Deutschland
Ex-Bundeskanzler Kohl wird am Karfreitag 85 – und ist so einsam wie nie

Heute Freitag wird Helmut Kohl 85 – um den «Kanzler der Einheit» ist es einsam geworden und er gibt den Medien keine Interviews mehr. Seine zweite Frau Maike, die 34 Jahre jünger ist als er, soll ihn von der Öffentlichkeit abschotten.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Helmut Kohl bei der Vernissage des ersten Bandes seiner Erinnerung im Jahr 2005. Tobias Schwarz/Reuters

Helmut Kohl bei der Vernissage des ersten Bandes seiner Erinnerung im Jahr 2005. Tobias Schwarz/Reuters

© Tobias Schwarz / Reuters

Helmut Kohl hat viele Titel: «Der Kanzler der Einheit»; «der glühende Europäer»; «der Rekordkanzler», weil kein westlicher Regierungschef so lange (von 1982 bis 1998) im Amt geblieben ist. Das sind die Wohlwollenden.

Dann gibt es noch die Spöttischen: «Die Walz aus der Pfalz» etwa, in Anspielung auf seine hemdsärmelige Art und seinen Pfälzer Zungenschlag.

Oder «die Birne», in Anspielung auf seine Kopfform. Und nicht zuletzt: «Der Herrscher über schwarze Kassen». So nennt man ihn wegen der Parteispenden-Affäre.

Helmut Kohl feiert am Karfreitag seinen 85. Geburtstag im kleinen, privaten Rahmen. Seine Partei, die CDU, plant keinen Empfang.

Erst im Sommer soll es ein Symposium zu seinen Ehren geben. Vermutlich wird Kohl in seinem Haus in Oggersheim bei Ludwigshafen feiern. Sicherlich mit seiner zweiten Ehefrau Maike Kohl-Richter. Ob seine beiden Söhne Walter und Peter aus erster Ehe dabei sein werden? Nicht einmal das ist klar.

Kohl ist nach einem 2008 nach einem Treppensturz erlittenen Schädel-Hirn-Trauma gesundheitlich schwer angeschlagen. Er sitzt im Rollstuhl, das Sprechen fällt ihm schwer, seine Miene ist versteinert. Als den «gefesselten Riesen» bezeichnete ihn sein Freund, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, letztes Jahr an einer Veranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

Sein glücklichster Moment

Es ist ein trauriges Bild, das der einst so mächtige Mann heute abgibt. Zweifelsohne wird Kohl einen festen Platz in der deutschen Geschichte einnehmen. Unter seiner Ägide hat sich das geteilte Deutschland wieder vereint. Kohl hatte 1989 die Zeichen der Zeit erkannt und die Chance zur Einheit – den «Mantel der Geschichte» – ergriffen.

Er hat es geschafft, Michail Gorbatschow, George Bush Senior, François Mitterrand und Margaret Thatcher von der Einheit zu überzeugen; den Kreml-Chef gar von der Nato-Mitgliedschaft des wiedervereinten Deutschland. In der Nacht zum 3. Oktober 1990 wurde die Einheit Wirklichkeit. Es dürfte Kohls glücklichster Moment als Kanzler gewesen sein. «Ich hab nichts Besseres, als auf die deutsche Einheit stolz zu sein», sagte er damals vor dem Berliner Reichstag. Ohne den Fall der Mauer, sagt Kohl-Biograf Hans Peter Schwarz, wäre Kohl «wohl ein mittelmässiger Bundeskanzler geblieben.»

Seine Einsamkeit

Privat blieb Kohl die Einheit versagt. Der Mann, der 1976 in den Bundestag einzog, sieben Jahre lang Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz war und am 1. Oktober 1982 SPD-Kanzler Helmut Schmidt aus dem Kanzleramt bugsierte, ist ein nachtragender Mensch. Möglicherweise ist der Machtpolitiker, der unliebsame politische Gegner gerne unsanft aus dem Weg räumte, auch äusserst verletzlich. Mit früheren Weggefährten hat er heute gebrochen.

Der ehemalige Generalsekretär Heiner Geissler, jahrelang Kohls engster politischer Vertrauter, ist nach einem CDU-internen Machtkampf Ende der 1980er-Jahre für Kohl Persona non grata. Sein ehemaliger Fahrer Eckhard Seeber, 40 Jahre lang so etwas wie ein Familienmitglied, gehört ebenfalls zu jenen Menschen, mit denen Kohl nichts mehr zu tun haben will. Und auch das Verhältnis zu seinen Söhnen aus erster Ehe ist belastet.

Es gibt viele, die behaupten, Kohls zweite Ehefrau Maike Kohl-Richter, 34 Jahre jünger als der Altkanzler, schotte ihren Mann von dessen ehemaligem Umfeld ab. Eine Obsession treibe sie an. Sie alleine, heisst es, wolle die Deutungshoheit über die Geschichte des Altkanzlers zurückgewinnen. Wie Kohl selbst denkt, ist schwer zu erfahren. Selbst grosse, renommierte deutsche Medien erhalten abschlägige Interviewanfragen. Und auch gegenüber der «Nordwestschweiz» lässt Kohl via seine Sprecherin ausrichten, «dass Herr Bundeskanzler a. D. Dr. Kohl Ihrer Bitte um ein Interview nicht entsprechen möchte».

Risse in seinem Leben

Politisch gab es schon bald nach der Wiedervereinigung Risse im Leben von Helmut Kohl. Sein Versprechen von den «blühenden Landschaften» in den neuen Bundesländern im Osten liess lange auf sich warten. Die Wirtschaft der ehemaligen DDR verkraftete die rasche Einführung der D-Mark nicht. Doch der glühende Europäer und wichtige Architekt Europas setzte sich weiterhin gegen parteiinterne Widersacher durch. Sein grosses Ziel war es, die Einheit Europas durch die Einführung der Gemeinschaftswährung Euro zu manifestieren. 1991 war er im niederländischen Maastricht einer der Protagonisten bei der Gründung der heutigen Europäischen Union.

1998 verlor Kohl die Wahl gegen Gerhard Schröder (SPD), kurz danach holte ihn die Spendenaffäre ein. Er musste unter grossem Druck zugeben, als CDU-Chef Spenden in der Höhe von bis zu 2 Millionen D-Mark entgegengenommen zu haben, ohne diese zu deklarieren. Bis heute verrät der Pfälzer nicht, von wem das Geld stammt.

Die Affäre warf dunkle Schatten auf sein Lebenswerk. Gegen eine Busse von 300'000 D-Mark wurde das Verfahren gegen ihn 2001 eingestellt. Er verlor den Ehrenvorsitz in der CDU. Auch privat hatte Kohl damals einen schweren Schlag zu verkraften: Im selben Jahr nahm sich seine Ehefrau Hannelore, die unter einer Lichtallergie litt, das Leben. Das Paar war 41 Jahre lang verheiratet.

Seine Beleidigungen

Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem «Einheitskanzler» ist heute ambivalent. Einerseits zollen ihm Bürger und Politiker grossen Respekt für sein Lebenswerk, die Wiedervereinigung. Andererseits gilt Kohl als stur und uneinsichtig. Er ist offensichtlich nicht in der Lage, eigene Fehler einzuräumen.

Jüngst kamen Mitschriften aus einem Gespräch mit seinem Biografen an die Öffentlichkeit, die ebenfalls kein gutes Bild auf ihn werfen. Er beleidigt darin mehrere seiner früheren Weggefährten. Etwa Angela Merkel («die konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen») oder den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff («Das ist ein ganz grosser Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null»).

Selbst die Bedeutung der Leipziger Protestbewegung 1989 spielt er heute herunter. Für den Mauerfall sei vielmehr der Quasi-Staatsbankrott der Sowjetunion verantwortlich: «Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.» Äussern will sich Kohl heute nicht mehr dazu. Dem einst so wortgewaltigen Patriarchen fällt das Sprechen schwer. Der «Kanzler der Einheit» hat aber auch einen grossen Teil der Geschichte hinter sich gelassen.

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