«Ever Given»
Ein einziges Schiff blockiert den Welthandel: Warum der Suezkanal so wichtig ist

Wegen der Havarie des Containerriesen «Ever Given» stauen sich Waren im Wert von mehreren Milliarden. Die Bergung des Schiffes gestaltet sich als zunehmend schwierig.

Michael Wrase aus Limassol
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Der Bagger wirkt neben der «Ever Given» geradezu winzig.

Der Bagger wirkt neben der «Ever Given» geradezu winzig.

Bild: EPA (Suezkanal, 25. März 2021)

Es ist eine gewagte Prognose: «Binnen 48 bis 72 Stunden» könne die Schifffahrt auf dem durch den taiwanesischen Containerriesen «Ever Given» blockierten Suezkanal wieder aufgenommen werden. Das verkündete ein enger Berater von Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sissi am Donnerstagabend. Fast zeitgleich bezeichnete der Eigentümer des gestrandeten Grossfrachters, der japanische Reeder Shoei Kisen Kaisha, die Lage als «extrem problematisch» – und widersprach damit höflich, aber bestimmt der optimistischen Einschätzung aus Kairo.

Sollte es nicht gelingen, die «Ever Given» durch den Einsatz von Schleppern und Baggern freizubekommen, müsste, um das Gewicht des Riesenfrachters zu reduzieren, mit dem Entladen der 23'000 Container begonnen werden. Das könnte mehrere Wochen dauern, befürchtet Martijn Schuttevaer vom niederländischen Schiffsbergeunternehmen Smit.

Der Suezkanal: Hauptschlagader des globalen Handels.

Der Suezkanal: Hauptschlagader des globalen Handels.

stepmap/chm

Schon jetzt hält die im Suezkanal gestrandete «Ever Given», die vier Fussballfelder lang ist, jeden Tag Waren im Wert von rund acht Milliarden Franken auf. Laut Trackingdaten des Fachmagazins «Lloyds of List» warteten am Freitag bereits 160 Schiffe an den Einfahrten des Suezkanals.

Deutsche Industrie befürchtet Engpässe

Für die Schweiz werden bislang noch keine Engpässe bei der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern erwartet. Das erklärte das Bundesamt für wirtschaftliche Versorgung am Freitag. Der Bundesverband der Deutschen Industrie dagegen fürchtet für seinen Bereich bereits Auswirkungen.

Für jeden Tag der durch die Blockade entstandenen Verspätung werde es zwei Tage dauern, um diese wieder rückgängig zu machen, befürchtet Alan Baer, der Präsident des Logistikanbieters «OL USA». «Im Moment führen drei Tage Blockade zu sechs Tagen Verzögerung», sagte Bear der britischen BBC. Sollte es dabei bleiben, wären die meisten Unternehmen in der Lage, die zusätzlichen Verzögerungen während der Transitzeiten aufzufangen.

Sollte die Blockade jedoch Wochen dauern, wäre dies ein schwerer Schlag für die globalen Lieferketten, welche bereits durch die Covid-19-Pandemie belastet seien. Nach Informationen aus Schifffahrtskreisen im zyprischen Limassol haben die Reedereien Maersk und Hapag Lloyd bereits damit begonnen, einen Umweg ihrer Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung zu prüfen. Höherwertige Produkte könnten bald eingeflogen werden. Als Alternative zum Suezkanal wird auch die sogenannte «neue Seidenstrasse auf Schienen», die Eisenbahnverbindung vom südchinesischen Chonqing ins deutsche Duisburg, genannt.

Der festgefahrene Container.
10 Bilder
Beeindruckende Bilder aus Ägypten. Der Frachter blockiert aktuell eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt.
Der festgefahrene Frachter
Der festgefahrene Frachter.
Auch kleine Rettungsboote sind unterwegs.
Die wartenden Schiffe.
Abwarten und Tee trinken – wohl auch bei den Kapitänen und Kapitäninnen dieser Frachter.
Die Schiffe warten in Reih und Glied.
Die Bergung des Frachters hat längst begonnen.
Hier sieht man, wie der Container die Durchfahrt blockiert.

Der festgefahrene Container.

Keystone

12 Prozent des globalen Handels im Suezkanal

Schon jetzt kommen in dem Containerhafen der Ruhrmetropole jede Woche mehr als 50 Güterzüge aus China an. Sie benötigen für die etwa 10'000 Kilometer lange Strecke 13 Tage, Die Fahrt von Singapur durch den Suezkanal nach Rotterdam oder Hamburg wird mit 20 Tagen angegeben.

Etwa 12 Prozent des gesamten Welthandels fliesst durch den Suezkanal. 19'000 Schiffe mit insgesamt mehr als einer Milliarde Tonnen Fracht haben die 200 Kilometer lange Wasserstrasse, die Afrika vom Nahen Osten trennt, im letzten Jahr passiert. Mit mehr als 5 Milliarden Franken ist der Suezkanal eine der wichtigsten Einnahmequellen des ägyptischen Staats. Der Durchschnittspreis für die Schiffspassage beträgt 300'000 Franken.

Blockaden hatte es in der 152-jährigen Geschichte des Kanals immer wieder gegeben. Als während der Suezkrise von 1956 israelische Truppen auf die Wasserstrasse vorrückten, liess Ägyptens Diktator Gamal Abdel Nasser 40 Schiffe in dem Kanal versenken. Ihre Bergung dauerte sechs Monate. Während des arabisch-israelischen Sechstagekrieges von 1967 wurde der Suezkanal vollständig geschlossen. 14 Schiffe blieben fast acht Jahre blockiert.

Die Hauptschlagader ist anfällig für Störungen

Der rund vier Milliarden Franken teure Ausbau des Kanals dauerte fünf Jahre und war im Herbst 2019 abgeschlossen. Erst seither können Containerriesen wie die «Ever Given» und Supertanker mit einem Fassungsvermögen von gut zwei Millionen Barrel durch die Wasserstrasse zwischen Ismailia und Port Said fahren. Trotzdem stagnierten zuletzt die Passagen und damit auch die Einnahmen.

Die Blockade des Kanals durch die «Ever Given» zeigt, wie anfällig die logistische Hauptschlagader zwischen Europa und Asien für Störungen ist.

Die Gründe für die Havarie sind noch immer unklar. Nach arabischen Medienberichten soll der Kapitän des Containerfrachters zum Zeitpunkt des Unglücks «geistig umnachtet» gewesen sein. Wahrscheinlicher ist ein schwerer Manövrierfehler während eines heftigen Sandsturms, der am Mittwoch über dem Suezkanal tobte.

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