Saudi Arabien
Der saudische Jungspund oder der «Bulldozer» mit eigener PR-Abteilung

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sieht sich auf dem richtigen Weg. In der kommenden Woche wird der 32-Jährige zur «Person des Jahres 2017» gekürt.

Michael Wrase aus Limassol
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Mohammed bin Salman legt Wert auf Aussendarstellung. Key

Mohammed bin Salman legt Wert auf Aussendarstellung. Key

KEYSTONE

Am kommenden Mittwoch hat es der saudische Kronprinz geschafft. Dann wird ihn das renommierte Magazin «Time» zur «Person des Jahres 2017» küren. Bei der noch vier Tage laufenden Abstimmung liegt der ambitionierte Saudi mit 13 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Platz eins. Weit abgeschlagen folgen ein amerikanischer Football-Spieler (5 Prozent), Papst Franziskus, Vladimir Putin, Hillary Clinton sowie der Vorjahressieger Donald Trump (3 Prozent), der Mohammed bin Salman alias «MBS» unlängst per Twitter bescheinigte, «alles richtig zu machen».

Die Frage, ob der Mittlere Osten seit dem Amtsantritt des impulsiven saudischen Jungspunds (32) stabiler oder sicherer geworden ist, scheint sich damit zu erübrigen. «MBS», vom mächtigsten Mann der Welt gestützt und ermutigt, wird sie sich nicht stellen. Er ist von dem, was er tut, überzeugt.

Vollgepumpt mit Adrenalin

«Man muss seine Tatkraft und sein Stehvermögen einfach bewundern», ätzt der jordanische Politologe Marwan Bishara in einem Kommentar für den Fernsehsender al-Dschasira. Ein mit Adrenalin vollgepumpter junger Prinz entfache einen grossen Krieg (Jemen) vor seiner Haustür, löse diplomatische Krisen (Katar, Libanon) im Ausland aus und versuche gleichzeitig, sich seiner politischen Gegner zu Hause zu entledigen. Zudem finde er noch die Zeit, das religiöse Establishment in die Schranken zu weisen und wirtschaftliche Visionen bis zum Jahr 2030 zu entwerfen.

Mit einer unglaublichen Portion Arroganz, Gleichgültigkeit und Doppelzüngigkeit, behauptet Bishara, habe bin Salman «Dekaden politischer und sozialer Traditionen binnen weniger Monate zunichtegemacht». Sein Aufstieg zur Macht werde Saudi-Arabien und die gesamte Region nachhaltig destabilisieren.

«Bedeutungsvollste Reform»

«MBS» wischt derartige Kritik als «lächerlich» beiseite. Aussenpolitisch sieht er sich «auf dem richtigen Weg». Und die Anti-Korruptions-Kampagne diene nicht zur Festigung seiner Macht. Tatsächlich habe man in den letzten Jahren «erdrückende Beweise» gesammelt, mit denen jetzt die Beschuldigten konfrontiert würden, verriet der saudische Kronprinz im Gespräch mit Thomas Friedman.

Nach Einschätzung des Star-Kolumnisten der «New York Times» erlebt Saudi-Arabien gegenwärtig den «bedeutungsvollsten Reformprozess der arabischen Welt». «MBS» sei kein Schönfärber, der Wandel im Königreich «bereits Wirklichkeit», preist Friedman den jungen Saudi überschwänglich.

Doch wo steht das Land wirklich? Wie ist der beängstigende Aktionismus des jungen Saudis zu bewerten? Einen längst überfälligen Reformprozess erlebt Saudi-Arabien tatsächlich. Wie «bedeutungsvoll» die Veränderungen, die (keinesfalls abgeschlossene) Entmachtung der Religionspolizei oder die versprochene Gleichstellung der Frauen, einmal sein werden, wird sich erst in einigen Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten zeigen. Bin Salman muss verstehen, dass dringend notwendige gesellschaftliche und wirtschaftliche Reformen nicht über Nacht durchgesetzt, durchgepeitscht werden können.

Für seinen Mut, die Dinge in die Hand zu nehmen, verdient MBS Anerkennung und Applaus. Für bin Salmans Inszenierung als aufgeklärter, zupackender Manager eines modernen Königreiches ist seit dem Sommer dieses Jahres die amerikanische PR-Agentur Burson-Marsteller verantwortlich. Das auf Krisen-Management spezialisierte Unternehmen betreute einst die Öffentlichkeitsarbeit von Pinochet und der argentinischen Militärjunta und wurde unlängst auch vom türkischen Staatspräsidenten Erdogan engagiert.

Wenn MBS in der nächsten Woche zur «Person des Jahres 2017» gekürt wird, ist dies auch das Verdienst der amerikanischen Public-Relation-Manager. Dabei ist der jüngste Sohn alles andere als ein Überflieger. Sein Jurastudium absolvierte er ausschliesslich in Riad. Englisch spricht er eher mässig. Was ihn auszeichnet, auch von seinem Vater bewundert wird, ist seine Durchsetzungsfähigkeit, der MBS auch den Spitznamen «Bulldozer» verdankt.

Von Ja-Sagern umgeben

Kritiker bezeichnen den schwergewichtigen Saudi als verbohrt. Selbst Friedman, sein Bewunderer, gibt in seinem Essay zu bedenken, dass es «der extrem kleine Beraterkreis des Saudis nur selten wage, MBS ausreichend zu hinterfragen». Mit verheerenden Konsequenzen. So nehme der anti-iranische Kurs der Saudis unter der Führung von MBS «immer mehr die Züge einer paranoiden Obsession an», analysiert der für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik tätige Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons. Der saudische Thronfolger stilisiere Iran als Wurzel allen Übels, die die Region ins Chaos stürze und aufgehalten werden müsse.

Dass ihm – trotz massiver westlicher Rüstungslieferungen – die Mittel dazu fehlen, scheint MBS bisher nicht realisiert zu haben. Den Krieg im Jemen bezeichnen viele Beobachter bereits als ein «saudisches Vietnam». Als der libanesische Premierminister Saad Hariri Anfang November in Riad zum Rücktritt gezwungen wurde, intervenierte die französische Diplomatie und sorgte für die Wiederherstellung des Status quo Ante. Selbst die saudische Blockade des kleinen Katar ist gescheitert – sehr zur Freude des in Riad so verhassten Iran, der ohne grosses Zutun aus den Fehlern des jungen Saudis Kapital schlägt.

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