Naher Osten
Angespannte Lage nach den Wahlen in Israel – Ex-Mossad-Chef: «Teheran weiss, dass wir unzerstörbar sind»

Efraim Halevy, der frühere Chef des israelischen Geheimdienstes , über Atomwaffen, blindes Vertrauen und gezielte Tötungen.

Pierre Heumann aus Tel Aviv
Merken
Drucken
Teilen
Efraim Halevy, Ex-Mossad-Chef, sagt: Sanktionen gegen Teheran haben nichts gebracht.

Efraim Halevy, Ex-Mossad-Chef, sagt: Sanktionen gegen Teheran haben nichts gebracht.

EPA

Zum vierten Mal binnen zwei Jahren wurden die Israeli gestern an die Urnen gerufen. Ob der Rekord-Ministerpräsident Benjamin Netanjahu an der Macht bleibt oder nicht, wird­ voraussichtlich erst am Freitag herauskommen. Wer auch immer das Land in Zukunft regiert: Eine der grössten politischen Herausforderungen für Israel bleibt das Regime im Iran.

Zwar will die neue amerikanische Regierung unter Joe ­Biden das Regime in Teheran zurück an den Verhandlungstisch über den Atomdeal holen. Doch ohne eine rasche Lockerung der unter Donald Trump verhängten Sanktionen will sich der Iran nicht an den Gesprächen beteiligen. Efraim Halevy, 87, ehemaliger Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, sagt im Interview: «Ein Massaker wäre sicher nicht der richtige Weg, um Stabilität in der Region zu erreichen.»

Herr Halevy, macht es überhaupt Sinn, mit Teheran über den Atomdeal zu verhandeln?

Efraim Halevy: Natürlich. Ohne Verhandlungen kann es keine Lösung des Atomkonflikts geben. Die Alternative wäre ein militärisches Vorgehen, was aber nie eine Lösung sein kann. Deshalb ist die Wiederaufnahme von Verhandlungen nötig. Es braucht einen Dialog, denn die grösste Gefahr ist derzeit eine Fehlkalkulation. Nicht nur Israel würde dafür einen hohen Preis bezahlen müssen.

Wäre es angezeigt, als ersten Schritt die Sanktionen gegenüber dem Iran abzubauen?

Für einen erfolgreichen Dialog braucht es gleiche Schritte auf beiden Seiten. Wenn die eine Seite Sanktionen aufhebt und die andere Seite sagt «vielen Dank dafür, ich hätte jetzt gerne noch etwas mehr Entgegenkommen», macht das keinen Sinn. Ein derartiger asymmetrischer Dialog ist zum Scheitern verurteilt.

Sollten die Sanktionen verstärkt werden, um Teheran zum Einlenken zu bewegen?

Der Entscheid von US-Präsident Donald Trump, den Atomdeal zu verlassen und die Sanktionen gegenüber dem Iran zu verstärken, hat nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Es gibt deshalb keinen Grund zur Annahme, dass eine Verstärkung der Sanktionen Teheran zum Einlenken bewegen würde. Eine Verschärfung der Sanktionen wäre eine Herausforderung für den Iran, sein Nuklearprogramm weiter voranzutreiben. Das ist ja genau das, was Teheran in den vergangenen Jahren als Antwort auf die Sanktionen Trumps gemacht hat.

Hand aufs Herz: Vertrauen Sie dem Regime in Teheran denn wirklich?

Wer ihm nicht traut, sollte nicht mit ihm verhandeln. Ich glaube aber nicht, dass die Iraner darauf erpicht sind, eine nukleare Konfrontation zu riskieren. Sie denken logisch und überlegt.

Trotzdem: Das Regime droht Israel immer wieder mit der Vernichtung.

Die Iraner wissen, dass Israel unzerstörbar ist.

Was strebt der Iran denn an?

Die Iraner wollen erstens eine wichtige regionale Macht im Mittleren Osten sein und würden deshalb gerne über ein eigenes nukleares Arsenal verfügen. Zudem ist für sie eine gemeinsame Grenze mit Israel ein strategisches Ziel. Deshalb verstärken sie ihre Präsenz in Syrien. Bisher hatten sie damit aber kaum Erfolg, weil Israel die meisten iranischen Anlagen in Syrien zerstört hat. Sie sind aber auch daran, Fabriken für Präzisionswaffen im Libanon und in Syrien zu bauen. Schliesslich will das Regime eine Macht sein, die international anerkannt wird.

Sowohl Israel als auch die USA haben zwei führende Figuren des Regimes gezielt getötet. Im Januar 2020 traf eine US-Drohne Qasem Soleimani, den Kommandanten der iranischen Revolutionsgarden, und vor fünf Monaten wurde Mohsen Fakhrizadeh, der Vater des iranischen Atomprojekts, Opfer eines israelischen Angriffs. Sind gezielte Tötungen ein taugliches Mittel für mehr Stabilität?

Gezielte Tötungen haben nicht den erwünschten Erfolg. Israel hat zum Beispiel mehrmals ­Spitzen der radikalpalästinensischen Hamas-Führung getötet. Und immer fand sich ein Nachfolger, der manchmal sogar noch radikaler war als sein Vorgänger. Zudem gilt: Wenn die feindliche Seite führungslos ist, lässt sich der Konflikt nicht mit Verhandlungen beenden, es sei denn, man wolle den Feind total zerstören. Aber ein Massaker wäre sicher nicht der richtige Weg, um Stabilität zu erreichen.