WM 2018
Historischer Sieg: Wie sich iranische Frauen Zutritt zum Stadion verschafften

Die iranische Polizei wollte das Public Viewing zum WM-Spiel Iran-Spanien verhindern. Das liessen sich die Fans, viele davon Frauen, nicht gefallen. Schliesslich musste der Staatspräsident eingreifen.

Michael Wrase, Limassol
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Jubelnde Frauen im Azadi-Stadion: In Teheran fällt ein jahrzehntelanges Tabu.

Jubelnde Frauen im Azadi-Stadion: In Teheran fällt ein jahrzehntelanges Tabu.

KEYSTONE

Als eine Stunde vor Spielbeginn die Eingänge zur Teheraner Azadi-Arena noch immer verschlossen blieben, drohte die Lage vor dem riesigen Stadion ausser Kontrolle zu geraten. Mehr als 20'000 Fussballfans, ein gutes Drittel von ihnen Frauen, waren am Mittwochabend in absoluter Hochstimmung gekommen, um beim ersten gemeinsamen Public Viewing seit der Islamischen Revolution vor 39 Jahren dabei zu sein. Umgerechnet drei Euro hatten die Eintrittskarten gekostet. Die meisten Fans hätten vermutlich auch das Fünffache bezahlt, um in der iranischen Hauptstadt Geschichte zu schreiben.

Als drei Stunden vor Beginn des WM-Spiels Iran gegen Spanien die ersten Fans vor der Azadi-Arena erscheinen, ist die Ernüchterung zunächst gewaltig: «Die Veranstaltung wurde abgesagt», quäkt es aus dem Lautsprecher eines Polizeiwagens. Als Grund werden «infrastrukturelle Massnahmen» vorgegeben. Die Aufforderung an «die lieben Fans», «das Spiel zu Hause zu sehen», stösst jedoch auf taube Ohren. Einträchtig setzten sich Frauen und Männer vor den Bereitschaftspolizisten auf den Boden und begannen zu singen: Zunächst sind es Fangesänge und Volkslieder, später werden naheliegende politische Slogans skandiert. Denn Azadi ist das persische Wort für Freiheit. Und die wird jetzt eingefordert. Je näher der Anpfiff der Partie im fernen Kazan rückt, desto lauter und aggressiver werden die Sprechchöre, in die sich langsam auch das Dröhnen der mitgebrachten Vuvuzelas mischt.

Entscheid auf höchster Ebene

Die Botschaft der Fans an die Polizei ist unmissverständlich: Wir werden nicht weichen. Solltet ihr uns nicht in die Arena lassen, werden wir unseren berechtigten Ärger auf der Strasse zum Ausdruck bringen. Das iranische Regime musste in dieser Situation eine schnelle Entscheidung treffen: Die Absage des Public Viewing bekräftigen und damit womöglich zur Unzeit politische Unruhen riskieren. Oder die erwartungsfrohen Fans doch noch ins Stadion lassen.

Der Entscheid wird schliesslich an höchster Stelle getroffen. Staatspräsident Hassan Rohani persönlich soll die Öffnung der Stadiontore befohlen haben, genau 15 Minuten vor Spielbeginn. Viel länger hätte der Geistliche nicht warten dürfen. Das iranische Sommermärchen, das letzte Woche mit dem so glücklichen Sieg des «Team Melli», wie die Nationalmannschaft der Islamischen Republik genannt wird, gegen Marokko begonnen hatte, konnte weitergehen. Bereits vor dem Anpfiff des Spiels gegen den Favoriten Spanien hatten die iranischen Frauen einen historischen Sieg errungen.Es war pures Glück, das nun aus den Gesichtern der Fans strahlte. Frauen und Männer stehen, hüpfen ausser sich vor Freude Seite an Seite, feuern frenetisch ihre Nationalelf an, die in Russland einen grossen Kampf liefert und am Ende dennoch knapp verliert. Doch das ist zweitrangig.

Zu den ersten Gratulanten der Fans im Azadi-Stadion gehört das «Team Melli», das auf seinen Twitteraccount ein Foto der glückseligen Frauen auf den Tribünen der Freiheits-Arena postet. Der Text dazu: «Das Azadi-Stadion, jetzt». Es ist auch eine politische Botschaft. In Sachen Fussball wird man in Iran die Uhren wohl nicht mehr zurückdrehen können.