Drohungen aus Peking
Diplomat teilt manipuliertes Schock-Video: Chinas Streit mit Australien ist eine Botschaft an Europa

Junge chinesische Diplomaten wettern immer verrohter gegen den Westen. Das zeigt ein aktueller Konflikt mit der australischen Regierung. Wirtschaftliche Abhängigkeit von Peking hat einen Preis.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Auszug aus einem manipulierten Video des chinesischen Aussenministeriums.

Auszug aus einem manipulierten Video des chinesischen Aussenministeriums.

Bild: Zhao Lijian/Twitter

Das Bild brennt sich unweigerlich in das Gedächtnis eines jeden Beobachters ein: Ein irre lächelnder Soldat der australischen Streitkräfte hält ein blutiges Messer an die Kehle eines afghanischen Kindes. Nicht weniger makaber fällt die Unterschrift der fotorealistischen Collage aus: «Hab keine Angst, wir sind gekommen, um Frieden zu bringen!».

Was man in den Tiefen verschwörungstheoretischer Internetforen vermuten würde, postete der offizielle Sprecher des Pekinger Aussenministeriums höchstpersönlich auf Twitter: «Schockiert über die Morde von australischen Soldaten an afghanischen Zivilisten und Gefangenen», schrieb Zhao Lijian an seine fast 800000 Follower. Die politische Botschaft spielt auf eine interne Untersuchung über mutmassliche Kriegsverbrechen australischer Elite-Soldaten zwischen 2009 und 2013 an.

Doch im Grunde ist das Mitgefühl des chinesischen Diplomaten nur geheuchelt, der Zweck seiner Botschaft eine andere – die pure Provokation. Im Online-Slang würde man ein solches Verhalten «Trolling» nennen. Doch normalerweise sind es frustrierte Jungs im Pubertätsalter, die ihre Online-Umgebung zur Weissglut treiben wollen. Seitdem in China jedoch Xi Jinping die Macht übernommen hat, bedienen sich immer öfter auch Regierungsvertreter einer solchen Taktik.

Australiens Regierung schäumt vor Wut

Sein Ziel hat Zhao Lijian erreicht. Die Antwort des australischen Premierminister Scott Morrison schäumt nur so vor Entrüstung: Er fordere eine Entschuldigung für das «empörende» Posting – und dessen umgehende Löschung.

Doch stattdessen schüttete eine Kollegin von Zhao am Montag nur noch mehr Salz in die Wunde: Ob die australische Regierung durch ihre Entrüstung etwa nahelegen wolle, dass es unvernünftig sei, das rücksichtslose Töten afghanischer Zivilisten zu verurteilen?

«Wolfskrieger-Diplomatie» nennt sich das Vorgehen der jungen Regierungsvertreter Chinas, angelehnt an eine patriotische Actionserie, in der es ein Rambo-Verschnitt mit den feindlichen Auslandsmächten aufnimmt. Auf Twitter, einer in China verbotenen Plattform, wettern die Diplomaten zunehmend verrohter gegen den Westen. Besonders laut bellt Aussenministeriumssprecher Zhao Lijian, der während seiner Zeit als Diplomat in Pakistan etwa die Briten als «Nachfahren von Kriegsverbrechern» bezeichnet hat. In den meisten Ländern würde ein solches Verhalten wohl zur Massregelung führen, doch im China unter Xi Jinping wartet eine Beförderung.

Australien erhält die Quittung aus Peking

Die Provokation ist keine Kurzschlusshandlung, sondern hat System. Die chinesisch-australischen Beziehungen sind seit April angespannt, als Canberra eine Untersuchung zur Frage forderte, inwiefern Pekings Vertuschungsaktionen zu Beginn des Virusausbruchs die Pandemie ermöglichten. Chinas Staatsführung reagierte mit wirtschaftlicher Vergeltung.

Zunächst führte es Strafzölle auf australische Gerstenprodukte ein, später traf es Rindfleisch- und Kohlimporte und am Freitag schliesslich Weine aus «down under». Dass es einen Handelsstreit zwischen Peking und Canberra geben würde, stritt die parteitreue «Global Times» ab. Doch die australische Regierung solle endlich «erwachsen werden», ansonsten müsse sie sich auf «mehr Leid» einstellen, schreibt das Propagandaorgan der Kommunistischen Partei. Chinas Hebelwirkung ist gewaltig: 40 Prozent aller australischen Exporte werden an die Volksrepublik verkauft.

Auto-Manager ducken sich weg

Für Europa sollten solche Konflikte daher eine Warnbotschaft sein. Denn die wirtschaftliche Abhängigkeit von China birgt immer auch ein unausgesprochenes Versprechen mit sich: Wer politisch aufmuckt, der bekommt die ökonomische Vergeltung Pekings zu spüren. Seit Jahren führt dies bereits zu vorauseilendem Gehorsam, der nicht selten zum Fremdschämen ist: Wenn sich etwa deutsche Auto-Manager selbst im Hintergrundgespräch mit westlichen Journalisten nicht zu den Arbeitslagern in Xinjiang äussern wollen, oder auf Wirtschaftsmessen prunkvolle Lobreden auf die Regierung halten. Die Angst vor Pekings ökonomischer Vergeltung hat sich längst tief in die Köpfe der Unternehmen eingebrannt.