Die Wahl einer Persönlichkeit wie Langhart widerspricht dem in der SVP zu beobachtenden Trend der Akademisierung. Ein Blick auf die Zürcher Nationalratsdelegation in Bern zeigt, was gemeint ist: Eine neue Gruppe von Intellektuellen, Bankern und Wirtschaftsleuten gibt dort neuerdings den Ton an. Leute wie Roger Köppel, Hans-Ueli Vogt, Thomas Matter oder Gregor Rutz gehören dazu — und eben auch Jurist und Kommunikationsberater Zanetti. Sie haben die alte Garde, bestehend aus Bauern und Gewerblern, verdrängt. Dass nun ausgerechnet in der wichtigen Zürcher Kantonalpartei ein Bauer an die Spitze gewählt wird, passt nicht ins Bild. Dabei geht es weniger um den Beruf als um die Persönlichkeit. Ingenieur Agronom FH Langhart, der mit seiner Partnerin einen Hof in Oberstammheim führt, ist kein wortgewandter, intellektueller Parteimanager, sondern ein stiller, bodenständiger Schaffer. Im Kantonsrat jedenfalls (seit 2011) hat er weder dicke Stricke zerrissen noch grosse Reden geschwungen.

Der kantonalen SVP stand mit Claudio Zanetti eine Persönlichkeit zur Verfügung, die nicht nur dem neuen SVP-Typus entsprochen hätte, sondern auch als Zürcher Parteipräsident geradezu prädestiniert gewesen wäre. Seine Nichtwahl erstaunt umso mehr. Zanetti kennt sich in der kantonalen Politik aus wie in seiner Hosentasche. Er war unter Blocher acht Jahre Parteisekretär, wirkte als dessen «Feldweibel». Bereits in dieser Rolle machte er sich über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt und stellte Fleiss und Ehrgeiz unter Beweis. Er und der damalige Fraktionspräsident Alfred Heer bildeten ein schlagkräftiges Duo. Heer wurde später Parteipräsident. Jetzt, bei Heers Rücktritt, wäre Zanetti eigentlich der logische Nachfolger gewesen. Warum haben die Parteidelegierten anders entschieden? Es gibt eine Reihe von plausiblen Vermutungen. Die Bauern mobilisierten im Vorfeld kräftig. Laut parteiinternen Beobachtern marschierten die Landwirte in Pfungen ausgesprochen zahlreich auf. In der Versammlung selber war ein Appell zur Bauernsolidarität zu hören. Er hat offensichtlich verfangen. Noch wichtiger dürfte aber das Bauchgefühl der nicht bäuerlichen Delegierten gewesen sein. Diese hatten wohl weniger die intellektuellen Fähigkeiten der Kandidaten im Blick als deren Persönlichkeit.

Hier konnte Langhart ausgerechnet mit etwas punkten, was ihm als Nachteil ausgelegt werden kann: mit seinem unspektakulären, aber sympathischen Auftritt. Er versuchte nicht, den wortgewandten Politiker zu mimen, sondern trat als ehrliche Haut auf, der man vertrauen kann. Den Juristen Zanetti haben die Delegierten offensichtlich weniger als einen der Ihren angesehen, sondern als einen jener Aufsteiger, die sich nach Bern in die Bundespolitik verabschiedet haben. Kommt dazu, dass Zanettis manchmal schlitzohrige und abgehobene Art den einen oder anderen Delgierten kopfscheu gemacht hat. Anders als Langhart nahm sich Zanetti ab und zu auch die Freiheit zu abweichenden Positionen heraus: Er war gegen die Minarettinitiative, lehnt das Burkaverbot ab, ist für die Legalisierung von Hanf und für das Adoptionsrecht von Homosexuellen. Selbst mit ganz Linken hatte er Berührungspunkte. So kritisierte er etwa den Kauf eines Staatstrojaners durch die Kantonspolizei, weil der Segen des Volkes noch fehlte. All das verwirrte.

Für die andern Parteipräsidenten, linke wie rechte, dürfte der bedächtige Langhart der angenehmere Gesprächspartner sein als der quirlige und manchmal auch giftige Kampftwitterer Zanetti. Aber sie sollten sich nicht zu früh freuen: Langhart vertritt die Parteilinie eher noch konsequenter als Zanetti, wenn auch weniger schrill und provokativ. Langhart steht nun vor allem intern unter sehr grossem Erwartungsdruck. Er muss beweisen, dass auch einer wie er die grosse Zürcher Kantonalpartei im Gespräch halten und noch voranbringen kann. Dass das für einen Ungeübten alles andere als eine einfache Aufgabe sein wird, weiss er selbst am besten.