40 Jahre später
Papstattentat: Wie der Schweizergardist Hans Roggen versuchte, den Attentäter Ali Ağca zu erwischen

Vor 40 Jahren viel Johannes Paul II fast einem Mordanschlag zum Opfer. Und die Schweizer Gardisten merkten zum ersten Mal, wie hinderlich ihre traditionellen Uniformen im Ernstfall sind.

Markus Vögele
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Papst Johannes Paul II. Sekunden nach dem versuchten Mordanschalg auf dem Petersplatz.

Papst Johannes Paul II. Sekunden nach dem versuchten Mordanschalg auf dem Petersplatz.

Wikipedia

Rom. 13. Mai 1981. Es ist kurz nach fünf Uhr nachmittags, als sich Papst Johannes Paul II. auf dem offenen Jeep zur wöchentlichen Generalaudienz auf den Petersplatz begibt, um die zigtausend Gläubigen zu grüssen und zu segnen. Wie jeden Mittwoch fährt der Geländewagen mit dem Pontifex entlang der abgeschrankten Wege über den Platz und durch das Meer aus Pilgern, als um 17.13 Uhr plötzlich Schüsse fallen, Tauben vor Schreck gen Himmel fliegen, der Heilige Vater in seinem Fiat «Campagnola» niedersinkt, der Geländewagen über das Pflaster zurück in den Vatikan rast und die Welt den Atem anhält.

Ex-Gardist Hans Roggen erlebte das Attentat auf den Papst hautnah.

Ex-Gardist Hans Roggen erlebte das Attentat auf den Papst hautnah.

Markus Vögele

«Ich hörte zwei Schüsse und dachte sofort an einen Anschlag», erinnert sich der damalige Wachtmeister der Schweizergarde Hans Roggen, der sich zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit Wachtmeister Peter Hasler unter dem Zugang der Kolonnade bei Portone di Bronzo auf dem Petersplatz befand und das Geschehen aus 20 Metern Entfernung mitverfolgte. «Hasler und ich rannten instinktiv gegen den Jeep, wo der Heilige Vater bereits vornüber einsackte», berichtet Roggen. Wachtmeister Hasler und Hauptmann Alois Estermann, der sich anderthalb Meter hinter dem Jeep befand und 1998 selbst einem Mordanschlag zum Opfer fallen sollte, sprangen direkt auf das Fahrzeug.

Die aufgebrachte Menge hätte den Attentäter wohl gelyncht

Roggen indes konzentrierte sich auf den Attentäter, der aus kurzer Entfernung aus der Menschenmenge herausgeschossen hatte. In Uniform und Schwert hatte der damals 35-jährige Roggen einige Mühe, über die Abschrankung zu kommen. Aufgeregte Leute seien ihm zu Hilfe geeilt.

«Ich sah den Attentäter flüchten und rannte ihm mit einigen anderen nach.»

Auf der Höhe des Postwagens wurde der 23-jährige Ali Ağca dann von Zivilisten gestellt, von Carabinieri, Vigilanza und Pubblica Sicurezza umringt und unverzüglich auf den Polizeiposten beim Palasteingang gebracht. «Die aufgebrachte Menschenmenge hätte wohl den Übeltäter auf der Stelle gelyncht, wäre er nicht von uns geschützt worden», schreibt Roggen damals in seinen Bericht. Dann liess Roggen den Ort von Gardisten absperren, bis der Attentäter abgeführt wurde.

Gardist Roggen liess unmittelbar danach nach Leuten suchen, die den Anschlag auf den Heiligen Vater gefilmt oder fotografiert hatten. Insgesamt konnten zehn Personen ausfindig gemacht und den Carabinieri übergeben werden. «Ich fand noch ein Projektil, welches man jetzt in der Krone der Mutter Gottes in Fatima sehen kann», ergänzt Roggen. «Eine Hand hat geschossen, eine andere hat die Kugel gelenkt», wird der Heilige Vater Tage später über sein Schicksal sagen. Auch über die beiden Touristinnen Ann Odre aus den USA und die damals in Würzburg lebende Rose Hall, die beide in der Schussbahn standen und Schusswunden erlitten, hätte die Mutter Gottes schützend ihre Hand gehalten.

Die Ärzte kämpften, die Gardisten beteten

Nur Minuten nach den Schüssen aus der 9mm-Browning-Pistole wurde Papst Johannes Paul II. zur Sanität des Vatikans und anschliessend mit einer Ambulanz in Chirurgischen Klinik der Katholischen Universität gebracht, wo er sich einer knapp sechsstündigen Notoperation unterziehen musste. Während die Ärzte um das Leben des 59-jährigen Pontifex kämpften, beteten die Audienzteilnehmer auf dem Petersplatz bis in die Abendstunden für den Heiligen Vater, dessen Leben in den Händen der Ärzte lag.

«Der Eingriff war nötig wegen mehrfacher Verletzungen des Verdauungstraktes. Diese sind durch eine Kugel verursacht worden, die den Körper durchbohrt hat und am unteren Rücken ausgetreten ist. Der Dünndarm […] und die Bauchhöhle wurden verletzt. Als Folge kam es zu massiven Blutungen im Unterleib», so das ärztliche Bulletin. Der Grossteil der Gardisten blieb auf dem Petersplatz und zog sich erst gegen 21.00 Uhr in die Kaserne zurück. Die Stimmung in der Garde sei gedrückt gewesen, heisst es im Jahresbericht 1981 der Schweizergarde.

Was der Papst dem Attentäter zu sagen hatte

«Damals wurden die Audienzbesucher nicht kontrolliert», erklärt Hans Roggen den ungehinderten Zugang zum Petersplatz für den bewaffneten Attentäter Ali Ağca, der für seine Tat zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und seither widersprüchliche Aussagen über sein Tatmotiv gemacht hat. Mal behauptete Ağca, er habe im Auftrag des bulgarischen Geheimdienstes gehandelt, der von Moskau beauftragt worden sei, weil der Papst eine Gefahr für den Kommunismus sei. Ein anderes Mal erzählte er, er habe im Auftrag der CIA gehandelt. Und schliesslich solle ihn Ajatollah Chomeini beauftragt haben, den Papst zu töten, wie Agca in seiner Autobiographie schreibt.

Bis heute liegen die wahren Hintergründe des Papstattentats im Dunkeln. Klar ist nur: Der Papst hat dem Mann, der ihm an diesem Mai-Tag in Rom nach dem Leben getrachtet hatte, vergeben. Bei einem Besuch in dessen Gefängniszelle sprach der Heilige Vater im Dezember 1983 fast eine halbe Stunde lang mit Ağca.

«Was wir einander gesagt haben, bleibt ein Geheimnis zwischen mir und ihm“, sagte der Papst anschließend.»

Er habe zu ihm gesprochen wie man zu einem Bruder spricht, sagte der Johannes Paul nach dem Gespräch.

Papst Johannes Paul II besuchte den Attentater Ali Ağca im Dezember 1983 in dessen Gefängniszelle.

Papst Johannes Paul II besuchte den Attentater Ali Ağca im Dezember 1983 in dessen Gefängniszelle.

ZVG

Seit dem Papstattentat habe sich in der Garde in Punkto Ausbildung und Sicherheit alles komplett geändert, resümiert ein Exgardist und Kamerad Roggens, der aus sicherheitsrelevanten Gründen nicht mehr dazu sagen könne. Überhaupt seien manche seiner Kameraden aus persönlichen Gründen nicht bereit, öffentlich über die Ereignisse vom 13. Mai. 1981 zu sprechen, da sie das Geschehene so belassen wollten, so der Exgardist weiter. Und Hans Roggen? «Es war ein großer Moment des Schreckens – Tempi passati!», so der Wachtmeister im Ruhestand.