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16-Jähriger verklagt «Washington Post» wegen Verleumdung und fordert 250 Millionen Dollar

Video-Aufnahmen der Begegnung eines 16-jährigen Trump-Anhängers mit einem Ureinwohner lösten im Januar im Netz einen Sturm der Entrüstung aus.

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Wer ist hier wohl der Provokateur? Wer der Provozierte?

Wer ist hier wohl der Provokateur? Wer der Provozierte?

Screenshot Instagram

Die Berichte sollten den Schüler zum Mobbing-Opfer gemacht haben. Nun verklagt er den vermeintlichen Anstifter – die Washington Post.

Der US-Schüler Nicholas Sandmann hat Klage wegen Verleumdung gegen die «Washington Post» eingereicht. Der 16-Jährige beschuldigt die Zeitung, ihn zum Ziel einer modernen Hexenjagd gemacht zu haben. Er verlangt daher insgesamt eine Summe von 250 Millionen Dollar an Entschädigung und Schadenersatz.

So spielte sich das Medien-Drama ab: 1. Die Rollen sind klar verteilt

Ein weisser Teenager mit rotem Käppi, auf dem «Make America Great Again» steht, grinst einem älteren Mann, der aussieht wie ein amerikanischer Ureinwohner und augenscheinlich friedlich traditionelle Gesänge singt, über Minuten hinweg dümmlich ins Gesicht. Der Junge steht einfach vor dem Mann und grinst. Der Mann singt weiter und trommelt auf eine Handtrommel ein. Im Hintergrund johlen weitere Jugendliche, viele ebenfalls mit Käppis auf denen Donald Trumps Wahl-Slogan steht.

Die Jugendlichen, so erfährt man es aus den Medien, waren vor der Begegnung auf einer Anti-Abtreibungs-Demo. Der Ureinwohner, auch das erfährt man, kommt gerade von einer Demo für die Rechte der Native Americans. Und er ist ein Vietnam-Veteran.

Wer ist hier wohl der Provokateur? Wer der Provozierte? Wer der Täter, wer das Opfer? Wer gut, wer böse?

2. Einige Medien hauen drauf

Das Video ging viral und einige Medien beantworteten diese Fragen schnell. «Viral Video Shows Boys in ‘Make America Great Again’ Hats Surrounding Native Elder», titelte zum Beispiel die New York Times. «Jugendliche Trump-Fans provozieren Ureinwohner», hiess es auf Spiegel-Online. «Junge Trump-Anhänger verspotten Ureinwohner», schreibt der Tagesanzeiger.

Millionen Menschen sahen ein Video der Medien-Website «NowThis», in dem Nathan Philipps, der trommelnde Ureinwohner, sich zum Geschehen äussert: «Wir haben uns immer um die Alten gekümmert und um die Kinder. Wir haben für sie gesorgt. Ihnen beigebracht, was gut ist und was schlecht. Ich wünschte, diese Einstellung könnte ich auch bei diesen jungen Männern spüren. Damit sie unser Land wirklich wieder grossartig machen.» Dazwischen geschnitten wurden die Szenen, in denen der Schüler ihm konstant ins Gesicht grinst, im Hintergrund spielt traurige Klaviermusik.

3. Die Reaktionen

Der Hate-Storm gegen den Jungen, der im Video-Ausschnitt tatsächlich nicht wahnsinnig sympathisch rüberkommt, lässt nicht lange auf sich warten. Er verhalte sich respektlos gegenüber den Älteren ebenso wie gegenüber den Ureinwohnern – soweit die eher sachliche Kritik. Sogar die (katholische) Schule des Jungen schaltet sich ein und droht mit Suspendierung.

Ein Grossteil der Reaktionen zusammengefasst in einem Tweet:

4. Was wirklich passiert ist

Das Problem: Das Video zeigt nur einen Teil von dem, was geschehen ist.

Tatsächlich hat es sich offenbar so zugetragen: Die Teenager, alles Schüler einer katholischen High-School, haben in Washington an besagter Demo teilgenommen. Danach warteten sie laut einem der Schüler am Lincoln-Memorial auf ihren Bus. Sie vertreiben sich die Zeit mit Gesängen und Rufen.

Eine kleine Gruppe schwarzer Aktivisten, die zur Sekte der Schwarzen Hebräer gehören, wurde wohl auf die Schüler aufmerksam. Mehreren Schüler-Berichten zufolge beschimpften sie die Jungen als «Schwuchteln» und erklärten ihnen, auch Donald Trump sei schwul. Einem schwarzen Schüler sagten sie demnach, seine Klassenkameraden würden ihn ermorden und seine Organe verkaufen. Die Schüler lachten darüber und sangen weiter.


Dann erst tauchte Nathan Philipps auf, der später selbst sagte, er habe sich bewusst zwischen die Schüler und die Aktivisten gestellt, um die Situation zu entschärfen. Er stellte sich also vor den Schüler und begann zu trommeln.

5. Und die Moral von der Geschicht

Als diese Details bekannt wurden, änderten viele Medien ihre Geschichten ab oder versahen sie mit Hinweisen, dass es neue Informationen zum Thema gebe. Der deutsche Medien-Watchblog «ÜberMedien» kritisiert die Berichterstattung scharf:

Es ist, mal wieder, die Geschichte eines Medienversagens, weil alle auf der Grundlage unvollständiger Informationen in großer Geschwindigkeit eine einseitige Geschichte verbreiten.

(Quelle: übermedien)

Weisser, streng-katholischer, Trump-unterstützender Teenager gegen älteren Native American, der sich auf grundlegende moralische Werte beruft? Am Ende war es eben doch nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick aussah.

(tam/whr)