Österreich
«Beide Kandidaten sind nicht wählbar»

Weder Hofer noch Van der Bellen – die Österreicher wollen einen souveränen und majestätischen «Bundespräsi».

Adelheid Wölfl, Gänserndorf
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Wer wird neuer österreichischer Bundespräsident? Viele Österreicher finden, dass sie eigentlich gar keinen brauchen.Ronald Zak/AP/Keystone

Wer wird neuer österreichischer Bundespräsident? Viele Österreicher finden, dass sie eigentlich gar keinen brauchen.Ronald Zak/AP/Keystone

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Gänserndorf liegt eine halbe Stunde von Wien entfernt an der Schnellbahn; ein paar Kilometer sind es nur bis zur slowakischen Grenze. Das Land ist so flach, dass man während des Kalten Kriegs mutmasste, dass genau hier die Russen einfallen würden, wenn sie denn kommen würden. Nun ist die Ebene Gurken- und Erdbeerland. Wer nach Gänserndorf fährt, durchquert Strasshof, wo Natascha Kampusch jahrelang in einem Keller eingesperrt war. Strasshof oder Gänserndorf sind relativ langweilige und unschöne Vororte von Wien mit langen Häuserzeilen und ein paar Billigläden.

Das Rentner-Ehepaar Hilde und Harald M. schlendert durch die Hauptstrasse mit den niedrigen Häusern, die im November grauer wirken, als sie tatsächlich sind. Die beiden haben beschlossen, dass sie am Sonntag gar nicht zur Wahl gehen werden. «Beide Kandidaten sind nicht wählbar und überhaupt brauchen wir ohnehin keinen Bundespräsidenten. Das haben wir in den letzten paar Monaten ja gemerkt», verweisen sie darauf, dass Österreich seit Juli wegen der annullierten Stichwahl kein Staatsoberhaupt mehr hat. Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen würden das Amt kaputtmachen, «weil sie sich gegenseitig nur beschimpfen».

Viele Österreicher haben keine Lust mehr. Der Wahlkampf dauert ihnen schon viel zu lang und sie mögen die scharfe Auseinandersetzung zwischen den Kandidaten nicht, die vor allem in den TV-Duellen zu sehen ist. Sie wollen ein Staatsoberhaupt mit souveräner, majestätischer Distanz, so wie früher. Da schien der «Bundespräsi» – wie er in Österreich oft genannt wird – irgendwie unerreichbar. Er sprach immer ernst und man glaubte ihm einfach gern, weil er die Dinge so schön zurechtrückte. Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen wirken für viele im Vergleich dazu wie zwei sehr irdische Streithähne, die sich im Laufe der letzten Monate wechselseitig zerpflückten.

In Gänserndorf mischt sich alles

Gänserndorf ist auch ein Ort, wo verschiedene Weltanschauungen aufeinanderprallen. Beim Bahnhof steht ein Dreiecksständer. Das Gesicht von Alexander Van der Bellen ist zerfetzt. In den Städten werden oft Hofer-Plakate übermalt – mit Hitlerbärten oder Slogans; auf dem Land ist es oft umgekehrt. In den Zonen dazwischen – wie in Gänserndorf – mischt sich alles: Hier leben Hofer-Fans, die seinen biederen Auftritt mögen und die einfachen Worte. Hier leben aber auch die Wiener, die aufs Land gezogen sind und die sich mit dem gebildeten Van der Bellen und seiner Weltoffenheit identifizieren.

So wie der 42-jährige Dietmar O., der gerade mit seinem Sohn im Kinderwagen zum Einkaufen geht und der so aussieht, als könnte er ein typischer Grünwähler sein: Gummitasche, Dreitagebart, Sprüche über das «postfaktische Zeitalter». Dietmar O. findet, dass Hofer mittlerweile mit dem «Zehen im Kühlschrank und dem Finger im Badezimmer steht». Er meint damit das Sammelsurium an Weltanschauungen, die er vertritt, um die Mitte der Gesellschaft anzusprechen, aus der weder er noch Van der Bellen kommen. «Hier haben vielleicht nicht so viele Leute Hofer gewählt, weil der neue Bürgermeister Protestwähler beruhigen konnte», meint er. Ausserdem sei die FPÖ in der Gemeinde schwach aufgestellt.

Das Land ist blau, die Stadt grün

Am Sonntag geht es darum, wer besser mobilisieren kann. Das letzte Mal gewann der «blaue» FPÖ-Kandidat auf dem Land, in der Stadt lag der Grüne weit vorne. Für Van der Bellen gibt es in den Ballungszentren kaum mehr Möglichkeiten, noch mehr Stimmen zu erringen. Rund um die Städte – in den sogenannten Speckgürteln – allerdings schon. Dort sind die Menschen gespalten. So wie in Gänserndorf.

Die 75-jährige Johanna L. gehört zu den Verunsicherten. Bei der Stichwahl im Mai war sie sich noch sicher, wen sie wählen sollte. «Jetzt habe ich beide Kandidaten besser kennen gelernt und jetzt bin ich unschlüssig», meint sie. Warum? Beim Einkaufen und unter den Nachbarn gäbe es immer nur ein Thema: die Migranten. Die Leute hätten Angst, dass es weniger Arbeitsplätze geben könnte und die Zukunft der Kinder gefährdet sei. Auch Johanna L. weiss nicht mehr, was sie denken soll. «Mir tun die Flüchtlinge alle einzeln von Herzen leid, aber es können wirklich nicht alle nach Österreich kommen», meint sie.

Auf der Hauptstrasse der 11 000 Einwohner zählenden Gemeinde kommen ein paar Jugendliche entgegen – tief hängende Rucksäcke, Kopfhörer im Ohr. Es sind afghanische Flüchtlinge, die vor einigen Monaten eingetroffen sind. Andere Migranten, die schon früher nach Gänserndorf gekommen sind, haben sich längst etabliert; sie besitzen Autowerkstätten oder arbeiten als Handwerker.

Der vierte Anlauf

- Österreich wählt am kommenden Sonntag einen neuen Bundespräsidenten. Es ist der vierte Versuch. Kandidaten sind erneut der FPÖ-Politiker Norbert Hofer und der Grüne Alexander Van der Bellen.

- Im April hatten die beiden es in die Stichwahl geschafft. Diese fand im Mai statt. Van der Bellen setzte sich damals knapp gegen Hofer durch. n Weil es Probleme bei der Auszählung der Briefwahlstimmen gegeben hatte und weil erste Ergebnisse zu früh veröffentlich worden waren, kassierte der Verfassungsgerichtshof im Juli das Ergebnis.

- Die Wiederholung wurde auf den 2. Oktober festgesetzt. Dann stellte sich heraus, dass sich bei einigen Wahlkuverts der Klebstoff löste. (He.)

«Ich bin Ausländer, natürlich wähle ich Van der Bellen», sagt etwa der Österreicher Kaan Türkoglu. Es ist seine erste Wahl. Vor zwei Jahren hat er die Staatsbürgerschaft bekommen, aber die Leute würden ihn noch immer «als Türken» sehen. Er steht mit seinen Freunden vor dem Friseurladen. Die Strassenlaternen geben nur wenig Licht, aber die Emotionen flackern in den Gesichtern. «Schreiben Sie auf, sagen Sie den Leuten, dass ich Österreich liebe. Ich liebe Österreich mehr als die Österreicher. Wenn ein Krieg kommt, dann nehme ich sofort meine Waffe und verteidige Österreich», sagt er und deutet dies mit den Händen an.

Das Problem für den 33-jährigen Computertechniker und seinen Freund Özer Hasan (35) «ist nur, dass wegen dem Hofer jetzt die Leute gegen die Muslime sind». Türkoglu und Hasan erzählen, wie sie permanent auf ihre Religion angesprochen werden. Dies sei eine Folge der Volksverhetzung, sagen sie. Begonnen habe diese mit 9/11. «Die Muslime werden seither schlecht dargestellt und es wird immer schlimmer.»

«Das hier ist jetzt meine Heimat»

«Die Leute sagen jetzt immer zu mir: Die sollen alle abgeschoben werden, nur halt du nicht!», erzählt Hasan von seinen Erfahrungen. Und Türkolgu meint: «Ich will mich aber als Muslim hier in Österreich wohlfühlen.» Ein anderer Freund, der Besitzer des Friseurladens, kommt auf die Strasse und bringt heissen Kaffee. Hasan erklärt, dass das österreichische System tatsächlich von Ausländern ausgenützt würde. So kämen etwa Slowaken über die Grenze, sie würden die Krankenversicherungs-Karte von einem anderen in Österreich arbeitenden Slowaken ausnützen und so den Staat schädigen. «So was würde ich niemals tun», betont der Mann, der aus Çumra im mittleren Süden der Türkei kommt. «Das hier ist jetzt meine Heimat, mein Çumra.»

Wir gehen in den Friseurladen. «Was bekommen Sie für den Kaffee?», frage ich. «Ich glaub nicht, dass Sie so viel Geld haben, dass sie den bezahlen können», sagt der Besitzer lächelnd – in einer wunderbaren Mischung aus türkischer Gastfreundschaft und österreichischem Schmäh.

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