Es ist gar nicht so einfach, den neuen Versammlungsort der Limmattaler Zeugen Jehovas zu finden. Der Saal befindet sich in Spreitenbach im Erdgeschoss eines unscheinbaren Neubaus in der Nähe von Tankstellen und einer Filiale einer Fastfood-Kette. Im Innern ist alles nicht nur neu, sondern auch topmodern eingerichtet. Die Informationsbeauftragte der Zeugen Jehovas Anna-Nina Wille erklärt stolz: «Fast den kompletten Innenausbau haben wir selber gemacht.» An zwei verlängerten Wochenenden wurde gestrichen, gebohrt und eingerichet. Aus der ganzen Schweiz seien Mitglieder angereist, um zu helfen. Das sei bei den Zeugen Jehovas üblich. Nicht nur könnten die Kosten gering gehalten werden, weil vieles gleichzeitig angegangen werde, sei die Arbeit auch noch schneller fertig, so Wille. Die Kosten werden auch deshalb gering gehalten, weil sich die Religionsgemeinschaft ausschliesslich durch freiwillige Spenden finanziert. Der neue Versammlungssaal wird von rund 350 Gläubigen aus dem Zürcher und Aargauer Limmattal genutzt werden.

Zeugen Jehovas gibt es auf der ganzen Welt. Die Religionsgemeinschaft ist im 19. Jahrhundert in den USA aus der internationalen Bibelforscher-Vereinigung hervorgegangen. Die «Zeugen» glauben an den Gott Jehova als einzige Autorität, deshalb leisten sie auch keinen Militärdienst. Sie gelten als sehr bibeltreu. 

Gemeinsames Bibelstudium

Obwohl der Königreichssaal in Spreitenbach – so nennen die «Zeugen» jeweils ihre Versammlungsorte –, noch nicht ganz fertig ist, wird er schon bereits rege genutzt. Zweimal pro Woche findet sich die Versammlung Dietikon, die das ganze Limmattal einschliesst, für einen Gottesdienst in Spreitenbach ein.

An diesen Zusammenkünften widmen sich die Mitglieder vor allem dem Wachtturm- oder Bibelstudium. Das sei für die Zeugen Jehovas sehr wichtig. «Wer unserer Gemeinschaft beitreten will, muss sich erst ausführlich mit der Bibel auseinandersetzen und zeigen, dass er nach deren Grundsätzen leben möchte», erzählt Wille. Einmal Mitglied wird eine aktive Beteiligung an der Gemeinschaft erwartet. Mitglieder sollten Predigtdienst halten. Predigtdienst nennen die Zeugen Jehovas das für sie typische Missionieren von Tür zu Tür. Dabei wollen sie den Menschen die «biblische Wahrheit» näherbringen und verteilen ihre Zeitschriften «Wachtturm» und «Erwachet!». «Wir respektieren aber auch, wenn jemand kein Interesse hat», so Wille.

So harmlos, wie die Gemeinschaft sich dargestellt, ist sie aber keinesfalls, sagt Regina Spiess, Beraterin bei InfoSekta: «Wir beurteilen die Zeugen Jehovas als stark sektenhafte Gruppe.» Nicht nur weil die Wachtturm-Gesellschaft sehr geschlossen sei und Mitglieder praktisch nur mit anderen Zeugen Jehovas Kontakt hätten. Auch der geforderte Aufwand für die Gruppe sei enorm. Zweimal pro Woche sei Versammlung und daneben müssen sich die Mitglieder noch im Predigtdienst engagieren. 

Keine Geburtstagsgeschenke

Speziell bei den Zeugen Jehovas ist, dass sie weder Geburtstage, Ostern oder Weihnachten feiern. Den Grund erklärt Wille: «Diese Feste gehen auf heidnische Bräuche zurück und sind nicht in der Bibel beschrieben.» Den Kindern müssten doch diese Feste fehlen, vor allem, wenn sie die Bräuche in der Schule mitbekommen. «Es gibt sicher Kinder, die Schwierigkeiten damit haben. Wir erklären ihnen aber ausführlich, warum wir nicht feiern», so Wille.
Spiess von Info-Sekta sieht das anders. Das seien besonders positiv besetzte und gesellschaftliche wichtige Feste, bei denen die Kinder nicht mitmachen dürften. Diese Anlässe stehen bei den Zeugen aber für eine heidnische, verdorbene Welt. So würden die Kinder zu einsamen Grenzgängern zwischen zwei Systemen werden.
Umstritten ist die Ablehnung von Bluttransfusionen durch die Zeugen Jehovas, was immer wieder zu Schlagzeilen führt, weil es auch zu Todesfällen gekommen ist. Wille sagt: «Die Bibel verbietet Blut zu sich zu nehmen, egal in welcher Form.» Die Informationsbeauftragte verweist auf angebliche Alternativen.

Evolutionstheorie, nein danke

Wie viele streng gläubige Menschen, lehnen Jehovas Zeugen auch einen grossen Teil der Evolutionstheorie ab. Sie glauben an Jehova als Ursprung der Welt. «Manchmal hab ich mich geärgert, dass wir in der Schule nur die wissenschaftliche Sicht mitbekamen», so Wille. Und weiter: «Mit der Bibel ist so vieles zu erklären.» Nur wer sich von der Bibel leiten lasse, könne ein wirklich glückliches Leben führen.