HORIZON EUROPE
Forschungskooperation: Brüssel verbannt Schweiz in dritte Reihe und will Top-Wissenschaftler ins EU-Land locken

Die Schweiz ist offiziell «nicht-assoziierter Drittstaat» bei der Forschungszusammenarbeit. Das bringt Nachteile für hiesige Wissenschaftler. Spitzenforscher könnten genötigt werden, die Schweiz zu verlassen.

Remo Hess aus Brüssel
Drucken
Teilen
Verliert der Schweizer Forschungs-Standort an Attraktivität?

Verliert der Schweizer Forschungs-Standort an Attraktivität?

Keystone

Das Schweizer Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBFI) streicht die Segel: In einem am Dienstag veröffentlichten Faktenblatt wird festgehalten, dass die Schweiz bei der Forschungszusammenarbeit mit der EU definitiv bis auf weiteres als «nicht-assoziierter Drittstaat» behandelt wird. Das heisst: Die Schweiz muss bei der EU-Forschungszusammenarbeit vorläufig draussen bleiben.

Kollateralschaden im Streit um Rahmenvertrag

Schweizer Forscher und Forscherinnen können sich zwar weiter für die Teilnahme an rund zwei Drittel der EU-Ausschreibungen bewerben. Auf Finanzspritzen aus den Milliarden-Töpfen aber haben sie keinen Anspruch mehr. Das betrifft mindestens sämtliche Projekte, die im Jahr 2021 eingegeben wurden und werden.

Das SBFI versucht insoweit zu beruhigen, dass die Schweiz einspringen und die Projekte der Schweizer Wissenschaftler einseitig finanzieren werde. Für die hiesige Forschungsgemeinschaft ist es aber trotzdem ein herber Schlag. Bis zuletzt hatte man gehofft, vom Streit um den Abbruch des institutionellen Rahmenabkommens verschont zu bleiben und weiter voll im europäischen Netzwerk mitwirken zu können.

Spitzenforscher könnten sich genötigt fühlen, Schweiz zu verlassen

Am härtesten trifft es Forscherinnen und Forscher, die sich um die heiss begehrten Einzelfinanzierungen im Rahmen des «European Research Council» (ERC) bewerben. Diese sind quasi die «Champions League» bei der Forschungsförderung und richten sich an junge Spitzenwissenschaftler, die eine eigene Forschergruppe aufbauen wollen.

Sie können Beiträge von bis zu 2,5 Millionen Euro und im Fortgeschrittenenprogramm sogar mehr erhalten. Als Drittstaat sei der Schweiz der Zugang zu diesen Prestige-Projekten «prinzipiell nicht mehr möglich», schreibt das SBFI. Das gilt auch für die Innovationsförderung für kleinere und mittlere Unternehmen via den «European Innovation Council» (EIC).

Für die im Jahr 2021 bereits eingegeben ERC-Projekte gilt ausserdem eine brisante Spezialregel: Die EU-Kommission will die Evaluation der Projektanträge aus der Schweiz zu Ende führen, sofern sich die Forschenden bereit zeigen, ihre Tätigkeit in einen EU-Staat oder ein assoziiertes Land zu verlegen.

Manche Beobachter werten dies als einen Versuch, der Schweiz ihre Spitzenforscher streitig zu machen. Das Versprechen des SBFI, auch für die hochkarätigen ERC-Projekte eine Ersatzfinanzierung bereitzustellen, kann als Gegenmassnahme verstanden werden. Es gilt, einen allfälligen «Brain Drain», also einen Wissensabfluss aus der Schweiz, zu verhindern.

Vor 2022 wird es nichts: Verhandlungen könnten sich über ein Jahr hinziehen

Ob und wann die Schweiz wieder vollständig an «Horizon Europe» assoziiert wird, steht in den Sternen. Offiziell macht die EU-Kommission den Start von Verhandlungen von der Freigabe des Schweizer Kohäsionsbeitrag abhängig, den sie seit Jahren als überfällig betrachtet. Es wird erwartet, dass der Schweizer Bundesrat noch im August die Botschaft zur Deblockierung der rund 1,3 Milliarden Franken ins Parlament geben wird. Ob der Beitrag dann wie geplant in der Herbstsession ohne grössere Probleme durchgeht, ist ungewiss.

So oder so ist anzunehmen, dass sich die Gespräche mit der EU über die Forschungskooperation hinziehen werden. Nicht nur muss ein neues Dachabkommen über die Teilnahme der Schweiz an sämtlichen EU-Programmen ausgearbeitet werden. Auch haben sich zuletzt die EU-Mitgliedsstaaten eingeschaltet, die in die Verhandlungen involviert sein wollen. Dossierkundige Personen gehen davon aus, dass es rund ein Jahr für eine Einigung dauern könnte.

Weiterführende Infos für Forscherinnen und Forscher gibt es hier:
horizon-europe.ch

Aktuelle Nachrichten