Deutschland
Hitziges Wortgefecht im Bundestag: Armin Laschets Griff zum letzten Strohhalm

Seine Umfragewerte sind miserabel. Nun ändert CDU-Kandidat Laschet die Taktik. Auch Noch-Kanzlerin Merkel eilt ihm zur Seite.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Ein emotionaler Kanzlerkandidat im Deutschen Bundestag: CDU-Chef Armin Laschet kämpft um seine letzte Chance.

Ein emotionaler Kanzlerkandidat im Deutschen Bundestag: CDU-Chef Armin Laschet kämpft um seine letzte Chance.

Markus Schreiber / AP

Es war ein guter Auftritt, den Armin Laschet im Bundestag hingelegt hat. Über eine halbe Stunde redete er, sprach mal sanft, mal energisch im Tonfall. Er erteilte Plänen für Steuererhöhungen, wie sie im linken Lager existieren, eine Absage. Er warb für einen internationalen Weg im Klimaschutz, für ein starkes Europa.

Vor allem aber warnte der 60-jährige CDU-Chef vor einem Politikwechsel nach den Wahlen vom 26. September. Die Bürgerinnen und Bürger hätten ein Recht darauf, «dass der, der Kanzler werden will, klipp und klar sagt», meinte Laschet an den unweit von ihm sitzenden Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz gewandt, «ob Sie wirklich wollen, Herr Scholz, diese Leute in eine potenzielle Bundesregierung hineinzurufen».

Springt ihrem Parteichef zur Seite: Kanzlerin Angela Merkel wirbt in der Bundestagsdebatte am Dienstag für Armin Laschet.

Springt ihrem Parteichef zur Seite: Kanzlerin Angela Merkel wirbt in der Bundestagsdebatte am Dienstag für Armin Laschet.

Markus Schreiber / AP

Mit «diesen Leuten» meint Laschet Vertreter der Linkspartei. Eine politische Kraft, die am liebsten aus der Nato aussteigen würde und mit Plänen zur Enteignung von Immobilienfirmen auf Stimmenfang geht. Die Linke wittert die Chance, nach der Ära Merkel Teil einer links-grünen Bundesregierung mit SPD und Grünen zu werden. Das von Laschet skizzierte Szenario ist rechnerisch möglich. SPD, Grüne und Linke würden Stand jetzt die nötigen Stimmen auf sich vereinen, um eine Regierung zu bilden.

Linkes Bündnis ist unwahrscheinlich

Nur, dass SPD und Grüne tatsächlich mit der Linkspartei ein Bündnis schmieden werden, ist schwer vorstellbar, auch wenn ein Teil in der SPD der Idee durchaus Sympathien abgewinnt. Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat zwar deutlich gemacht, dass er mit den Grünen in eine Regierung möchte. Als dritten Partner würde sich der pragmatische Mitte-Politiker allerdings wohl eher die FDP ins Boot holen als die Linkspartei.

Dass er der Linken nicht schon jetzt kategorisch eine Absage erteilt, ist wahltaktisches Kalkül: Er hält den linken Flügel in der SPD bei Laune und hat nach der Wahl ein Druckmittel gegen die FDP in der Hand. Geht die SPD am 26. September wirklich als erste durchs Ziel, könnte Scholz die Liberalen in eine Regierung mit SPD und Grünen geradezu zwingen, da ansonsten ausgerechnet die FDP eine Mitschuld daran tragen würde, wenn wegen ihrer Verweigerungshaltung am Ende doch die sozialistische Linkspartei mitregiert.

Der CDU-Kandidat warnt vor den Grünen

Dass Laschet zuletzt im Wahlkampf vermehrt vor einem Wechsel zu einem grün angehauchten Quasi-Sozialismus in Deutschland gewarnt hat, ist ein Indiz dafür, dass der CDU-Chef nach dem letzten Strohhalm greift. Denn weder der Kandidat noch das ambitionslose Wahlprogramm der CDU überzeugen die Wählerinnen und Wähler.

Nun wird die Taktik geändert: Nicht das Angebot Laschets steht im Vordergrund, sondern die Gefahr durch den politischen Gegner wird in den Mittelpunkt der Erzählung gehievt. Statt «Mit Laschet wird es besser» heisst es nun «ohne Laschet wird es schlimmer». Die Angst bei der Union vor der Verbannung in die Opposition kommt nicht von ungefähr. Aktuelle Umfragen sehen CDU und CSU derzeit bei etwa 20 Prozent. Die SPD steht aktuell bei 25 Prozent und hätte den Auftrag zur Bildung einer Regierung.

Zuletzt wurde auch Kritik an Kanzlerin Angela Merkel laut, die den Kandidaten ihrer Partei zu wenige unterstütze. Nun ist auch die Noch-Kanzlerin bei ihrem letzten Auftritt im Bundestag vor den Wahlen ihrem Parteifreund zur Seite geeilt. Auch die 67-Jährige malte das rot-grüne Sozialistengespenst an die Wand. Die anstehende Wahl sei eine Richtungswahl, sagte Merkel. Entweder erhalte Deutschland eine Regierung, bei der «SPD und die Grünen die Unterstützung der Linkspartei in Kauf nimmt, zumindest nicht ausschliesst», oder aber eine von Laschet geführte Regierung, die für Mass und Mitte stehe. Merkels Satz zog etliche Zwischenrufe nach sich, worauf die Kanzlerin meinte:

«Meine Güte, was für eine Aufregung!»

Aufregung herrscht vor allem bei der Union. Armin Laschet zeigt nach aussen hin keine Anzeichen von Nervosität. «Ich bin noch immer zuversichtlich, dass wir das Rennen gewinnen», sagte er vor wenigen Wochen gegenüber der «Zeit». „Aber jetzt muss zugespitzt werden.“

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