Saudi-Arabien
Frischer Wind in Riad? Frau in Minirock verhaftet – und dann überraschend wieder freigelassen

Trotz massiven Drucks des religiösen Establishments lassen die saudischen Behörden eine Minirock-Trägerin nach kurzem Verhör frei.

Michael Wrase, Limassol
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Es waren – für saudische Verhältnisse – revolutionäre Bilder: Eine junge unverhüllte Araberin schlendert im Minirock durch die Altstadt des historischen Dorfes Uschaiker, der Heimat des saudischen Religionsstifters Mohammed Abdel Wahab. In einer anderen Kameraeinstelllung zeigt sich das Modell mit dem Künstlernamen Khulood auf einer Düne in Wüste, auf der sie verträumt etwas Sand durch ihre Finger rieseln lässt.

Die via Snapchat und Twitter geteilten Videos hatten – und haben noch immer – das erzkonservative Wüstenkönigreich in zwei Lager gespalten: Auf der einen Seite das religiöse Establishment, das harte Strafen für die „Ketzerin“ verlangte, die mit „nackten Bildern“ Millionen von Muslimen beleidigt habe.

Vermutlich die Mehrheit der saudischen Bevölkerung, deren Durchschnittsalter unter 30 Jahren liegt, dürfte freilich mit „Khulood“ sympathisieren. Aber nur wenige wagten es, öffentlich und mit vollen Namen, wie dies die Frömmler taten, die schlanke Minirock-Trägerin zu verteidigen sowie die weitverbreitete Doppelmoral der saudischen Gesellschaft zu kritisieren.

Entsetzt nahmen sie zur Kenntnis, dass „Khulood“ verhaftet und auf einer Polizeistation verhört wurde. Jetzt werde die Frau ihrer „gerechten Strafe“ zugeführt, freuten sich die Religiösen, deren Vorstellung von „individueller Freiheit“ durch ein pechschwarzes Gewand, das bis zum Boden reicht, begrenzt werden muss.

Doch dann geschah – aus dem so beschränkten Blickwinkel der Frommen – das schier Unglaubliche: „Khulood“ durfte nach kurzer Befragung die Polizeistation als freier Mensch verlassen. Gegen die hübsche Frau werde keine Anklage erhoben. Die Akte sei geschlossen worden, liess das Informationsministerium in Riad am Mittwochabend mitteilen. Die Frau habe gestanden, im unverhüllt im Minirock spazieren gegangen zu sein. Allerdings seien die Aufnahmen „ohne ihr Wissen ins Netz gestellt worden“.

Die Begründung klingt zunächst plausibel. Erstaunlich ist sie dennoch, wenn man bedenkt, dass verschleierte Frauen, die für das Recht, Autofahren dürfen, demonstrierten, in den letzten Jahren verprügelt und oft tagelang von der Polizei festgehalten wurden, ehe sie demonstrativ „in die Obhut ihrer Männer“ entlassen wurden. „Khulood“, so scheint es, wurde nicht einmal ermahnt.

Mit ihrer fast schon demonstrativen Freilassung hat es das ansonsten so reaktionäre Saudi-Arabien geschafft, einmal für positive Schlagzeilen zu sorgen. Der Mann, der dafür gerade ist, ist der Kronprinz von Saudi-Arabien, Mohammed bin Salman. Der 31jährige hat sich gegen die in Saudi-Arabien weit verbreitete Vielehe (bis zu vier Frauen) ausgesprochen und will den Frauen auch das von den Religiösen als „Werkzeug des Teufels“ bezeichnete Autofahren gestatten. „In absehbarer Zeit“, wie er sagt.

Für die saudische Jugend ist „MBS“, so der Spitzname des Kronprinzen, schon jetzt ein Hoffnungsträger. Andere halten sein Wirken für hoch riskant, weil es das innere Gleichgewicht des Wüstenkönigreiches gefährde.

Palastpusch in Mekka

So sei die im letzten Monat erfolgte Ernennung von „MBS“ zum neuen Kronprinzen von ihm selbst inszeniert worden, berichtete die New York Times am Mittwoch in einem hervorragend dokumentierten Exklusiv-Bericht. Nach Informationen des Blattes soll der saudische König Salman am 20.Juni den zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Kronprinzen Mohammed bin Nayef in den Safa-Palast von Mekka bestellt haben. Dort sei der 57jährige von Gefolgsleuten von „MBS“ in einen Nebenraum gebeten worden, wo er solange festgehalten wurde, bis Nayef angeblich freiwillig „aus Gesundheitsgründen“ zurücktrat.

Mehr als zehn Stunden habe das Erpressungsmanöver gedauert, das in Saudi-Arabien bis heute für Hochspannung sorgt. Sowohl „MBS“ als auch sein Vater Salman verzichteten nach dem Palastputsch von Mekka „aus Sicherheitsgründen“ auf ihre Teilnahme am G 20-Gipfel in Hamburg.