Amerika
Er tötete zwei Menschen: Warum Kyle Rittenhouse nicht ins Gefängnis muss und in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde

Bei Anti-Rassismus-Protesten in Kenosha (Wisconsin) tötete er im Sommer 2020 zwei Menschen. Und trotzdem wurde der heute 18 Jahre alte Kyle Rittenhouse am Freitag von 12 Geschworenen in sämtlichen Anklagepunkten freigesprochen. Wie lässt sich dieses Gerichtsurteil erklären?

Renzo Ruf, Washington
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Kyle Rittenhouse (rechts), kurz nach der Urteilsverkündung in einem Saal eines Lokalgerichts in Kenosha (Wisconsin).

Kyle Rittenhouse (rechts), kurz nach der Urteilsverkündung in einem Saal eines Lokalgerichts in Kenosha (Wisconsin).

AP

Als er am Freitag, kaum hatten die Geschworenen seinen Klienten Kyle Rittenhouse in allen fünf Anklagepunkten freigesprochen, nach der politischen Symbolkraft des Urteils gefragt wurde, da sagte der siegreiche Anwalt Mark Richards: Er habe das Verfahren gegen Rittenhouse, der im Hochsommer 2020 am Rande einer gewalttätigen Demonstration gegen Polizeigewalt in Kenosha (Wisconsin) zwei Männer getötet hatte, nie als einen politischen Kreuzzug wahrgenommen. «Ich repräsentiere keine Aufsehen erregende Fälle, ich vertrete Klienten», sagte Richards.

Und vielleicht ist es diese banale Aussage, mit der es sich am besten erklären lässt, warum Kyle Rittenhouse am Freitag strafrechtlich ungeschoren davonkam. Sein Anwalt konzentrierte sich auf die Vorfälle vom 25. August 2020 und ignorierte Nebenaspekte wie die Debatte über institutionellen Rassismus in Amerika oder die Zulässigkeit des in der Verfassung verbrieften Rechtes auf Waffenbesitz – obwohl diese Nebenaspekte doch die emotionale Debatte über das Verfahren dominierten.

Ins Zentrum des Prozesses stellte Anwalt Richards vielmehr seinen Klienten: Ein angeblich unpolitischer Mensch, der im chaotischen Sommer 2020 mit den besten Absichten nach Kenosha gereist war. Der heute 18 Jahre alte Rittenhouse wollte verhindern, dass die Situation in der Kleinstadt nicht noch weiter eskaliere, obwohl die Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus aus dem Ruder zu laufen drohten.

Deshalb war er nicht nur bewaffnet, sondern er brachte auch einen Erste-Hilfe-Kasten mit sich. «Ich wollte den Menschen helfen», hatte Rittenhouse selbst ausgesagt.

Dass die Demonstranten ihn nicht in Ruhe gelassen hätten und Rittenhouse in Scharmützel verwickelten, auch weil er mit einer kriegsähnlichen Waffe des Typus AR-15 in der Innenstadt von Kenosha aufgekreuzt war, das sei nicht der Fehler seines Klienten gewesen, sagte Anwalt Richards. Rittenhouse habe niemanden provoziert.

Und als er schliesslich von Demonstranten attackiert wurde, da habe er in Notwehr gehandelt und dabei von seiner Waffe Gebrauch gemacht – insgesamt vier Mal. Am 25. August, kurz vor Mitternacht, tötete Rittenhouse dabei zwei Menschen, verletzte einen Mann schwer und schoss ziellos auf einen weiteren Menschen.

Diese Strategie des Anwaltes ging auf, weil Rittenhouse vor Gericht, als er schliesslich Auskunft über die verhängnisvolle Nacht geben musste, nicht dem Zerrbild entsprach, das zuvor von ihm gezeichnet worden war. Auf der Anklagebank und im Zeugenstand wirkte er harmlos und manchmal der Sache nicht gewachsen. Ein junger Mann halt, der in simpler Sprache zu erklären versuchte, wie es dazukommen konnte, dass er zwei Menschenleben ausgelöscht hatte.

Mit dem Bild, das sich ein Durchschnittsamerikaner von einem fanatischen Rechtsextremisten macht, hatte Rittenhouse jedenfalls wenig gemein – obwohl er von demokratischen Politikern wie dem heutigen Präsidenten Joe Biden doch im Atemzug mit bekannten Rassisten genannt worden war.

Rittenhouse sagt nach dem Urteil: «Selbstverteidigung ist nicht illegal»

Die Staatsanwaltschaft, die Rittenhouse im vergangenen August innerhalb zweier Tage des Mordes angeklagt hatte, tat sich dabei keinen Gefallen. Die Anklageschrift war fehlerhaft; zwei der anfänglich sieben Punkte mussten fallengelassen werden. So stellte sich heraus, dass Rittenhouse nicht gegen die Gesetze von Wisconsin verstossen hatte, als er mit seiner Waffe durch Kenosha patrouillierte.

Und Staatsanwalt Thomas Binger übertrieb es, in dem er den Anklagten als Waffenfanatiker und kaltblütigen Mörder porträtierte, obwohl dieses Bild mit der Realität wenig gemein hatte.

Zurück bleibt eine gewisse Portion Verbitterung. Das rechte Amerika beklagte sich nach dem Freispruch darüber, wie die Justiz und die Medien das Leben eines aufrechten Mannes zerstört hätten. Im linken Amerika wiederum zeigte man sich empört über das Urteil – auch weil es, zumindest in den Augen von Aktivistinnen und Bürgerrechtlern, einmal mehr zeige, dass weisse Amerikanerinnen und Amerikaner von der Justiz mit Samthandschuhen angepackt würden. (Sowohl Rittenhouse als auch sämtliche seiner Opfer hatten eine weisse Hautfarbe. Die Bluttat ereignete sich aber am Rande einer Demonstration für einen afroamerikanischen Mann, der während eines Einsatzes von einem Polizisten schwer verletzt worden war.)

Und was sagte Kyle Rittenhouse zum Urteil? Im Saal 209 des Lokalgerichts von Kenosha brach er weinend zusammen, nachdem eine Gerichtsschreiberin am Freitag fünf Mal verkündet hatte: «Nicht schuldig». Später sagte er, in eine Kamera des Fernsehsenders Fox News Channel: «Selbstverteidigung ist nicht verboten. Ich bin froh, dass alles gut gegangen ist.»

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