen sich als Helden, die sich für ihre Missionen aufgeopfert haben.

Wenn schon ein einfacher Mord mit lebenslanger Haft geahndet werden kann, kann es dann eine gerechte Strafe für tausendfachen Mord oder Genozid geben?

Lebenslang heisst in gewöhnlichen Strafverfahren normalerweise nicht wirklich lebenslang. In der Schweiz beispielweise heisst lebenslänglich in der Regel achtzehn Jahre Haft. Aber wenn ein Internationaler Strafgerichtshof das Urteil lebenslänglich fällt, heisst das wirklich lebenslänglich. Der Verurteilte bleibt dann so lange in Haft, wie er lebt. Und das ist eine angemessene Strafe.

Auf Sie ist ein Sprengstoffanschlag verübt und geschossen worden. Ist der Kampf für Gerechtigkeit es wert, sein eigenes Leben zu riskieren?

Sterben müssen wir alle. Irgendwann. Aber warum soll ich mich davon beeinflussen lassen, dass man vielleicht versucht, mich zu töten? Ich hatte nie Angst. Ich war unter Polizeischutz und habe immer darauf vertraut, dass die Bodyguards und Polizisten ihren Job gut machen. Nur ein einziges Mal, in Belgrad, hatte ich ein komisches Gefühl.

Warum?

Wir waren auf einer gesperrten Autobahn mit einem Konvoi auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt. Es gab drei identische Wagen. Potentielle Attentäter sollten nicht wissen, in welchem Auto ich sass. Aber was mich gestört hat, war, dass am Ende des Konvois ein Krankenwagen fuhr. Darin hätte ich sofort behandelt werden können, wenn auf mich geschossen worden wäre. Das hat mir die Bedrohungslage konkret vor Augen geführt.