Ende des Sonderwegs?
Die Stimmung kippt und eine dritte Welle droht: In Schweden spricht man jetzt vom Lockdown

Schweden ist das Sehnsuchtsland vieler corona-müder Europäer. In der Bevölkerung aber schwindet die Akzeptanz für den Sonderweg angesichts der drohenden dritten Welle.

Peter Blunschi / Watson
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Schwedische Polizisten kontrollieren Einreisende an der Grenze zu Dänemark, nachdem die beiden Nachbarländer im Dezember ihre Grenzen zueinander geschlossen haben.

Schwedische Polizisten kontrollieren Einreisende an der Grenze zu Dänemark, nachdem die beiden Nachbarländer im Dezember ihre Grenzen zueinander geschlossen haben.

Keystone

Europa macht dicht, Schweden aber feiert. So war es im letzten Frühjahr, so ist es heute. Während sich die meisten europäischen Länder zumindest im Teil-Lockdown befinden, ziehen die Skandinavier ihren Sonderweg mit offenen Läden und Restaurants scheinbar unbeirrt durch. Damit sind sie ein Magnet für eine spezielle Art Flüchtlinge.

Junge Menschen aus ganz Europa zieht es nach Stockholm, wo sie das Leben ohne Lockdown geniessen. Teilweise bleiben sie wochen- oder sogar monatelang, berichteten die ARD-«Tagesthemen». Der 25-jährige Kauri Maher aus Irland brachte es auf den Punkt: «Es fühlt sich gut an, ein Leben zu führen, wie es junge Menschen führen sollten.»

In Schweden gibt es nicht einmal eine Maskenpflicht. Die rotgrüne Regierung vertraut bei ihrer von «Staatsepidemiologe» Anders Tegnell entwickelten Coronastrategie auf die Eigenverantwortung der Menschen bei der Einhaltung der Distanz- und Hygieneregeln. Völlig offen war das Land aber nie. Im letzten Sommer war Schweden strenger als die Schweiz.

Alkoholverbot am Abend

So waren bei Veranstaltungen maximal 50 Zuschauer zugelassen. Eine für September geplante Anhebung auf 300 Personen wurde aus Furcht vor der zweiten Welle abgesagt. Seit Dezember dürfen sich maximal acht Personen treffen, in Läden und Fitnesscentern wurde die Kapazität beschränkt und abends gilt in den Restaurants ein Alkoholverbot.

Die Strategie des Epidemiologen Andres Tegnell verliert an Zustimmung.

Die Strategie des Epidemiologen Andres Tegnell verliert an Zustimmung.

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Ausserdem empfiehlt die Regierung Homeoffice und das Maskentragen im öffentlichen Verkehr zu Stosszeiten. Trotz der immer noch relativ grossen Freiheiten aber wächst der Unmut in der Bevölkerung über den Kurs der Regierung. Es ist eine Art verkehrte Welt im Vergleich mit jenen Ländern, wo die Menschen über den Lockdown frustriert sind.

Das Land hat eine hohe Sterberate

In einer Umfrage von Ende Januar kam der sozialdemokratische Ministerpräsident Stefan Löfven nur noch auf eine Zustimmung von 26 Prozent. In den umstrittenen Epidemiologen Tegnell hatten 54 Prozent «grosses Vertrauen». Das sind deutlich weniger als die 72 Prozent vom letzten Oktober und zeigt die schwindende Akzeptanz.

Ein Grund ist die anhaltend hohe Infektions- und Sterberate. Die Pandemie hat bislang 12’500 Todesopfer gefordert. Die skandinavischen Nachbarn Dänemark (2300), Finnland (720) und Norwegen (590) stehen weitaus besser da, selbst wenn man bedenkt, dass sie etwa halb so viele Einwohner haben wie das 10-Millionen-Land Schweden.

König geht auf Distanz

Im letzten Frühjahr hatten die Schweden den Schutz ihrer Altersheime sträflich vernachlässigt, wie Anders Tegnell im Herbst einräumen musste. König Carl Gustaf XVI., der sich sonst aus der Tagespolitik heraus hält, kritisierte deswegen im Dezember die Corona-Strategie der Regierung im Fernsehen: «Ich denke, dass wir gescheitert sind.»

Der 74-jährige König Carl Gustaf liess sich im Januar impfen. Zuvor hatte er den schwedischen Weg als gescheitert bezeichnet.

Der 74-jährige König Carl Gustaf liess sich im Januar impfen. Zuvor hatte er den schwedischen Weg als gescheitert bezeichnet.

Keystone

Das trifft auch auf das nie offen erklärte, aber durchaus angestrebte Ziel zu: Die Entwicklung einer natürlichen Herdenimmunität. Davon ist Schweden weit entfernt, obwohl die Fallzahlen nach wie vor vergleichsweise hoch sind. Die 7-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei 215 Neuinfektionen pro 100’000 Einwohnern. Und nun wächst die Angst vor der dritten Welle.

Dafür verantwortlich sind auch im hohen Norden die mutierten Virusvarianten. Selbst der sonst so optimistische Anders Tegnell warnt in seinen nunmehr digital durchgeführten Medienkonferenzen eindringlich vor der dritten Welle. Schweden hat deshalb die Kontrollen an der norwegischen Grenze verstärkt und die Einreisevorschriften verschärft.

Kontroverse um Facebook-Gruppe

Wie dünn das Nervenkostüm bei manchen Menschen im hohen Norden ist, zeigt die eher kuriose Episode um eine Facebook-Gruppe namens Media Watchdogs of Sweden. Gegründet wurde sie von einem irischen Expat, der mit seinem schwedischen Ehemann in Stockholm lebt. Er kritisiert den schwedischen Weg auf grenzwertige Art.

So vergleicht er ihn mit der Euthanasie der Nazis und fordert, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Die Reaktionen sind kaum weniger fragwürdig. Die Epidemiologin und Zeitungskolumnistin Emma Frans, die Tegnells Strategie unterstützt, bezeichnete das Grüppchen mit seinen rund 200 Mitgliedern als «Bedrohung für die Demokratie».

Am Mittwoch stellte die Regierung härtere Massnahmen in Aussicht. Gesundheitsministerin Lena Hallengren präsentierte an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz fünf Vorschläge, darunter die Schliessung von Läden, Restaurants und Fitnesscentern. Sie sollen vorerst vertieft geprüft werden, aber ein Teil-Lockdown rückt in greifbare Nähe.

Es wäre ein Tabubruch und eine schlechte Nachricht für die coronamüden Jungeuropäer. Sie werden sich vielleicht bald ein neues Sehnsuchtsland suchen müssen.