Brexit und Coronavirus
Die Stimmung auf der isolierten Insel kippt: Jetzt prügeln sich die Briten schon auf dem Friedhof

Die doppelte Brexit-Corona-Isolation löst in unserem Autor vor allem eines aus: Zorn auf die britische Regierung. Er ist damit bei weitem nicht allein.

Hanspeter Künzler
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Einsame Spaziergänger auf der Londoner Millenium Bridge: Die britische Insel wirkt zusehends isoliert vom Rest der Welt.

Einsame Spaziergänger auf der Londoner Millenium Bridge: Die britische Insel wirkt zusehends isoliert vom Rest der Welt.

Keystone

Wissen Sie, was wir in London grad tun, statt uns vorsichtig-fröhlich auf Weihnachten einzustimmen? Wir sitzen in unserem Reihenhäuschen und fragen uns, was als Nächstes passieren soll. Wir fragen uns, wie es den Nachbarn und unseren Freunden geht. Mit ihnen persönlich sprechen aber können wir nicht. Was sie umtreibt, wie sie mit der Situation zurechtkommen, das müssen wir auf Twitter und Facebook nachlesen. Eines aber ist klar: Statt weihnachtlicher Stimmung dominiert auf der britischen Insel derzeit ein ganz anderes Gefühl: Zorn.

Und das liegt zuallererst an Boris Johnson, der das Königreich in diese doppelt verzwickte Situation katapultiert hat. Nach seinem Plan hätte der britische Premier dieser Tage einen Triumph feiern und mit wehenden Fahnen den Brexit begehen wollen. Stattdessen hat die Mutation des Coronavirus jetzt das ganze Königreich in eine Krise gestürzt. Und zwar auch deshalb, weil Johnson kindische Wortgefechte mit politischen Gegnern offenbar wichtiger waren als eine nüchterne Einschätzung der Lage.

Aus lautem Hohn wird plötzlich stille Verzweiflung

Ein Beispiel gefällig? Als Johnsons Widersacher im Parlament, Labour-Chef Keir Starmer, vor kurzem die Frage stellte, ob die versprochene weihnachtliche Lockerung der Coronamassnahmen angesichts der rasant ansteigenden Fallzahlen noch zu verantworten sei, lachte Johnson höhnisch. Man könne nur allzu gut erkennen, was Starmer im Sinn habe, keifte der Premier: «Er will uns Weihnachten stehlen!» An der einwöchigen Weihnachtslockerung würde klar festgehalten, polterte er.

Zieht den Zorn einer wachsenden Anzahl Kritiker auf sich: der britische Premier Boris Johnson.

Zieht den Zorn einer wachsenden Anzahl Kritiker auf sich: der britische Premier Boris Johnson.

Keystone

Und jetzt der dramatische Rückzieher. Ab sofort sind 16 Millionen Menschen im harten Lockdown. Zusätzlich zu den Gastrobetrieben sind nun alle nicht als lebenswichtig erachteten Läden und Lokale geschlossen. Dieser Schritt wäre für Ladenbesitzer und Kundschaft auch unter normalen Umständen schon schlimm genug gewesen. Jetzt aber, wo die Geschäfte erhebliche Investitionen getätigt haben, um die Regale weihnachtlich zu füllen, gipfelt das Ganze in einer Katastrophe.

Für uns alle hier im Grossraum London ist das ein herber Dämpfer. Die massiven Einschränkungen schlagen aufs Gemüt. Vor allem natürlich bei jenen Menschen, die sich – angespornt durch Johnsons «Hurra-Rhetorik» – darauf gefreut hatten, endlich wieder als Familie oder als «Bubble» von Freunden zusammenkommen zu können. Die politischen Folgen sind noch nicht abzusehen. Auch innerhalb der eigenen Partei steht der Premier unter Beschuss: einerseits von Leuten, welche die Wirksamkeit seiner Strategie anzweifeln. Andererseits von Stimmen, die ihm jegliche Kompetenz für sein Amt absprechen.

Keine Geschenke, kaum Licht am Ende des Tunnels

Und dann kommt zu allem Ungemach natürlich noch die Aussicht auf einen harten Brexit ohne Deal und mit düsteren Zukunftsaussichten. Aus Johnsons Vorstellung einer ruhmreichen Revolte ist nichts geworden. Der Weg hin zum Brexit hat sich als schwieriger erwiesen, als der konservative Premier es sich versprochen hatte. Seit Monaten liegen ihm Handels- und Industrievertreter in den Ohren. Sie beschweren sich, dass ihnen immer noch entscheidende Informationen fehlten für die Vorbereitung auf die neue Situation. Zehn Tage vor dem grossen Ereignis tappen viele weiterhin im Dunkeln.

Der Schweizer Kulturjournalist Hanspeter Künzler lebt in London.

Der Schweizer Kulturjournalist Hanspeter Künzler lebt in London.

Zur Verfügung gestellt

Und während die Trennungsverhandlungen mit der EU von endgültig letzter Deadline zu endgültig letzter Deadline taumeln, stauen sich um die Häfen am Ärmelkanal schon jetzt kilometerlang die Lastwagen. Die Auswirkungen der jetzt verhängten Reise- und Transportverbote sind schwer abzuschätzen. Es zeichnet sich eine Doppelkrise ab, von der offensichtlich niemand so recht weiss, wie man ihr beikommen könnte. Boris Johnson sowieso nicht.

Und deshalb bleibt uns vorerst nur dieser Zorn. In den vergangenen Tagen ist hier der Eindruck entstanden, dass das Land von einer Regierung geführt wird, die zuallererst in die eigene Tasche wirtschaftet. Dazu passt die Nachricht, dass der Staat im Rahmen der Notfallmassnahmen Milliardenbeträge in die Taschen von umstrittenen Firmen mit Verbindungen zu regierungsnahen Personen fliessen liess. Die Anspannung auf den Strassen und in den Gassen ist förmlich spürbar. Man hat das Gefühl, dass jederzeit jemand explodieren könnte. So geschehen vor ein paar Tagen auf dem Friedhof um die Ecke. Plötzlich lagen sich zwei Hundehalterinnen in den Haaren, rollten über die Gräber und schlugen auf sich ein, ehe die Polizei auftauchte und die Handschellen zückte. Das wird nichts mit der fröhlichen Bescherung dieses Jahr – und zwar nicht nur, weil ich meinen alljährlichen Geschenkeinkaufsmarathon am 24. Dezember vergessen kann.