Covidkrise
Frankreichs Lehrer machen mobil gegen den Test-Marathon an den Schulen

Die französischen Lehrer haben am Donnerstag erstmals seit langem wieder gestreikt. Mit Unterstützung vieler Eltern protestieren sie gegen die Impfpolitik der Macron-Regierung.

Stefan Brändle, Paris
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Ein Bild aus der Zeit vor dem Streik: Ein Lehrer, Präsident Macon und Minister Blanquer.

Ein Bild aus der Zeit vor dem Streik: Ein Lehrer, Präsident Macon und Minister Blanquer.

Bild: keystone

Ein Spassvogel meinte in den sozialen Medien, Frankreich gehe es offenbar wieder besser, wenn der öffentliche Dienst zur guten alten Streiktradition zurückfinde. Die Lehrer waren seit Beginn der Covidkrise nicht mehr auf die Strasse gegangen und hatten trotz ihrer exponierten Lage die Offenhaltung der Schulen gewährleistet.

Doch jetzt haben sie genug. Oder mit den Worten ihrer grössten Gewerkschaft Snuipp-FSU: «ras-le-bol», die Nase voll. Am Donnerstag blieben nach ersten Schätzungen drei Viertel des Lehrpersonal in den Kindergärten und Primarschulen zuhause. In den Mittelschulen war die Präsenz etwas höher; doch auf allen Ebenen mussten Rektoren den gesamten Unterricht absagen. Das ist auch ein Schlag gegen die Regierungspolitik, die in Frankreich darauf abzielt, die Schulen – und damit letztlich auch die Landeswirtschaft – um jeden Preis offenzuhalten.

Dreimal Nasenstechen

Mehrere Gewerkschaften freuten sich über die «historische Mobilisierung». Die Streikbeteiligung lag in der Tat ungewöhnlich hoch. Unüblicherweise schlossen sich auch Elternverbände wie FCPE dem Streikaufruf an. Konkret richtet sich der Protest gegen die ständig ändernden Testvorschriften. Die einzelnen Schulklassen müssen in Frankreich ihren Unterricht fortsetzen, selbst wenn mehrere Ansteckungsfälle registriert werden. Für diese Fälle hatte Bildungsminister Jean-Michel nach Neujahr ein neues Impfprotokoll in Kraft gesetzt, das ab dem fünften Altersjahr einen regelrechten Testmarathon vorsieht: Nach einem Soforttest am ersten Tag müssen sich die Sprössling am dritten und fünften Tag zwei weitere Male ein Stäbchen in die Nase stecken lassen.

Viele Eltern begehren dagegen auf. Blanquer änderte darauf die Regel ein erstes, wenige Tage später ein zweites Mal. Das führte laut Snuipp-FSU zu einem «unbeschreiblichen Durcheinander», weil selbst die Schulleiter nicht mehr wissen, wann welche Schüler welchen Test vollziehen müssen. In allen Schulklassen lichtet sich der Bestand; Tausende mussten trotz allem ganz geschlossen werden.

Im Regen: Minister Blanquer.

Im Regen: Minister Blanquer.

Bild: keystone

Der Streik war nicht dazu angetan, das herrschende Chaos zu mindern. Immerhin half das verbreitete Home Office vielen Eltern beim Kinderhüten. Für die anderen Eltern gibt es an den französischen Schulen an sich einen «minimalen Empfangsdienst», bestehend aus der Zusammenlegung mehrerer ausgedünnter Klassen. Auf diese Vermischung wurde aber häufig verzichtet, um die Omikron-Verbreitung nicht zusätzlich zu fördern.

In den meisten Grossstädten organisierten die Gewerkschaften Grossdemonstrationen. Hauptzielscheibe war Blanquer, der das Testprotokoll schon zweimal geändert hat. Der etwas steife Bildungsminister hatte die Lehrer zusätzlich aufgebracht, als er sagte, es mache doch keinen Sinn, «gegen ein Virus zu streiken». In den sozialen Medien erhielt er allerdings auch Zustimmung. Ein Vater von drei Kindern schrieb, die von Blanquer verordnete Lockerung – heute genügt für «Kontaktfälle» ein Antigentest in der Apotheke, gefolgt von zwei Selbsttests zuhause – sei auf die Umstände durchaus zugeschnitten. Im in den sozialen Medien gab es Kritik am Lehrerstreik:

Der Protest richtet sich allerdings nur vordergründig gegen die Tests. Die in Frankreich schlecht bezahlten und vom Staatsapparat anonym behandelten Lehrer fühlen sich ähnlich wie die Pflegebediensteten, nämlich sich selbst überlassen an der Covidfront. Die Staatsführung macht nicht den Eindruck, dass sie viel Empathie für diese hauptbetroffenen Berufskategorien hat. Präsident Emmanuel Macron, der eher mit herablassenden Sprüche von sich reden macht, scheint mehr mit seiner Wiederwahl im April als mit den Nöten der öffentlich Bediensteten beschäftigt zu sein.

Auch Zemmour stellt sich hinter die Lehrer.

Auch Zemmour stellt sich hinter die Lehrer.

Bild: keystone

Blanquer lässt er deshalb elegant im Regen stehen. Sollte das Schulchaos anhalten, wäre der Minister ein bequemes Bauernopfer, mit dem sich Macron aus der Schusslinie halten könnte. Blanquer verlor am Mittwoch in einer Regierungssitzung schon einmal die Nerven: Ohne Rücksicht auf die Anwesenheit von Journalisten warf er Gesundheitsminister Oliver Véran lauthals mangelnde Loyalität vor. Gemeint war in Wahrheit Macron.

Macron unter Beschuss

Für den Staatschef kommt der Lehrerstreik zum dümmsten Moment, verstärkt er doch drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen das Gefühl, dass die Regierung das Coviddossier nicht so souverän meistert, wie es Macron gerne behauptet. Die Lehrer- und Elternverbände erhielten nicht von ungefähr Unterstützung durch die übrigen Präsidentschaftskandidaten. Zu ihnen gehörte sogar der Polemiker Eric Zemmour, der sonst gerne gegen die «linke» Lehrerschaft zu Feld zieht.

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