Attentat
«Charlie Hebdo»-Komplizen müssen bis zu 30 Jahre in Haft – doch das Trauma ist längst nicht überwunden

Monatelang dauerten die Gerichtsverhandlungen gegen die 14 Angeklagten Helfer der Attentäter. Drei sind noch immer auf der Flucht.

Stefan Brändle aus Paris
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Ein Graffiti erinnert an die zwölf Menschen, die beim Attentat ums Leben kamen.

Ein Graffiti erinnert an die zwölf Menschen, die beim Attentat ums Leben kamen.

EPA (10. November 2020

Die Urteile im Fall «Charlie Hebdo» sind gefallen. Gestern hat ein Sondergericht in Paris vierzehn Personen wegen Beihilfe zu einer «terroristischen Vereinigung» für schuldig befunden. Sie erhalten Haftstrafen von 4 bis 30 Jahren. Die Verurteilten hatten Waffen und Autos geliefert, die bei den Anschlägen vom Januar 2015 gegen das Satiremagazin «Charlie Hebdo» (zwölf Tote) und einen jüdischen Laden (vier Tote) zum Einsatz kamen. Die drei eigentlichen Attentäter wurden kurz nach dem Anschlag von Sicherheitskräften erschossen.

Drei Mitangeklagte wurden in Abwesenheit zu 30 Jahren Haft verurteilt. Die elf anderen bestritten vor Gericht, von der Terrorabsicht gewusst zu haben. Einige baten die Hinterbliebenen der Ermordeten während der mehr als dreimonatigen Verhandlungen um Verzeihung.

Die wegen der Coronapandemie mehrfach unterbrochenen Verhandlungen trugen kaum dazu bei, die wirklichen Motive der Komplizen zu erhellen. Auch sonst konnte der Prozess seine Erwartungen aus juristischer Sicht kaum erfüllen.

«Ihr könnt uns umbringen, es würde nichts ändern»

Der Anwalt von «Charlie Hebdo», Richard Malka, nutzte sein Schlussplädoyer für ein Statement zu einem Thema, das in Frankreich in jüngster Zeit wieder heiss debattiert wird: «Die Karikaturen sind unschuldig!»

Erst Ende September griff ein junger Pakistani die «Charlie»-Redaktion erneut mit einem Messer an. Im Oktober enthauptete ein 18-jähriger Tschetschene den französischen Geschichtslehrer Samuel Paty. Er hatte die zum Prozessbeginn neu veröffentlichten Mohammed-Zeichnungen in einer Schulklasse thematisiert.

Anwalt Malka verwies auf die französische Blasphemie-­Tradition: Diderots Enzyklopädie habe schon 1740 dazu geführt, dass die Aufklärung «die Welt erstmals ohne Gott gesehen» habe. Daraus sei die Idee der Freiheit entstanden. An die Angeklagten gewandt meinte Malka:

Sie können uns umbringen, es würde nichts ändern. Denn ‹Charlie› ist heute eine Idee geworden. Und eine Idee kann man nicht töten.

Die Urteile sind noch längst nicht das Ende

Die Anwälte der Angeklagten konterten, das Gericht habe einzig rechtlich relevante Akte zu beurteilen. Das gesellschaftspolitische Umfeld – darunter auch die antifranzösischen Proteste und Boykotte im arabischen Raum – gehöre nicht in den Gerichtssaal.

Mindestens einer der Verurteilten hat bereits Berufung eingelegt. Es wird also zu einem weiteren Prozess kommen. Zudem wurde der mögliche Auftraggeber des Attentats erst 2018 in Djibouti gefasst. Die Ermittlungen in seinem Fall sind nicht abgeschlossen.