Sputnik V
«Hoher Blutdruck, Schmerzen, Müdigkeit»: So läuft der Impfstart in Russland - Putin lässt die Finger von dem Stoff

In einer übereilten Aktion lässt Russland Lehrer, Ärzte und Sozialarbeiter mit seinem Sputnik-V-Vakzin gegen das Coronavirus impfen. Präsident Wladimir Putin verzichtet. Er hat sich in seinen «Bunker» zurückgezogen. Wer ihn besuchen will, muss zuerst durch einen Desinfektionstunnel.

Inna Hartwich aus Moskau
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Skeptischer Blick des Kremlchefs: Wladimir Putin in seinem «Bunker »am Stadtrand von Moskau.

Skeptischer Blick des Kremlchefs: Wladimir Putin in seinem «Bunker »am Stadtrand von Moskau.

Alexei Nikolsky / AP

«Der Blutdruck ist ein wenig zu hoch, ich mache mir Sorgen. - Geht, sagt der Arzt. Der Arm, in den gestochen worden ist, tut immer noch weh. -Geht, sagt der Arzt. Und diese Müdigkeit, sie will nicht weg. - Geht, sagt der Arzt.» Die russische Journalistin Swetlana Rejter hat über Wochen hinweg ein Impf-Tagebuch geführt, hat über Gliederschmerzen berichtet, über Fieber, Abgeschlagenheit.

Sie hatte sich als Freiwillige gemeldet und wurde Teilnehmerin der dritten klinischen Phase des russischen Impfstoffes Gam-Covid-Vak. Als eine von 40000 Probanden. Die Russen nennen das Vakzin auch «Sputnik V», in Anlehnung an den sowjetischen Satelliten, der 1957 als erster Raumflugkörper ins Weltall geflogen war. Ein symbolträchtiger Name und ein Statement: Wir sind die Ersten! Beim Registrieren von Gam-Covid-Vak im August, wenn auch nur vorläufig. Nun auch beim Impfen der Bevölkerung, mag die Testphase III noch lange nicht abgeschlossen worden sein.

Die Hoffnung Russlands gegen das Coronavirus: Der umstrittene Impfstoff «Sputnik V».

Die Hoffnung Russlands gegen das Coronavirus: Der umstrittene Impfstoff «Sputnik V».

Pavel Golovkin / AP

Die Probandin Rejter durchläuft die Impfung nun gleichzeitig mit Tausenden von Ärzten, Lehrern, Sozialarbeitern, die sich seit dieser Woche quer durchs Land impfen lassen können. Ganz regulär. Und natürlich als erste der Welt.

Unbedingt noch vor den Briten

Überraschend hatte der russische Präsident Wladimir Putin in der vergangenen Woche den Start der Impfkampagne verkündet. Zufällig gewählt war der Zeitpunkt nicht. Einige Stunden zuvor hatte Grossbritannien als erster Staat weltweit den Impfstoff des deutschen Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer zugelassen, ab dem heutigen Dienstag wollen die Briten impfen.

«Lassen Sie uns mit der Arbeit beginnen», sagte also Putin während einer Videokonferenz mit seinen Ministern. Moskau preschte am Wochenende vor. In rund 70 Hauptstadt-Impfzentren können sich russische Bürger zwischen 18 und 60 Jahren mit Sputnik V impfen lassen. Senioren und andere Risikogruppen sind vorerst explizit von der Impfung ausgeschlossen. «Gewöhnliche Bürger und Bürgerinnen sind bald dran», heisst es lediglich.

Russen sind skeptisch gegenüber der Covid-Impfung

Das Staatsfernsehen verkündet nahezu stündlich, in welcher Region das «lang erwartete Vakzin» nun angekommen sei. Orenburg, Sachalin, die Kurilen. Die Impfung sei kostenlos und freiwillig. Laut des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada in Moskau wollen knapp 60 Prozent der Befragten sich erst einmal gar nicht impfen lassen, das Misstrauen gegenüber einheimischen Medizinpräparaten ist traditionell gross im Land.

«All die Geimpften tragen zum Sieg über das Coronavirus bei», heisst es in TV-Beiträgen, es folgen Bilder, wie Kühltaschen voller Sputnik-V-Proben in andere Länder geflogen werden, nach Brasilien, in postsowjetische Staaten, in EU-Länder wie Ungarn und Serbien. Gesondert davon werden täglich 1500 Armeeangehörige geimpft.

Dem Kreml geht es vor allem ums Prestige. Nach aussen will Russland zeigen, wie erfolgreich russische Wissenschaft ist. Nach innen ist seit Monaten alles auf die Impfung ausgerichtet. Das öffentliche Leben über Wochen hinweg hinunterzufahren, wie es im Frühling der Fall war, kann sich Russland wirtschaftlich nicht leisten. Deshalb sind die Sportclubs voll, die Cafés und Restaurants geöffnet, die Shoppingsmalls gut besucht.

Das Vakzin als Putins grosser Trumpf

Täglich melden die Behörden rund 28000 Infizierte im Land. So wird die Impfung zum grossen Trumpf. Auch wenn gerade die Politisierung von Sputnik V die Skepsis darüber noch steigert. Selbst der Präsident lässt die Finger davon. Ein nicht zertifiziertes Mittel lasse sich ein Staatschef ja nicht spritzen, heisst es aus dem Kreml.

Stattdessen setzt Putin auf Isolation. Seit Monaten verschanzt er sich regelrecht in seiner Residenz Nowo-Ogarjowo vor den Toren Moskaus. Seine TV-Videokonferenzen im fensterlosen beigen Raum, während derer er Kugelschreiber hin- und herrollen lässt, haben bereits eine Art Kultstatus erreicht.

In den Kreml fährt der Kremlherrscher derweil kaum noch. Besucher lässt er zu sich kommen – durch einen Desinfektionstunnel. «Bunker» nennen die Russen Putins Rückzugsort mittlerweile. Vor der Audienz in der Residenz durchlaufen Putins Gäste eine langwierige Sicherheitsprozedur. Zwei Wochen müssen sie in Quarantäne in staatlichen Sanatorien. Erst dann treten sie vor den Präsidenten – ohne Maske und Distanz, dafür mit einem kräftigen Händedruck.