Nahost-Konflikt
«In Israel begreift man nicht, wie isoliert man ist»

Die Lage im Nahen Osten bleibt angespannt. Der Grund: Palästina will einen UN-Sitz. Der Historiker Moshe Zimmermann spricht mit der az über die Folgen der palästinensischen UNO-Initiative für den Nahostfriedensprozess.

Susanne Knaul, Jerusalem
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Vorfreude: Palästinenser schreiten in Ramallah im Westjordanland über einen mit palästinensischen Flaggen dekorierten Kreisel. Uriel Sinai/Getty

Vorfreude: Palästinenser schreiten in Ramallah im Westjordanland über einen mit palästinensischen Flaggen dekorierten Kreisel. Uriel Sinai/Getty

Herr Professor Zimmermann, Sie gehören zu den warnenden linken Stimmen in Israel, zu den Besatzungsgegnern. Bekommt die konservative Regierung jetzt die Rechnung dafür präsentiert, dass sie Leuten wie Ihnen nicht zugehört hat?Moshe Zimmermann: Objektiv gesehen ist das schon richtig, nur sieht das die Regierung ganz anders. Der neutrale Beobachter wird sagen: Da Israel es versäumt hat, in den letzten Jahren mit den Palästinensern Gespräche aufzunehmen, kommt jetzt die öffentliche Meinung bei den Palästinensern und in der arabischen Welt und sogar in der Türkei zu dem Schluss, dass man Israel ablehnend gegenüberstehen muss. Wenn Israel den Palästinensern gegenüber in den letzten Jahren konstruktive Vorschläge vorgebracht und mit der Siedlungspolitik aufgehört hätte, dann wäre es für die Ägypter, die Syrier und die Libyer viel leichter, Israel zu verstehen. Die Regierung versteht das ganz anders. Sie versteht das, was jetzt geschieht, als Bestätigung ihrer Überzeugung, dass die ganze Welt wie seit eh und je gegen Israel ist.

Die Regierung von Benjamin Netanjahu führt das Land in die düstersten Zeiten der Isolation zurück, trotzdem gibt sich das Volk zufrieden. Ist die Isolation und die damit verbundenen Gefahren den israelischen Bürgern gar nicht so präsent?
Wenn man hier in Israel lebt, begreift man nicht, wie weit man isoliert ist. Die Beziehungen zum feindlichen Ausland sind sehr indirekt. Man erfährt etwas über die Nachrichten, und die sind zum Teil regierungsfreundlich. Einen Überblick über die Entwicklungen haben die meisten Leute nicht. Darüber hinaus wird die fortschreitende Isolation als Teil des Musters registriert: Die Welt ist sowieso gegen die Juden. «Ein Volk für sich allein», heisst es schon in der Bibel. Damit hat nicht etwa die Regierung falsch gehandelt, sondern die alte Parole aus der Bibel bestätigt sich immer wieder, ohne dass man daran etwas ändern kann.

Die PLO wird am Freitag vor die UNO ziehen. Hätte Israel anders reagieren sollen und einer Staatsgründung Palästinas sogar zustimmen müssen?
Wenn man die wahren Interessen Israels vertreten möchte, muss man für eine solche UNO-Resolution sein. Letztlich forderte die UNO-Resolution 1947 die Gründung von zwei Staaten nebeneinander. Wenn der eine Staat legitim ist –Israel –, ist der andere Staat – Palästina – automatisch auch legitim. Israel hätte also dafür sein sollen, dass so eine Resolution akzeptiert wird. Nun ist es aber so, dass Netanjahu und Co. automatisch gegen alles eintreten, was zur Gründung des Palästinenserstaates führt.

Man will ja doch die zwei Staaten, was ist dann also das Problem?
Wenn Netanjahu über zwei Staaten spricht, dann ist das nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Wenn Netanjahu Friedensverhandlungen ohne Vorbedingung fordert, bedeutet das, dass er von der anderen Seite verlangt, dass seine Vorbedingung sehr wohl akzeptiert wird, nämlich die Fortsetzung der Siedlungspolitik. Das geht aber mit der Gründung eines Palästinenserstaates nicht zusammen. Deswegen versucht man, die Staaten, die man die «moralische Mehrheit» nennt – die Europäer, USA etc., die angeblich bedeutender sind als die eigentliche Mehrheit von rund 130 Staaten, die für die Anerkennung Palästinas sind –, unter Druck zu setzen. Hier muss man sagen, ist die israelische Politik erfolgreich. Anstatt Lieberman und Netanjahu die Leviten zu lesen, versucht der Westen die Regierung in Jerusalem zu besänftigen. Da muss man den Kopf schütteln.

Dann könnte der Westen Ihrer Meinung nach mehr Druck ausüben?
Nicht mehr Druck, sondern mehr Überzeugung. Die westlichen Mächte hätten die Israelis davon überzeugen sollen, dass eine Entscheidung in der UNO für die Gründung eines Palästinenserstaates für Israel selbst vorteilhaft ist. Stattdessen nimmt man automatisch eine Haltung gegen den Palästinenserstaat ein, nur weil Netanjahu gegen den «einseitigen Schritt» protestiert.

Wie sieht ihr «worst case scenario» für den Freitag aus?
Dass die UNO-Generalversammlung tatsächlich den Antrag der PLO befürwortet, dass dann die Palästinenser mit grossen Demonstrationen beginnen, auf die Israel überreizt reagiert, während die Siedler dafür sorgen, dass die Auseinandersetzung ausser Kontrolle gerät.

Sollte es zu Gewalt kommen, wird man im Ausland Israel verantwortlich machen. Wie viel an westlichem Ärger hält das Land aus?
Israel wird zweigleisig reagieren und sagen: Das ist nicht unsere Schuld, sondern die Palästinenser sind dafür verantwortlich. Deshalb wird man von Amerika und Europa erwarten, Druck auf die Palästinenser auszuüben. Wenn das nicht passiert, sondern Israel stattdessen unter Druck gesetzt wird, dann kann man sich wieder auf die alte Predigt berufen, nämlich: «Die ganze Welt ist antisemitisch.» Und zwar nicht nur die Palästinenser, die Türken und die Ägypter, sondern auch die Deutschen und die Amerikaner etc. Das Traurige ist, dass US-Präsident Barack Obama leider keine Opposition in seinem Land hat, die ihn korrigieren könnte. Die Republikaner sind zum grossen Teil fundamentalistisch und unterstützten Netanjahu, der damit rechnet und deshalb seine unnachgiebige Politik fortsetzen kann. Obama ist zu schwach, und die Republikaner und die Evangelikalen sind stark genug.

Kann denn überhaupt noch etwas gerettet werden?
Es ist jetzt viel schwieriger, das Verpasste wieder aufzuholen, und das wird von der jetzigen Regierung auch gar nicht versucht. Erst wenn die Leute verstehen, dass ihr persönlicher Wohlstand unmittelbar mit der israelischen Palästinapolitik in Verbindung steht – was jetzt in der Sozialbewegung leider wieder verpasst wurde –, erst dann wird Druck von unten kommen, und es kann sich etwas ändern. Erst wenn die gesamte Region weniger religiös und fundamentalistisch Politik macht, kann sich etwas ändern. Solange wir Geiseln der Siedler und der Besatzung sind und mit den Geiselnehmern kollaborieren, bewegt sich nichts.

Moshe Zimmermann (*1943) ist Professor für Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem.