«Der letzte Hexenprozess»

Zu Tode geprügelt: Die Hölle von Ringwil jährt sich zum 50. Mal

Heute jährt sich zum 50. Mal der Mord an Bernadette Hasler. Die 17-Jährige war bei einer Teufelsaustreibung von sechs Mitgliedern einer Sekte zu Tode geschlagen worden. 22 Jahre später tötete die Haupttäterin noch einmal.

Es war im Frühling 1966, als das beschauliche Ringwil von einer abscheulichen Nachricht aufgeschreckt wurde. In einem kleinen, etwas abgelegenen Chalet oberhalb des Hinwiler Weilers war in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai die 17-jährige Bernadette Hasler gewaltsam ums ­Leben ­gekommen. «Die Leiche wies an diversen Körperteilen, so auch am Gesäss und an den Genitalien, schwere Verletzungen auf, die von stumpfen Instrumenten stammen mussten», berichtete der «Zürcher Oberländer» fünf Tage nach der Tat.

An einer Pressekonferenz in Zürich hatte zuvor unter anderen die Kantonspolizei Details zu den Todesumständen und Tätern genannt, die bereits verhaftet werden konnten. Und wegen der Nationalität der beiden Haupttäter berichteten bald auch Redaktoren von deutschen Zeitungen und Zeitschriften, wie der «Spiegel» und «Die Zeit», über das kleine Ringwil.

So erfuhr also die Öffentlichkeit, dass Bernadette Hasler nach einer Teufelsaustreibung einer im Schatten des Katholizismus wuchernden Weltuntergangssekte gestorben war – zu Tode geprügelt von fünf erwachsenen Männern und einer Frau. Die Sekte nannte sich Internationale Familiengemeinschaft zur Förderung des Friedens und war im deutschen Singen vom exkommunizierten Pater Josef Stocker (dem «Heiligen Vater») und seiner Assistentin Magdalena Kohler (der «Heiligen Mutter») gegründet worden. Es waren auch ­Stocker und Kohler, die in jener unheilvollen Nacht den Tod von Bernadette Hasler besiegelten.

Kleider selber ausgewaschen

Weil sie in Deutschland wegen eines Betrugsfalls gesucht wurden, waren der 59-jährige Stocker und die 52-jährige Kohler in die Schweiz geflohen. Im Chalet in Ringwil, das einer Familie Barmettler aus Wangen bei Olten und einem Gemüsehändler* aus Rüti vordergründig als Ferienhäuschen diente, richteten die Sektenführer ihren neuen Versammlungsort ein.
Die 17-jährige Bernadette, ­deren Eltern im aargauischen ­Hellikon wohnten und der Sekte verfallen waren, wohnte aber in Deutschland während etwa vier Jahren in einem Erziehungsheim, das die Sekte dort noch führte. Mehrmals seien Mädchen von Deutschland nach Ringwil gebracht worden, wenn sie nicht gespurt hätten, schrieb am 22. Juli 1966 «Die Zeit». Und so erging es auch Bernadette.

Weil sie angeblich «erzieherische Schwierigkeiten» bereitete und «unzüchtige Reden» geführt hatte, schlugen die drei Brüder der Familie Barmettler, der Rütner Geschäftsmann und die beiden Sektenführer Bernadette in jener Mainacht während einer Stunde mit Spazierstöcken, einem Plastikrohr und einer Reitpeitsche. Sie schlugen das Mädchen, bis ihr Unterhautfettgewebe zertrümmert war, und hörten auch danach nicht mit ihren Quälereien auf: «Nachdem sie dort in ihrem bedenklichen Zustande von der Angeklagten Magdalena Kohler (der ‹heiligen Mutter›) in die Badewanne gestossen und wegen der mit Kot verschmierten Kleider abgeduscht worden war, musste Bernadette Hasler auf deren Weisung hin noch die Kleider in dem vor dem Chalet vorbeifliessenden Bach auswaschen, wozu ihr der Angeklagte Hans Barmettler mit einer Taschenlampe leuchtete», schreibt Walter Matthias Diggelmann in seinem Buch «Hexenprozess – Die Teufelsaustreiber von Ringwil». Der 1979 verstorbene Mönchaltorfer Schriftsteller hatte das Buch 1969 über die Tat, den Verlauf der Gerichtsverhandlung, das Leben und die psychische Entwicklung der Angeklagten geschrieben.
Als die Erwachsenen am Morgen nach dem Mädchen sahen, war es tot, gestorben an einer Fettembolie der Lungen, die als Folge der Zertrümmerung ihres Gewebes eingetreten war.

Die Welt sprach über Ringwil

Von den Qualen, die Bernadette Hasler in jener Nacht durchlitt, bekam in Ringwil keiner etwas mit. Die Bewohner erfuhren erst aus der Zeitung davon. «Es war ein Schock für uns alle», sagt ein Ringwiler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. «Wir fielen aus ­allen Wolken. Wir hatten ja nicht mal gewusst, dass im Chalet die Mitglieder einer Sekte ein- und ausgingen», sagt er. Auch der Ringwiler Peter Schmidt erinnert sich gut an die Zeit. «Es war eine grosse Sache. Wir waren am Anfang alle sehr betroffen. Wir konnten es nicht glauben, dass in unserem Bauerndorf so etwas geschehen konnte», sagt das langjährige Mitglied der Reformierten Kirchenpflege Hinwil.

Bald füllten sich nebst den inländischen auch die ausländischen Zeitungen mit Artikeln über die Tat. «Plötzlich sprach die ganze Welt über Ringwil. Ich war 23 Jahre alt und fuhr ein paar Wochen nach der Tat mit meinen Kollegen nach Südfrankreich in die Ferien. Einer von ­ihnen schämte sich auf der Reise sehr, zu sagen, dass wir aus Ringwil kommen», sagt Schmidt. Und auch der andere Ringwiler erinnert sich: «Im WK sprachen mich die anderen Rekruten auf den Fall an», sagt er.

Dass keiner aus dem Dorf selber mit der Tat zu tun hatte, half den Bewohnern des Weilers in all den Jahren, mit dem Fall ab­zuschliessen. «Keiner hatte die ­Leute von der Ferienhaussiedlung dort oben richtig gekannt. Die Häuser waren abgelegen, und die Bewohner verkehrten nicht mit uns», sagt Schmidt. «Wir hatten das Mädchen nicht gekannt, und fünf der sechs Täter waren Fremde. Selbst der Gemüsehändler, der sich an der Teufelsaustreibung beteiligte, war als Rütner kein Einheimischer. Er war keiner von uns.» Schmidt erinnert sich aber gut daran, dass die ­Leute nicht mehr bei ihm einkauften. «Sein Name war allen ein Begriff.»

«Der Hass auf ihn war gross», sagt auch der andere Ringwiler. So gross, dass das Chalet des Geschäftsmanns nach der Tat zweimal hintereinander angezündet wurde. «Während beim ersten Mal am Häuschen nur wenig Schaden entstand, hat es beim zweiten Mal gebrannt wie verrückt», erinnert sich der frühere Wachtmeister der Feuerwehr Hinwil, der damals selber an den Löscharbeiten beteiligt war. Der Hass war offenbar auch so gross, dass seine Familienmitglieder heute auf keinen Fall mehr mit den Geschehnissen in Verbindung gebracht werden und auch keine Stellung dazu nehmen möchten. Man habe in der Vergangenheit weiss Gott genug darunter gelitten, sagten sie.

Während die Familie des Geschäftsmanns sehr lange mit der Situation haderte, schlossen die Ringwiler selber irgendwann mit dem Fall ab. Zu sagen, dass die Tat den Weiler für immer veränderte, wäre daher falsch. «Wir waren fassungslos, aber irgendwann wars dann auch vorbei», sagt Schmidt.

Weder Scham noch Reue

Im Januar und im Februar 1969 fand im Schwurgerichtssaal in Zürich der Prozess gegen die ­Täter statt. Die Zeitungen schrieben vom «letzten Hexenprozess», an dem die «Teufel von Ringwil» (so «Die Zeit») vor den Geschworenen ihre Tat erklärten. Sie hätten, so sagten alle, nicht das Mädchen, sondern nur den Satan treffen wollen. «Das sündhafte Mädchen hat weder mit Weinen noch mit Schreien auf die Prügel reagiert, weil es die Prügel nicht gespürt hat, weil die Prügel den Teufel getroffen haben», sagte gemäss Schriftsteller Diggelmann Magdalena Kohler vor den Geschworenen. Während Kohler weder Reue noch Scham zeigte und auch kein Schuldeingeständnis machte, versprach Josef Stocker für alle Angeklagten: «Mein Betragen betrachte ich heute als Irrweg, den ich nie mehr begehen werde. Ich werde dafür sorgen, dass in meiner Umgebung nie mehr geprügelt wird.»

Kohler und Stocker wurden zu je 10 Jahren Zuchthaus, 15 Jahren Landesverweisung und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre verurteilt, der Rütner Geschäftsmann zu einer Gefängnisstrafe von vier und die Brüder Barmettler zu je drei Jahren Gefängnis.

Das Drama wiederholt sich

Die zehn Jahre Gefängnis veränderten Magdalena Kohler nicht: Nach ihrer Entlassung machte sie dort weiter, wo sie aufgehört hatte. Ende Oktober 1988 stand sie erneut vor Gericht, diesmal in Konstanz. Nach der Verbüssung ihrer Strafe war sie aus der Schweiz ausgewiesen worden und dann nach Singen zurückgekehrt, wo sie von den Sektenanhängern weiterhin als «Heilige Mutter» verehrt wurde – auch von der Seniorin Anna Wermuthäuser.
Fast fünf Jahre lang quälte Magdalena Kohler, die mittlerweile 73 Jahre alt war, zusammen mit ihrer Schwester Hildegard Röller die Rentnerin Wermuthäuser im Rahmen von Teufelsaustreibungen, wie der «Spiegel» im Oktober 1988 schreibt. Die Schwestern traten Wermuthäuser während Jahren mit den Knien und schlugen sie mit der flachen Hand und dem Teppichklopfer.

So wiederholte sich quasi in Singen das Drama, das sich in Ringwil abgespielt hatte: In der Nacht vom 6. auf den 7. Februar 1988 starb die 66-jährige strenggläubige Frau, die noch knapp 40 Kilo wog, an inneren Blutungen.

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