Gastkommentar
Im ärmeren Teil der Welt fehlt es an Impfstoff – ein Arzt aus Nigeria appelliert: «Vergessen Sie uns nicht»

Salih M. Auwal ist Arzt in einem Spital von Ärzte ohne Grenzen in Nigeria. Zur Behandlung von Covid-19-Patienten fehlen die wichtigsten medizinischen Güter. Er ruft den globalen Norden dazu auf, den Kampf gegen Corona gemeinsam anzugehen.

Salih M. Auwal
Salih M. Auwal
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Impfstoff gegen das Coronavirus wird in Nigeria dringend benötigt.

Impfstoff gegen das Coronavirus wird in Nigeria dringend benötigt.

Sunday Alamba / AP

Ich bin in unserer Klinik dafür verantwortlich, dass niemand Covid-19 einschleppt. Bisher ist uns das gelungen. Jeder Patient wird gescreent und getestet. Dadurch haben wir etliche Fälle entdeckt. Natürlich habe ich auch immer ein wenig die Befürchtung, mich selbst anzustecken. Aber wir haben in unserer Klinik genügend Schutzausrüstung.

Anders sieht es in den staatlichen Kliniken aus. Dort hat das Personal bis heute keine ausreichenden Masken, manchmal nicht einmal Handschuhe. Wenn Sie in Nigeria als Patient mit einem Verdacht auf Covid-19 in die Aufnahme eines staatlichen Krankenhauses kommen, werden Sie erstmal nicht behandelt. Nur, wenn Sie Handschuhe und Masken selbst mitbringen. Viele Kollegen in staatlichen Krankenhäusern haben sich infiziert.

Dr. Salih M. Auwal

Dr. Salih M. Auwal

Arzt aus Sahinkafi, Nigeria

Trotzdem machen sie weiter. Weil wir als Ärzte und Pfleger den Menschen hier verpflichtet sind. Wir leisten unseren Beitrag, um diese Pandemie zu stoppen, für Nigeria und für die Welt. Aber wir haben keine Chance, wenn die Politik, die über die Impfstoffe entscheidet, uns im Stich lässt.

Kein Unterschied zwischen Patienten

Ich habe gehört, dass in der Schweiz jetzt über 10 Prozent der Menschen vollständig geimpft sind. Das freut mich. Ich bin Arzt, ich unterscheide nicht nach der Herkunft der Patienten. Deshalb ist jeder Risikopatient, der geimpft ist, für mich eine gute Nachricht. Aber ich frage mich schon: Was ist mit den Risikopatienten in meinem Land? Nigeria hat jetzt 4 Millionen Dosen Astrazeneca-Impfstoff durch die Covax-Initiative bekommen.

Das ist gut, sicherlich. Aber es reicht nur für 2 von 210 Millionen Menschen – weniger als ein Prozent. Es ist nicht leicht, Covid-19 hier zu bekämpfen. Nicht nur wegen der fehlenden Schutzausrüstung. In der staatlichen Klinik bei uns in der Stadt gibt es beispielsweise überhaupt keinen Sauerstoff, für niemanden. Wenn Sie als Patient einen schweren Verlauf haben, haben Sie einfach schlechte Chancen.

Die Impfstoffproduktion erhöhen

Müsste man nicht gerade in Gegenden wie dieser hier die Menschen so schnell wie möglich schützen? Die Pandemie hat uns alle getroffen, in allen Ländern. Besiegen wir sie auch alle gemeinsam! Einen anderen Weg gibt es nicht. Warum machen nicht schon längst alle Fabriken weltweit, die es irgendwie können, mit bei der globalen Impfstoffproduktion?

Jeder Tag, der zu wenig produziert wird, kostet Menschenleben, in Nigeria und in sehr vielen Ländern des globalen Südens. Ich habe mich als Arzt verpflichtet, mein Handeln allein am Wohle der Menschen auszurichten. Kein anderes Interesse darf meine Entscheidungen beeinflussen. Doch ob die Menschen hier geimpft werden können oder nicht, ob bald oder erst in zwei Jahren, hängt nicht von meiner Entscheidung ab.

Es wird weit weg für uns, über uns entschieden. Ich kann nur an diejenigen, die dafür Verantwortung tragen, appellieren: Vergessen Sie nicht, dass auch wir hier gegen das Virus kämpfen. Helfen Sie mir, den Menschen zu helfen und die Pandemie zu beenden.