Analyse
Immer wieder Rückzug aus Afghanistan: Die Briten taten es zwei Mal, dann die Russen und jetzt die USA und die Nato

«The Graveyard of Empires» – «Der Friedhof der Imperien»: Afghanistan trägt den Titel zu Recht. 1842 und 1881 zogen sich die Briten wieder nach Indien zurück, 1989 mussten die Sowjets abziehen und 2021 ziehen die Amerikaner und die Nato-Staaten ihr Militär aus Afghanistan ab.

Christoph Bopp
Christoph Bopp
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An einigen Orten ist einfach nicht gut wohnen. Zu diesen gehört Afghanistan. Im 19. Jahrhundert war es Schauplatz des Konflikts zwischen dem russischen Zarenreich und dem British Empire. Die Historiker nannten das bald «The Great Game». Aber die zwei afghanischen Kriege waren nicht nur für die Briten sehr blutig und sie zogen sich zweimal wieder zurück.

Die Rote Armee bei der Afghanistan-Intervention.

Die Rote Armee bei der Afghanistan-Intervention.

ho

Seine strategisch wichtige Lage verlor das Land auch im Kalten Krieg nicht. Am Weihnachtstag 1979 begann die sowjetische Intervention in Afghanistan. Sie wurde von den Sowjets gestartet aus Angst, das Land könne sich an die Nato anlehnen.

Im Kalten Krieg herrschte die Devise «Der Feind meines Feindes ist mein Freund» und so begannen die USA die Mudschaheddin, afghanische Kämpfer islamistischer Prägung, zu supporten. Der Krieg gegen die russischen Besatzer wurde vor allem von afghanischen Warlords geführt, die von der CIA mit Waffen und Geld unterstützt wurden.

In diesem Zusammenhang enstand das Schlagwort vom «asymmetrischen Krieg». Darunter verstand man einen Konflikt, der von einer technisch und militärisch überlegenen Macht nicht gewonnen werden konnte, weil für die Guerilla allein die Tatsache, dass es sie noch gab, gleichbedeutend mit einem Sieg war.

Afghanische Kämpfer mit einer Stinger-Lenkwaffe.

Afghanische Kämpfer mit einer Stinger-Lenkwaffe.

CIA-Museum

Wobei «überlegen» die Sachlage nicht ganz trifft. Während der Reagan-Administration hatte die CIA begonnen, die Afghanen mit den gefürchteten «Stinger»-Raketen auszurüsten. Das war ein Waffen­system, das ein einzelner Mann auf der Schulter tragen und abfeuern konnte, die Rakete war mit einem Wärmesuchkopf ausgerüstet und erwies sich gegen russische Helikopter und Transportflugzeuge als sehr erfolgreich. So erfolgreich, dass nach dem Abzug der Russen 1989 die CIA Angst um eigene Flugzeuge bekam und alles daran setzte, die verbleibenden «Stinger» zurückzukaufen.

1996 publizierte der Saudi Osama Bin Ladin ein Gedicht, das sich an US-Verteidigungsminister William Perry richtete, in dem die Rede war von einem Jüngling, der sich «lächelnd in die Mitte der Schlacht» begibt und von dort «mit blutgetränkter Speerspitze» herauskommt. Er unterzeichnete mit «Von den Spitzen des Hindu Kush, Afghanistan».

Osama Bin Laden (um 1997)

Osama Bin Laden (um 1997)

Wikipedia

Damit war klar, dass der «Sponsor des Terrors» sich im Land befand, das nach dem Abzug der Russen keineswegs befriedet war. Der Hauptverbündete der CIA, Ahmad Schah Massoud, Chef der «Nord­allianz», hatte einen schweren Stand gegen die islamistischen Taliban. Die Gotteskrieger kontrollierten weite Teile des Landes. Bin Ladin hatte es fertig gebracht, die Gewalt- und Terrorbereitschaft frustrierter Muslime von ihren korrupten Regimes weg auf die USA zu lenken. Die CIA suchte ihn, hatte Afghanistan aber mittlerweile praktisch aufgegeben. Das Land wurde für die Al Kaida, wie er seine Terror-Organisation nannte, ein ideales Trainings- und Rückzusgelände.

Ahmad Schah Massud, Führer der afghanischen Nordallianz.

Ahmad Schah Massud, Führer der afghanischen Nordallianz.

uspolicyinabigworld.net

Massud wurde am 9. September 2001 bei einem Attentat schwer verletzt und starb kurz danach. Nach 9/11 war klar, dass die USA in Afghanistan etwas unternehmen musste. Die Taliban waren im Oktober 2001 auch schnell geschlagen, aber die Nato und die Amerikaner schafften es nicht, Afghanistan sicher zu machen und auch Bin Ladin schnappten sie nicht.

Diese Versuche dauerten eigentlich bis jetzt an. Sie wurden zeitweise gestört durch die von den sogenannten «Neocons» um Präsident Bush verfolgte Aussenpolitik des «Regime Change». Die Regierungen von sogenannten «Schurken-Staaten» sollten militärisch gestürzt werden. Das wurde vor allem im Irak probiert, aber Demokratie und Marktwirtschaft wollten sich auch nach zwei Kriegen dort einfach nicht einstellen.

«Wir machen jetzt kein Nation Building mehr», sagte Ex-Präsident Trump über Afghanistan, «wir killen nur noch Terroristen.» Er trug sich bereits mit dem Gedanken die Truppen abzuziehen, schreckte aber noch vor den Risiken zurück. Diese Skrupel hat Biden offenbar nicht mehr.