Im Hauseingang vor dem Gebäude im Zürcher Kreis 5 sitzt eine zusammengekauerte Gestalt mit langen, wilden Haaren. Am Körper trägt sie nichts als einen weiten Pullover, Trainerhosen und Hausschuhe. Als wir anhalten und aus dem Auto aussteigen, sieht der Mann mittleren Alters auf: «Hoi Hélène, endlich bist du da.» Die Birmensdorferin Hélène Vuille begrüsst ihn. Ihre Gesten sind herzlich, fast zärtlich. Dem Fotografen und mir aber streckt der Mann eher widerwillig die Hand hin: «Ich bin dä Beni*» – sein finsterer Blick bleibt zum Boden gewandt. Wir sind in einem Obdachlosenhospiz wie diesem Fremdkörper. «Die Bewohner wähnen in jedem fremden Besucher einen Polizisten. Viele von ihnen haben schlechte Erfahrungen mit der ‹Schmier› gemacht», erklärt Vuille mit einem entschuldigenden Achselzucken.

Wir beginnen damit, die grauen Kunststoffkisten aus dem Wagen auszuladen, die den Anlass für unseren Besuch bilden. Sie sind gefüllt mit Tagesfrischprodukten von der Migros-Gourmessa an der Birmensdorferstrasse: Canapés, Fixfertig-Salate, Plunder, Crème-Cornets und Sandwiches. Seit
16 Jahren kämpft Vuille dafür, dass die Migros diese problemlos geniessbaren Lebensmittel nicht entsorgt, sondern an karitative Organisationen gratis abgibt (die Limmattaler Zeitung berichtete). Hier sind wir am Ort, an dem alles begann: Das Männerhospiz im Kreis 5 war die erste Institution, welche die Autorin mit den Produkten der Migros Wiedikon belieferte. Seit 1998 fährt sie zweimal wöchentlich zum Hospiz, um den Bewohnern jene Köstlichkeiten zu bringen, die der Grossist sonst in den Abfall befördern würde. Beni erwarte sie jedes Mal vor dem Haus, wenn sie in die Einfahrt einbiege, sagt Vuille.

«Es könnten mehr Hunger haben»

Als wir in den Aufenthaltsraum im Erdgeschoss eintreten, ist nur eine Handvoll der rund 30 Bewohner des Hospizes dort versammelt. Der Raum ist karg, aber gemütlich eingerichtet. Rechts neben dem Eingang befindet sich die Durchreiche zur Küche, auf der wir zusammen mit dem stellvertretenden Hospizleiter Romeo die grauen Plastikkisten zur Ausgabe aufbauen. Im Hintergrund plärrt pausenlos der Fernseher. Nach und nach versammeln sich weitere Personen im Aufenthaltsraum.
Wer erwartet hat, dass sich nun vor der Durchreiche eine Schlange bildet, oder sich alle auf die besten Stücke stürzen, hat sich getäuscht: Die Stimmung bleibt ruhig. Einer nach dem andern gehen sie bei Vuille vorbei, wählen aus und setzen sich ruhig, meist für sich alleine, an einen Tisch. «Nimm doch noch ein Tatarbrötchen», bittet Vuille einen Bewohner, der nur gerade ein Käseküchlein auf seinen Teller geladen hat. «Nein danke», antwortet er, «es könnten aus den oberen Stockwerken ja noch mehr Leute kommen, die Hunger haben.»

Später wird mir Romeo sagen, dass es im Hospiz schon auch mal rauer zu und hergehen kann. An diesem Abend wird es jedoch nur einmal laut: Auf der Eckbank direkt neben dem Buffet hat sich Hitsch platziert. Als sich Beni neben ihn an den Tisch setzen will, schreit er plötzlich auf. «Pass doch uuf!» Erst jetzt entdecke ich, dass Hitsch weder Schuhe noch Hausschuhe trägt, wie die anderen. Er habe anderthalb Jahre auf der Strasse verbracht, sagt Vuille. Gelebt hat er von dem, was ihm Passanten gegeben haben, sein Schlafplatz war unter einer Brücke an der Limmat, weil der Wind dort weniger stark blies. «Als Hitsch ins Hospiz kam, waren ihm bereits drei Zehen abgefroren. Seither verspürt er Schmerzen bei jeder Berührung», so Vuille.

Nach dem Zusammenstoss nimmt Beni die Birmensdorferin zur Seite: Hitsch brauche wirklich dringend Schuhe, er gehe selbst jetzt im Winter nur in Socken an den Füssen nach draussen. Sie werde ihm am nächsten Tag Schuhe besorgen, versichert Vuille. Und zu uns gerichtet: «Ich kann nur situativ helfen, auf den Rest ihres Alltags habe ich keinen Einfluss.»

Und doch ist die 61-Jährige hier mehr als nur eine Frau, die Lebensmittel bringt und ab und an jemandem aus der Klemme hilft. Sie ist für viele Hospizbewohner die einzige Vertraute, die ihnen zuhört. Und dies, obwohl Vuille jener Gesellschaft angehört, der die Existenz von Randständigen eher ein unangenehmes Übel ist. Das Misstrauen, welches uns Aussenstehenden in den Gesprächen entgegenschlägt, die Skepsis derjenigen, die von ihren Familien, Freunden und vom Glück verlassen wurden, ist ihr gegenüber nicht feststellbar.

Ein Besuch aus Sehnsucht

Nicht alle Beziehungen Vuilles zu den Bewohnern des Hospizes sind gleich eng. Einige aber mündeten in Freundschaften. So etwa bei Manuel, auf den ich im Verlauf des Abends treffe. Der rundliche Mittvierziger mit den wachen Augen hat vor einem halben Jahr in einem Heim der Stiftung Züriwerk Unterschlupf gefunden. Ins Hospiz ist er an diesem Abend nur deshalb gekommen, weil er Vuille vermisst hat, wie er sagt. Er rufe sie sonst fast täglich an, um ihr mitzuteilen, wie es ihm geht.

Und dann ist da auch Mendi. Der drahtige junge Latino mit dem breiten Zürcherdialekt wurde als kleines Kind von einer Schweizer Familie adoptiert. Noch als Minderjährigen stellten sie ihn aber auf die Strasse. In Zürich kam er in Kontakt mit anderen Jugendlichen, die auf der Strasse lebten. Es folgten erste Erfahrungen mit Drogen, erste Deals und schliesslich das Gefängnis. Im Hospiz ist er seit einem halben Jahr. Als der stellvertretende Leiter Romeo in der Küche mit dem Aufräumen beginnt, geht Mendi auf Vuille zu: Ob sie bei der Weihnachtsfeier am nächsten Tag ein paar Minuten für ihn hätte. «Klar», antwortet sie ihm. «Weisst Du, ich möchte Dir meinen Palast zeigen», erklärt er. Denn er habe das schönste Zimmer im ganzen Hospiz. «Und die Putzfrauen liebten mich vom ersten Tag an: Ich halte in meinem Zimmer immer Ordnung», so Mendi.

Es ist Zeit, zu gehen. Nur noch einige wenige Canapés sind auf der Auslage übrig. Kommt es vor, dass die Hospizbewohner nicht alles essen? «Sicher», sagt Vuille, «und was übrig bleibt, wird entsorgt. Aber immerhin machten die Lebensmittel 30 Menschen satt. Sonst wären sie direkt im Müll gelandet.»