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Plagiatsjäger drängt Baerbock in die Enge - selbst die linke «Taz» fordert jetzt die Rochade zu Habeck

Sie hat nicht nur Fakten, sondern auch Analysen aus anderen Quellen übernommen - und als die eigenen ausgegeben. Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock ist heftigem Gegenwind ausgesetzt. Ihre Partei reagiert auf die Kritik fast panisch.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Ist unter Druck geraten: Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, hier bei einem Interview letzte Woche in Berlin.

Ist unter Druck geraten: Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, hier bei einem Interview letzte Woche in Berlin.

Fabian Sommer / dpa/1. Juli 2021

Die jüngsten Entwicklungen haben das Potenzial, die Kanzlerambitionen von Annalena Baerbock frühzeitig zu beenden: Die grüne Co-Chefin hat in einem erst vor wenigen Wochen vorgelegten Buch «Jetzt - Wie wir unser Land erneuern» an mehreren Stellen aus anderen Quellen wortgleich oder ähnlich in den Formulierungen abgeschrieben oder zitiert, ohne dies kenntlich zu machen.

Copy-Paste bei Joschka Fischer

Der österreichische Plagiatsjäger Stefan Weber hat übers Wochenende weitere fragliche Textstellen in dem Buch gefunden. Demnach soll die 40-Jährige etwa auch beim grünen Ex-Aussenminister Joschka Fischer oder dem ehemaligen grünen Umweltminister Jürgen Trittin Formulierungen fast wortgleich übernommen haben. Bereits zuvor wurde bekannt, dass Baerbock unter anderem aus Fachzeitschriften oder verschiedenen Medien, darunter der «Spiegel» abgeschrieben hatte.

Auch der von den Grünen zunächst empört zurückgewiesene Vorwurf, die Kanzlerkandidatin habe mit ihrem Copy-Paste-Verfahren Urheberrechte verletzt, dürfte sich inzwischen teilweise bestätigen: Baerbock bediente sich für ihr Werk, mit dem sie eigentlich ihre Wahlchancen anheben wollte, nicht nur allgemein bekannten Fakten aus öffentlich zugänglichen Quellen. Die grüne Co-Chefin übernahm auch Analysen aus anderen Quellen, verkaufte diese aber als ihre eigenen Gedanken und Schlussfolgerungen.

Medial ist die Stimmung inzwischen gekippt. Noch in der letzten Woche wurde Baerbock vor allem aus bürgerlichen und konservativen Medien, darunter die «Bild», kritisiert, andere Medien blieben in ihrem Urteil der Kandidatin gegenüber zunächst milde. Inzwischen beurteilen sämtliche Medien die unsaubere Arbeit Baerbocks kritisch, die einstige grüne Überfliegerin Baerbock gilt nun als Last für die Grünen.

«Sie kann diese Wahlen nicht mehr gewinnen, dazu ist ihre Glaubwürdigkeit zu stark beschädigt.»

Bemerkenswert ist insbesondere, dass selbst die linke Berliner Tageszeitung «Taz» in einem Kommentar von der Grünen abgerückt ist. «Es ist vorbei, Baerbock!», heisst es in dem Text. «Sie kann diese Wahlen nicht mehr gewinnen, dazu ist ihre Glaubwürdigkeit zu stark beschädigt». Die Zeitung legt Baerbock nahe, ihre Kandidatur zurückzuziehen und stattdessen zweieinhalb Monate vor den Bundestagswahlen dem grünen Co-Chef Robert Habeck den Vortritt als Kanzlerkandidat zu lassen.

Habeck verfüge über eine hohe Glaubwürdigkeit, der 51-jährige Philosoph und Autor habe Regierungserfahrung und sei - trotz besserer Eignung für das Kanzleramt als die unerfahrene Baerbock - nur deshalb nicht zum Kanzlerkandidaten erklärt worden, weil bei den Grünen Frauen bei gleicher Qualifikation das Zugriffsrecht erhalten. Mit «ihrer Selbstüberschätzung» habe Baerbock «dem Feminismus einen Bärendienst erwiesen». Zum Wohle des Klimaschutzes und für ihre Partei müsse Baerbock verzichten, schliesst die Zeitung.

Nervöse Reaktionen der Grünen

Eine Rochade bei der Kanzlerkandidatur der Grünen wäre eine faustdicke Überraschung. Doch sollte der Plagiatsjäger noch weitere Stellen in Baerbocks Buch aufspüren, könnte der Druck auf die Kandidatin so gross werden, dass sie mit Blick auf den Erfolg ihrer eigenen Partei tatsächlich zurückzieht. Baerbocks Glaubwürdigkeit ist beschädigt. Bereits im April und Mai gab es Berichte über einen aufgehübschten Lebenslauf der Kandidatin, zudem hatte Baerbock Nebeneinkünfte zu spät dem Bundestag gemeldet.

Diese Verfehlungen konnte die Grüne noch durch stoisches Aussitzen und einer Bitte um Entschuldigung parieren, doch die panische Reaktion der Partei und Baerbocks auf die neueste Welle der Kritik wirft kein allzu gutes Licht auf die Kandidatin. Die Grünen sprechen von einer «Schmutzkampagne» und von «Rufmord», anstatt die eigenen Fehler einzugestehen und um Nachsicht zu bitten.

Es ist offensichtlich, dass sich die Perfektionistin Baerbock grösser machen will, als sie in Wahrheit ist. Bei den Wählerinnen und Wählern kommt das nicht gut an. Sie fragen sich, wie eine Kanzlerin Baerbock mit Politikern wie Erdogan oder Putin umgehen will, wenn sie schon von einem Plagiatsjäger in die Ecke getrieben werden kann. In Umfragen ist die Kandidatin hinter den SPD-Kandidaten Olaf Scholz und Unions-Anwärter Armin Laschet zurückgefallen. Auch die Grünen selbst haben an Wählergunst eingebüsst und liegen mit 20 Prozent etwa 10 Prozent hinter der Union.

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